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Behr weist sich aus. Fluppi akzeptiert's. So grade.

Zufallstreffer in Oberrad

Im tiefen, dunklen Tellerheeg

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Die FR wirft einen Dartspfeil auf den Stadtplan und schaut nach, wer und was da so in echt passiert. Diesmal hat es Stadtwald bei Oberrad getroffen. Unser Autor trifft dort auf sein Schicksal. Das heißt aber nicht Darth Vader sondern Fluppi. Eine Reise in den Wahnsinn.

Die FR wirft einen Dartspfeil auf den Stadtplan und schaut nach, wer und was da so in echt passiert. Diesmal hat es Stadtwald bei Oberrad getroffen. Unser Autor trifft dort auf sein Schicksal. Das heißt aber nicht Darth Vader sondern Fluppi. Eine Reise in den Wahnsinn.

Am Ende der Straße Im Teller, dort, wo sie in den Tellerweg mündet, also genau dort, wo sich die Oberräder Teller-Siedlung und der Stadtwald küssen, steht eine greise Ziegenhirtin. „Grüß Euch Gott, Gevatterin“, rufe ich ihr zu, „wo geht es denn zum Tellerheeg?“

Was ich dort wolle, fragt die Alte, und ihre Augen verengen sich zu Schlitzen. Ich sei von der Zeitung, sage ich ihr, wir hätten diese Serie „Zufallstreffer“, da werfe man einen Dartpfeil auf einen Stadtplan, und wo der lande, da müsse man hin, und ob sie’s glaube oder nicht, ich hätte den verfluchten Pfeil doch tatsächlich mitten in den … Die Alte starrt mich unverständig an, dann flüstert sie: „Gehen Sie nicht in den Tellerheeg, junger Herr, dort ist es nicht geheuer.“ Dann treibt sie ihre Ziegen in Richtung Waldfriedhof Oberrad.

Abergläubisches Geschwätz

Das abergläubische Geschwätz der Eingeborenen kann weder mich noch Fotograf Martin Weis einschüchtern. Wir betreten frohen Mutes den Stadtwald, vor uns breitet sich der malerische Tellerheeg aus. Kein Laut stört die himmlische Stille, abgesehen vom Verkehr der A661, der in ein paar Metern Entfernung vorbeidonnert. Und den landenden Flugzeugen. Aber sonst: kein Quaken eines Frosches, kein Gesang eines Vogels. Und erst recht kein Mensch. Ist wohl auch die falsche Jahreszeit.

Wir entscheiden uns für die direkte Passage zur Buchrainschneise. Hinter uns verschwinden langsam die letzten Zeichen der Zivilisation. Es ist bitterkalt. Vielleicht sollten wir doch umkehren, sagt Weis, zu später Stunde habe ihm ein Einäugiger mal im Doctor Flotte erzählt, dass der Tellerheeg tatsächlich verflucht sei. Hier sei im Winter 1772 die Dienstmagd Kunigunde Tellerheeg unter tragischen Umständen ums Leben gekommen. Sie habe im Buchrainweiher ins Wasser gehen wollen, weil sie fürchtete, von Goethe schwanger zu sein – eine damals weit verbreitete Befürchtung unter Frankfurter Dienstmägden. Jedenfalls habe sie sich auf dem Weg dorthin in diesem menschenleeren Forst verlaufen und zu Tode gelangweilt. Seitdem gehe sie hier um. Im Doctor Flotte werde viel geschwätzt, wenn die Nacht lang sei, sage ich und schreite voran.

"Verdammt gutes Feuilleton"

Inmitten der von Raureif bedeckten Blätter findet Weis etwas, von dem er annimmt, es handele sich um die sterblichen Überreste Kunigunde Tellerheegs, aber mehr als eine gewagte These ist das nicht. Noch während ich Weis zu erklären versuche, dass der Schädel sämtliche Charakteristika eines hessischen Mufflons aufweise, ertönt aus unmittelbarer Nähe eine merkwürdig krächzende Stimme: „Kann ich den Herren dienlich sein?“
Wir fahren herum, wähnten wir uns doch bis eben völlig allein. Auf einem Baumstumpf unweit des Trampelpfads hockt ein räudiger Hund im Sherlock-Holmes-Kostüm. Ein seltsamer Anblick, aber der Hund scheint freundlich. Er stellt sich als Fluppi, Wächter des Tellerheegs vor. Wir sagen, dass wir von der Zeitung kämen und im Dartspiel verloren hätten. „Kann ich Ihre Presseausweise sehen?“, fragt Fluppi. Natürlich kann er.

„Ah, Frankfurter Rundschau“, sagt Fluppi und schnalzt mit der Zunge. „Kenne ich. Etwas reaktionär, aber verdammt gutes Feuilleton.“ Nein, sage, ich, das seien die anderen, aber davon will Fluppi nichts hören. „Wenn Sie gutes Feuilleton von schlechtem unterscheiden könnten, dann würden Sie wohl kaum bei klirrender Kälte durchs Unterholz stolpern, um den Wächter des Waldes zu interviewen“, sagt Fluppi – und beim Deibel, da hat er irgendwie recht.

Hilmars irres Lachen

„Also, notieren Sie“, spricht Fluppi, ich zücke Kugelschreiber und Notizblock. „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen“, sagt Fluppi. Ich versuche mitzuschreiben, aber der Sinn der Wörter erschließt sich mir nicht. „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie sollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen“, fährt der Hund Fluppi unbarmherzig fort. „Moment bitte, ich komme nicht mit?…“, stammele ich, aber da bin ich bei Fluppi an den Unrechten geraten.

Seine Augen laufen rot an, er wächst und wächst, sein Fell wird struppiger, und plötzlich steht an seiner Stelle der ehemalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD), und mit Donnerstimme brüllt er durch den Tellerheeg, dass man für kurze Zeit weder Autos noch Flugzeuge hört: „Will vom Feuilleton sein, hat aber noch nie was von der Dialektik der Aufklärung gehört. Verflucht sollst du sein. Abrakadabrastrubbeldiekatz! Niemals mehr sollst du den Tellerheeg verlassen.“ „Nein“, schreie ich, „das ist ein Irrtum“, alles dreht sich, Hilmars irres Lachen dröhnt in meinen Ohren, und dann falle ich, tiefer, tiefer, immer tiefer …

Bloß stinkelangweilig

Der Arzt im Hospital zum Heiligen Geist sagt, er hätte schon schlimmere Erfrierungen als die an meinen Fingern gesehen. Was zur Hölle ich denn getrieben hätte, will er wissen. Im Tellerheeg sei ich gewesen, sage ich ihm, und das sei nichts für rechtschaffene Christenmenschen, denn dort gehe es ganz und gar nicht mit rechten Dingen zu. Der Wald sei verflucht.

Unsinn, sagt der Arzt, er kenne den Tellerheeg. Da sei es ganz und gar nicht unheimlich, lediglich stinkelangweilig, er gehe da ab und an mal joggen. Zu welchem Behufe ich mich denn dort aufgehalten hätte, will er wissen. Zwecks einer Reportage, sage ich. Na, lacht der Chefarzt, da könne ich demnächst gerne mal in seinem Spind vorbeischauen, da sei ähnlich viel los wie im Tellerheeg. Und es gebe viel weniger Flug- und Autobahnlärm.

Der Fotograf Weis, der mich eingeliefert habe, sagt der Arzt, beteuere, dass ich nach fünf Minuten vor Ort, gar nicht unweit des Waldfriedhofs, in eine Art Schockstarre gefallen sei und auf Zurufe nicht mehr reagiert hätte. Aber der kann ja viel behaupten.

Der Arzt verordnet mir vorerst Bettruhe, viel Flüssigkeit und eine Wärmflasche auf den Bauch. Ist gut, sage ich ihm, aber vorher müsse ich noch in die Redaktion gehen, aufschreiben, was ich im Tellerheeg erlebt und erduldet habe – andere warnen, auf dass es ihnen nicht ähnlich im Forst ergehe. „Im Tellerheeg kann man was erleben?“, fragt der Arzt und runzelt seine Brauen. Und ob man da was erleben könne, bescheide ich ihn. Aber das würde er mir sowieso niemals glauben.

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