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„Der Tatort, so heißt das jetzt hier bei uns“, sagt ein Ginnheimer im Park und weist in Richtung der Stelle, an der Irina A.s Leiche gefunden wurde.

Mord im Niddapark

„Der Tatort, so heißt das jetzt“

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In Frankfurt hat der Mordprozess gegen den Gastronom Jan M. begonnen. Die blutige Tat im Niddapark beschäftigt die Menschen, die ihn täglich nutzen, noch immer - Angst haben sie aber deswegen nicht.

An jenem Tag im Mai 2018, als ein Spaziergänger im Niddapark die Leiche von Irina A. fand, lief Gabriele May-Pfeifer dort ihre übliche Vormittagsrunde mit ihrem Hund. „Ich dachte gerade, es ist so schön und friedlich hier – und dann biege ich um die Ecke, alles ist abgesperrt und jemand sagt mir, da hätten sie eine Leiche gefunden. Das hat einen schon ein bisschen aus den Socken gehauen“, sagt die 50-Jährige. „Erst ist alles friedlich und dann wirst du in die wahre Welt gerissen.“

Ein gutes Jahr später, am Tag des Prozessbeginns gegen den mutmaßlichen Mörder von Irina A., sitzt May-Pfeifer auf einer Bank der großen Grünanlage in Frankfurts Norden, die in Anlehnung an die Bundesgartenschau 1989 von vielen auch Buga-Gelände genannt wird. „Ich kann nicht sagen, dass ich jetzt Angst hätte, hier hinzugehen“, sagt sie. „Aber es beschäftigt einen schon.“ Sie komme täglich am späten Vormittag zur Hundewiese – abends oder frühmorgens würde sie dies nicht tun. „Wenn ich da stehe und rufe - ich glaub, da kann ich lange rufen …“

Mit der Gewalttat hat die Furcht vor der Dunkelheit, die viele Menschen am Dienstag im Niddapark äußern, aber eher wenig zu tun. „Als Frau gehe ich hier nicht alleine hin im Dunkeln, das ist so schlecht beleuchtet“, sagt eine Erzieherin, die mit ihrer Heddernheimer Kitagruppe häufig auf den Spielplatz geht, und auch ihre Kolleginnen schütteln entschieden den Kopf.

„Wir Menschen sind so: Wenn es dunkel wird, verstecken wir uns – auch ich gehe nachts eher nicht durch Parks“, sagt Rachid Rawas, stellvertretender Ortsvorsteher im Ortsbeirat 9 und Vorsitzender des für Kriminalprävention zuständigen Ginnheimer Regionalrats. Im Ortsbeirat seien immer wieder Anträge gestellt worden zur besseren Beleuchtung der Parkwege, auch von Rawas selbst. Sie seien aber abgelehnt worden, „um die Natur und die Tiere nicht zu stören. Das finde ich überzeugend. Es ist gut, wenn die Natur nachts ihre Ruhe bekommt“.

Das brutale Tötungsdelikt aus dem Vorjahr habe ihn und viele andere beschäftigt, „weil es erschreckend ist, dass so etwas hier passieren konnte“, sagt Rawas. Aus Sicht des Regionalrats müsse er aber sagen, dass sich „ein solcher Akt der Kriminalität“ nicht verhindern lasse. Typisch für den Park sei die Tat ohnehin nicht. „Es stimmt nicht, dass es in Grünanlagen mehr Kriminalität gibt als anderswo.“ Der Niddapark sei „ein sozialer Raum für Tausende und das soll er auch bleiben“.

Die 69-jährige Edith Rothe fühlt sich wohl, wenn sie durch das „schöne Naherholungsgebiet für uns hier im Norden“ radelt, „aber ich bin sowieso nicht so ängstlich“. In den Tagen nach der Tat sei sie zwar zunächst „mit gemischten Gefühlen“ hergekommen, sagt die Niederurselerin. Aber im Radio habe sie gehört, „dass Täter und Opfer ja auch eine Vorgeschichte hatten“.

Ähnlich sieht es auch ein 38-jähriger Ginnheimer im Park. „Meine Freundin hatte anfangs Angst, wenn wir hier waren“, erzählt er, „unser erster Gedanke war, da ist vielleicht eine Joggerin überfallen worden. Aber so war es ja gar nicht.“ Dann weist er mit der Hand in die Tiefen des Parks: „Aber wenn man jetzt da drüben vorbeiläuft, wo lange all die Kerzen und Blumen lagen …“ - er hält kurz inne: „Der Tatort - so heißt das jetzt hier bei uns. Der Tatort.“

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