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Empfehlungen für die Quarantäne

Theologe:„Es geht auch darum, für andere da zu sein“

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Der Theologe Thorsten Latzel über die Chancen der Quarantäne und die Fastenzeit.

Thorsten Latzel (49) ist Direktor der Evangelischen Akademie in Frankfurt. Der Pfarrer veröffentlicht auf der Internetseite der Akademie regelmäßig Beiträge unter dem Titel „Queres aus der Quarantäne“. Zu finden sind sie unter www.queres-aus-der-quarantäne.de.

Herr Latzel, Sie schreiben im Moment regelmäßig Beiträge unter dem Titel „Queres aus der Quarantäne“. Sind Sie selbst in Quarantäne?

Nein. Wir machen derzeit alle Homeoffice, um Ansteckungen zu verhindern. Ich meine mit dem Titel die „kollektive Quarantäne“, die wir als Gesellschaft gerade einhalten.

In einem Ihrer Beiträge schreiben Sie, dass es gut sei, wenn wir diese Zeit nicht depressiv als „Seuchenopfer“ erleiden, sondern aktiv und kreativ mit ihr umgehen. Was meinen Sie damit?

In besonderen Zeiten zeigt sich die Haltung einzelner Menschen und der Gesellschaft. Es stellt sich die Frage: Wie wollen wir in die Geschichte eingehen? Als eine Zeit, in der wir gegeneinander ängstlich um die letzte Klopapierrolle gekämpft haben, oder als eine, in der wir verantwortlich und fürsorglich miteinander umgegangen sind? Wir müssen uns den Herausforderungen stellen. Wie sorgen wir dafür, dass die Berufsgruppen im Gesundheitswesen, die besonders wichtig sind, ihre Arbeit tun können? Wie können wir sie unterstützen, etwa bei der Kinderbetreuung? Was braucht meine ältere Nachbarin oder die Familie mit den kleinen Kindern nebenan?

Aber müssen derzeit nicht viele Menschen selbst auf etwas verzichten?

Thorsten Latzel empfiehlt einen Blick in die Psalmen.

Natürlich werden individuell große Verluste da sein. Dass man eine geplante Hochzeit, Konzerte oder Urlaube absagen und sich zu Hause arrangieren muss. Daneben gibt es viel tiefer greifende Probleme, bei denen es wirklich an die gesundheitliche oder berufliche Existenz geht. Da brauchen wir Solidarität in der Gesellschaft, auch ökonomisch. Wir müssen darauf achten, dass wir uns kollektiv an die Regeln halten, die wir gemeinschaftlich brauchen, und uns umeinander kümmern. Dann können wir in diesen Wochen ein neues Miteinander in unserer Gesellschaft erfahren.

Die Corona-Krise fällt in die christliche Fastenzeit vor Ostern. Was können wir aus der Fastenzeit lernen?

In der Fastenzeit auf bestimmte Dinge zu verzichten mutet erst einmal wie ein Verlust an. Die Erfahrung ist aber, dass wir dabei zugleich neue Freiheiten gewinnen. Fasten bedeutet nicht einfach zu verzichten, sondern sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Dafür spielen Riten eine wichtige Rolle, zum Beispiel Gebete. Fasten hat auch immer eine soziale Dimension. Es geht nicht nur um individuelles Seelenheil, sondern auch darum, für andere da zu sein. Wir müssen jetzt schauen, welche Möglichkeiten es dafür gibt, gerade wenn Begegnungen von Angesicht zu Angesicht nicht mehr möglich sind.

Viele Menschen haben heute keinen Bezug mehr zu Ritualen. Können religiöse Rituale ein Vorbild sein?

Neben Alltagsritualen, die sicher jeder hat, sind gerade auch religiöse Rituale hilfreich, die den Alltag unterbrechen. Um zur Ruhe zu kommen, den Kopf zu klären, mit Gott und mir selbst ins Gespräch zu kommen. Etwa indem man Texte liest, mit denen Menschen früher ihre Erfahrungen von Krankheit verarbeitet haben, wie zum Beispiel die Psalmen – alte Texte des jüdischen Volkes.

Was findet man da?

Häufig finden Sie in ein und demselben Text erst die Klage über Krankheit, Not oder Einsamkeit und dann auf einmal in den nächsten Versen einen wundersamen Umschlag in den Dank, in eine Erfahrung von Erhörung. Es ist jetzt wichtig, solchen Ambivalenzerfahrungen Raum zu geben. Dafür ist es hilfreich, stille Zeiten zu haben, zu beten, biblische Texte zu lesen. Auch Musik und Gemeinschaftserfahrungen etwa auf digitalem Weg können hier helfen.

Ob gläubig oder nicht: Was empfehlen Sie, um mit der Unsicherheit umzugehen, die gerade viele spüren?

Wichtig ist, das Vertrauen zu haben in das Gute in mir selbst und in den anderen. Und mich davon positiv überraschen zu lassen, was in unserer Gesellschaft in dieser Zeit Gutes passiert. Gesunder Menschenverstand und Gottvertrauen, das hilft uns. Und ein gesunder Schuss Humor.

Interview: Friederike Meier

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