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Viele Bücher aus dem 19. Jahrhundert sind im Historischen Museum zu sehen.

Ausstellung

Lob des Zahnarztes und der Kaffehäuser

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Der Philosoph Arthur Schopenhauer galt Zeit seines Lebens als Miesepeter. EineAusstellung im Historischen Museum in Frankfurt zeigt, was er an der Stadt schätzte.

Vergessen Sie all die Klischees, die sie über Arthur Schopenhauer kennen. Also das Bild von dem Misanthropen, der mit seinem Pudel täglich am Mainufer spazieren ging und dabei Invektiven gegen Frauen und den Fortschritt ausstieß. Der Historiker Michael Fleiter, seit einem Vierteljahrhundert für das Institut für Stadtgeschichte aktiv, zeichnet jetzt im Historischen Museum in Frankfurt ein anderes Bild des Philosophen. Seine Ausstellung heißt nicht umsonst „Schopenhauers Frankfurt“. Der Historiker entwickelt seinen Blick aus der Stadt heraus, in der der Autor damals lebte.

Vor 200 Jahren hatte der Hochschullehrer sein philosophisches Hauptwerk veröffentlicht, „Die Welt als Wille und Vorstellung“, 1819 bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschienen. Eine weitere Ausstellung in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt widmet sich jetzt ausführlich diesem Buch unter dem Titel „Selbst Denken“.

Kurator Michael Fleiter in seiner Ausstellung.

Michael Fleiter aber fragt, warum Schopenhauer sich überhaupt 1833 entschieden hatte, seinen Lebensmittelpunkt nach Frankfurt am Main zu verlegen – dort wohnte er dann bis zu seinem Tod 1860. Fleiters These lautet: „Keine Metaphysik ohne Naturwissenschaften“. Das heißt: Die Anregungen, die Schopenhauer in den naturwissenschaftlichen Institutionen Frankfurts im 19. Jahrhundert fand, haben es ihm überhaupt erst ermöglicht, sein philosophisches Werk fortzuschreiben.

„Ich wollte weg von dem anekdotischen Bild, das über Schopenhauer gezeichnet wird“, sagt der 70-jährige Wissenschaftler beim Rundgang durch die Ausstellung. Es verstelle den Blick auf die philosophische Bedeutung.

Der in Danzig geborene Sohn eines Kaufmanns hatte in Berlin an der Universität gelehrt. Doch er stand dort im Schatten des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, zu dessen Vorlesungen die Studenten strömten. Schopenhauer fürchtete auch die sich ausbreitende Cholera, an der Hegel gestorben sein soll – neuere Forschungen sprechen von einem chronischen Magenleiden.

Schopenhauer flüchtete in den Süden Deutschlands, der von der Cholera nicht so belastet war. Zunächst nach Mannheim, das ihm aber doch arg provinziell erschien. Nach Besuchen in Frankfurt am Main notierte der Hochschulllehrer begeistert auf dem Deckblatt einer Kladde, was ihm an Frankfurt im Vergleich zu Mannheim gefiel. „Gesundes Klima. Schöne Gegend“ heißt es da. Aber auch „Bessere Kaffeehäuser“ und „Mehr Engländer“. Weiter zu Buch schlugen „Besseres Schauspiel, Oper und Concerte“. Dann notierte der Philosoph begeistert: „Ein geschickter Zahnarzt und weniger schlechte Ärzte“.

Ein Motto der Ausstellung.

Das waren in diesen Tagen schon entscheidende Vorteile. Aber andere Institutionen gaben den Ausschlag für Frankfurt. Schopenhauer schrieb die Stichworte „Das Naturhistorische Museum“ und „Das Physikalische Kabinett“ auf. Das öffentliche Naturalienkabinett, das der Philosoph meinte, war 1821 südöstlich des Eschenheimer Tors eröffnet worden, seinen Grundstock bildete die Sammlung der Senckenbergischen Gesellschaft. Und als weitere wichtige naturwissenschaftliche Einrichtung kam 1824 der „Physikalische Verein“ der Gesellschaft für Bildung und Wissenschaft hinzu, Dort wurden beständig neue wissenschaftliche Experimente und Entwicklungen gezeigt – und Schopenhauer wurde dort begeisterter Stammgast.

Schon in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ hatte Schopenhauer den Willen zum Leben als eine Kraft bestimmt, die Mensch wie Tier beherrsche und präge. 1836 veröffentlichte er dann sein erstes in Frankfurt geschriebenes Buch. „Willen in der Natur“ schreibt die Metaphysik des Willens unter dem Gesichtspunkt der modernen Naturwissenschaften fort und steht ganz klar unter dem Eindruck der Erfahrungen und Erlebnisse in den wissenschaftlichen Institutionen Frankfurts.

Die Ausstellung zeigt aber auch, dass der absolute Atheist Schopenhauer, der von einem Gott nichts wissen wollte, dem Fortschritt der Naturwissenschaften sehr skeptisch gegenüberstand. Der Philosoph wohnte in seiner Frankfurter Zeit im Haus Schöne Aussicht 16, das Teil der Zeile von weißen Wohngebäuden an der Mainfront war. Vor seinem Haus konnte er das neueste Fortbewegungsmittel vorbeifahren sehen: die Eisenbahn. Schopenhauer hielt diese technische Entwicklung für sehr zweischneidig. Er glaubte schon damals, der Mensch könne es so weit treiben, dass die Technik zur Vernichtung der Welt führe – ein sehr weitsichtiger Blick.

In der Senckenbergischen Gesellschaft begegnete er auch den ersten Ansätzen der Hirnforschung. Und sah sie kritisch: Die wissenschaftliche Erkenntnis schränke die Freiheit des Denkens ein, urteilte er.

Der Philosoph in Denkerpose.

Die fortschrittsgläubigen Bürger Frankfurts, die sich an technischen Entwicklungen begeisterten, konnten mit der Skepsis des Philosophen nichts anfangen. Ihnen galt er in der Tat als verschrobener Einzelgänger. Schopenhauer wiederum wollte keine Zeit mit Menschen vertun, die er nicht als anregend für seine Arbeit betrachtete. So blieb ihm am Ende ein kleiner Kreis von Freunden.

Über sein Privatleben, das von Ritualen wie dem täglichen Mittagessen im Restaurant geprägt war, weiß man wenig. „Es wurde gemunkelt, dass er in Bockenheim eine Freundin hatte“, sagt Historiker Fleiter. Im „Englischen Hof“ am Roßmarkt pflegte er zweimal am Tag zum Essen einzukehren. Dort fand er auch die englischen Zeitungen, die er schätzte, wie die Londoner „Times“.

Schopenhauers Weltbild war auch vom Mitleid geprägt, dem Leiden mit anderen Menschen. Er kritisierte die Sklaverei, auch die moderne Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken. Wenn er den Pudel, der ihn stets begleitete, kritisieren wollte, sprach er ihn mit „Du Mensch!“ an.

Leben und Werk

Vor 200 Jahren erschien in Leipzig das Hauptwerk des Philosophen Arthur Schopenhauer, „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Aus diesem Anlass zeigt die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt, Bockenheimer Landstraße 134-136, bis zum 19. Januar 2020 die Ausstellung „Selbst denken“. 

Im Mittelpunkt steht das Hauptwerk selbst, das vier umfangreiche Bände umfasst. Die Ausstellung macht Schopenhauers Gedankenwelt anschaulich und zeigt in einer Schreibwerkstatt die Arbeitsweise des Philosophen. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 13 bis 18 Uhr. 

Die Ausstellung „Schopenhauers Frankfurt“ im Historischen Museum am Römerberg, die noch zwei Jahre zu sehen sein wird, geht dagegen auf die Wechselwirkung zwischen der Stadt Frankfurt und dem Werk und Leben Schopenhauers ein. Die Ausstellung im Historischen Museum ist dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 19 Uhr und mittwochs von 10 bis 21 Uhr zu sehen.
Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 in Danzig geboren. Er kam 1833 nach Frankfurt und lebte dort bis zu seinem Tod 1860. 

Der Sohn einer alten Kaufmannsfamilie war wohlhabend. Auf Schopenhauer als Wegbereiter berief sich später unter anderem Sigmund Freund. Der skeptische Blick des Philosophen auf die Natur des Menschen und seine Kritik am naiven Fortschrittsglauben nahmen aber auch Wissenschaftler der Frankfurter Schule wie Max Horkheimer auf. 

Auch Friedrich Nietzsche zeigte sich zunächst begeistert von Schopenhauers Denken, widersprach ihm aber dann.

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