Gericht

„Therapie oder sexuelle Belästigung?“

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Amtsgericht verhandelt Fall von medizinischer Massage, die auch eine Vergewaltigung sein könnte.

Die Gretchenfrage stellte Frau N. ihrem Physiotherapeuten im Oktober 2018 noch während der Massage: „Ist das eine Therapie oder so eine Art sexuelle Belästigung?“ Die vorläufige Antwort, die die Staatsanwaltschaft gibt, macht die Massage zu einem Fall für das Schöffengericht: Das war Vergewaltigung.

Es ist ein sehr spezieller Fall, der am Montagmorgen vor dem Amtsgericht verhandelt wird. Ein paar Säle weiter verhandelt das Landgericht gegen einen 32-Jährigen, der einer 25 Jahre alten Frau im „Cookies“ angeboten hatte, sie nach Hause zu chauffieren – sie stattdessen aber in ein Hotel fuhr, wo er sie zum Geschlechtsverkehr zwang. Dieser Fall wird, wie in solchen Fällen Usus, unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt.

Der Massagefall klingt dagegen wie ein Fall aus einer anderen Liga. Angeklagt ist der bis dato unbescholtene 55 Jahre alte Physiotherapeut A. Er soll bei der fraglichen Massage der 41 Jahre alten Frau N., die wegen Rückenproblemen seit 2011 bei ihm in Behandlung ist, „unter Ausnutzung des Überraschungsmoments“ zwei Finger in die Vagina gesteckt haben. Als sie sich sofort beschwert habe, sagt N., habe A. beteuert, dass hier ein Missverständnis vorliege und er, falls er sie unsittlich berührt habe, dies ohne Absicht getan habe. Er habe sich mehrfach entschuldigt.

Bleibende Schäden hat der Vorfall bei Frau A. nicht hinterlassen, die aber dennoch der korrekten Auffassung ist, sich so etwas nicht gefallen lassen zu müssen. Fast täglich werden an Frankfurter Gerichten Fälle von sexuellen Übergriffen und Nötigungen verhandelt, die weitaus brutaler sind und für die Opfer verheerende Folgen haben. Die Übergänge sind bei den Straftaten, die der Gesetzgeber in Paragraf 177 des Strafgesetzbuches unter „Sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung“ zusammenfasst, fließend. Das Strafmaß beginnt dort mit einem Minimum von sechs Monaten Freiheitsstrafe. Die Grenze zur Vergewaltigung ist laut StGB überschritten, wenn „der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht … oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt …, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper (Vergewaltigung) verbunden sind“. In diesem Fall ist eine Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren die Mindeststrafe.

Für A. steht also viel auf dem Spiel, und Einlassungen wie „Ich habe eine Frau und zwei Kinder, ich würde so etwas nie tun“ bringen da auch nicht viel, denn dafür gibt es zu viele verurteilte Vergewaltiger, die geglaubt haben, ihr Status als Familienvater werde das Gericht zu einem Freispruch bewegen. A. sagt, er habe Frau N., die ihm als Patientin und Nachbarin ja auch bestens bekannt gewesen sei, möglicherweise aus Versehen an einer intimen Stelle berührt, von Eindringen könne aber keine Rede sein. Dass sich seine Patienten für eine Rückenmassage splitternackt ausziehen müssten, sagt A., habe er so in seiner Ausbildung gelernt und bislang habe sich noch niemand beschwert.

Aber selbst A.s Verteidiger räumt ein, dass N. die ganze Geschichte wohl kaum frei erfunden habe – vermutlich liege hier ein klassisches „Missverständnis“ vor. Anders als in der vor Jahren auch in Frankfurt verhandelten Causa Kachelmann könne man hier ausschließen, dass eine Frau sich an einem Mann aus welchen Gründen auch immer mit einem erfundenen Vergewaltigungsvorwurf rächen wolle.

Es ist einer jener Fälle, bei denen Aussage gegen Aussage steht – und es keine Indizien gibt, die den Tatvorwurf erhärten oder entkräften könnten. Auch ist die Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen – die Ehefrau des Angeklagten etwa verfolgt die Verhandlung aus dem Zuschauersaal. Aber wie in jedem Vergewaltigungsprozess, bei dem der Angeklagte nicht geständig ist, bleibt auch hier dem mutmaßlichen Opfer eine schier endlose Beantwortung sich ständig wiederholender Fragen, die zumeist in die Kategorie peinlich oder unangenehm fallen, nicht erspart. Ständig muss Frau N. sich fragen lassen, weshalb sie den Vorfall erst einen Monat danach und nach intensiver Beratung mit ihrem Ehemann und ihrer Frauenärztin angezeigt habe. Wer jemals einem Vergewaltigungsprozess verfolgen musste, der weiß, warum sich viele Opfer diesen Schritt sehr gut überlegen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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