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Horrorszenario: Bei einem Rockkonzert explodiert Pyrotechnik ? und jetzt sind die Helfer gefragt.

Katastrophenübung in Frankfurt

Einsatzkräfte trainieren im (Kunst-)Nebel

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Explosion von Pyrotechnik auf einem unangemeldeten Rockkonzert: Katastrophenschutz und Rettungsdienste proben mit Statisten und viel Kunstblut den Ernstfall.

Ein kurzer Nebelstoß, bald darauf knallt auf dem Industriegelände eine Stichflamme in den blauen Himmel – der Startschuss. Aus dem Eingang einer Lagerhalle der Mainova, hinter der der Blick auf Rohre, Kräne und die Skyline geht, quillt weißer Nebel. Die Tür fliegt auf, Menschen stürmen heraus und laufen in alle Richtungen auf den Parkplatz. „Hilfe, hier verreckt einer“, ruft ein Mann, von dessen Halbglatze geschminkte Blutspuren laufen.

Das Szenario – ein unangemeldetes Rockkonzert, bei dem es zur Explosion von Pyrotechnik kommt – ist Teil der Katastrophenschutz-Großübung „Frankopia“ im Osthafen. 450 Haupt- und Ehrenamtliche sowie Auszubildende der Hilfsorganisationen, Rettungsdienste und Feuerwehren aus dem Großraum Rhein-Main spielen die Zusammenarbeit im Extremfall durch – und das seit zwölf Jahren, wie Übungsleiter Johannes Pranghofer von den Maltesern erklärt. Denn gerade die Abläufe an den Schnittstellen unterschiedlicher Einheiten müsse jedes Jahr unter möglichst realen Bedingungen durchgegangen werden. „Jede Einheit alleine beherrscht ihre Vorgänge hervorragend. Bei einer Großschadenslage aber ist Koordination gefragt.“ 

Einsatzkräfte müssen spontan entscheiden 

Für die Helfer sind die ausgedachten Szenarien wie Stromunfall, einsetzende Geburt oder die Großschadenslage im Industriegelände eine Überraschung, sie müssen spontan auf die Lage reagieren. Die blauen Wagen des Technischen Hilfswerks kommen zuerst vor dem Lager an, dann mehrere rote Löschfahrzeuge. Einsatzkräfte in gelben Helmen und dunklen Anzügen springen heraus und schrauben die schweren Atemschutzmasken an. Sie rollen dicke Schläuche aus und nähern sich der Tür zum „Warenausgang“, aus deren Ritzen der weiße Nebel quillt.

In der Halle macht sich Vincent Schneider für seinen Einsatz bereit, legt sich bäuchlings auf den Boden. Der 21-jährige Auszubildende im Rettungsdienst soll schwere Verbrennungen nachstellen, so steht es im Drehbuch. Weiter hinten lehnt die 15-jährige Sonja Göbel von der Freiwilligen Feuerwehr Kelkheim an einem Metallregal. Ihre Plastikhand klemmt „weggesprengt“ zwischen zwei Paletten. Es ist bereits ihr drittes Mal als blutig Verletzte bei einer Katastrophenschutzübung. Andere Mimen liegen im Erdgeschoss verteilt oder warten in den oberen Stockwerken.

Rettern bleibt nur Tastsinn und Gehör 

Plötzlich werden sie alle laut: Die ersten Feuerwehrkräfte kriechen mit Stöcken und Seilen in die Halle, um den Weg vor und zurück zu finden. Hilferufe, Husten und Schläge auf Metall aus allen Richtungen. Überall Platzwunden, zerrissene Kleidung und verstaubte Gesichter. Ein Junge schreit und trommelt auf einen Blechbehälter ein. Ein anderer ist zwischen hohen Metallregalen gefangen, ruft nach den Helfern. Doch sie können ihn nicht sehen, müssen sich ganz auf ihr Gehör und den Tastsinn verlassen. Eine Blende vor ihren Visieren simuliert den Rauch, der nur im Eingangsbereich durch Theaternebel nachgeahmt wird, erklärt Referentin Gudrun Preßler von den Maltesern. Sie steht neben Beobachtern in violetten Westen, die den Einsatz im Nachgang auswerten, mitten im Geschehen.

Gegenüber haben die Feuerwehrleute in ihren rund 35 Kilo schweren Anzügen Vincent Schneider erreicht und versuchen, seinen schlaffen Körper in ein Tuch zu wickeln. Meter für Meter ziehen ihn die Einsatzkräfte aus der Halle, über die roten Schläuche und durch Pfützen aus Löschwasser. Im Ausgangsbereich verschwinden sie im beißenden Theaterrauch, der auf der kurzen Strecke alles vernebelt. An Armen und Beinen tragen sie den vermeintlich Verletzten die letzten Meter über die Türschwelle ins Freie. Seine Brille hängt schief, der Körper zuckt und krümmt sich vor fiktiven Schmerzen.

„Alles wird gut“ 

Der Parkplatz vor der Halle ist nun voll mit Geborgenen und Sanitätern. Vincent Schneider wird neben einem in Wärmefolie eingewickelten Mädchen in die gleißende Sonne gelegt. Ein Zettel an seinem Hals weist ihn als Schwerverletzten aus. Das Shirt ist am Rücken komplett zerrissen, eine falsche Hautschicht schält sich rot von der echten ab.

Doch erst einmal muss er auf dem Asphalt auf seine weitere Versorgung warten. Im Hintergrund schaffen Hilfskräfte blutige Mimen auf Tragen vorbei. Die Schülerin mit der abgetrennten Hand wird auf eine Trage verfrachtet. „Alles wird gut“, sagen die Helfer zu ihr. Sie legen die rot verschmierte Plastikhand mit auf die Bahre – und transportieren das Mädchen ab ins „gespielte“ Krankenhaus.

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