ARCHIV - 25.01.2011, Niedersachsen, Hannover: Die Statue Justitia ist im Amtsgericht Hannover zu sehen.
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Die Statue Justitia.

Justiz

Tarifkampf mal ganz anders

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Ein Arbeitnehmer verprügelt seinen Arbeitgeber: Das Amtsgericht verurteilt den rabiaten Mann zu einer Geldstrafe.

Nermin Z. steht wegen versuchter räuberischer Erpressung vor dem Amtsgericht. Am 20. Mai 2019 hatte der 37-Jährige seinem Ex-Arbeitgeber in dessen Büro erst den Computermonitor demoliert, dann zwei herzhafte Maulschellen verpasst und dem zu Boden Gegangenen auch noch ins Steißbein geboxt. Laut Anklage habe Z. das getan, weil er der Meinung gewesen sei, sein Ex-Chef schulde ihm noch 3000 Euro.

Z. räumt die Schläge ein, aber nicht das Motiv. Die Sache sei vielmehr die gewesen: Ende 2017 habe er sich wegen Hochzeitsabsichten entschlossen, seinen schlecht bezahlten Job als Busfahrer aufzugeben und sich selbstständig zu machen. Das Angebot von Bülent B. erschien ihm verlockend. Der 44-Jährige betreibt in Frankfurt einen Chauffeurservice und stellte ihn auf Minijobbasis ein: 450 Euro im Monat bei einem Stundenlohn von zehn Euro. Selbstverständlich sei die Bezahlung lausig gewesen, und er habe auch weit mehr als 45 Stunden im Monat gearbeitet, aber B. habe ihm versprochen, ihn zum Franchisepartner zu machen und ihm einen Teil seines Kundenstammes abzutreten. Nichts von alledem sei geschehen, von Monat zu Monat sei er vertröstet worden.

„Kontrolle verloren“

Am 16. Mai 2019 habe er gekündigt. Am 19. Mai habe er B. mitgeteilt, dass er für die geleisteten Überstunden 3000 Euro fordere. B. habe ihm geantwortet, dass er so etwas nicht am Telefon, sondern im Büro bespreche. Tags darauf habe er also B.s Büro aufgesucht und seinen Ex-Chef dort nicht in Spendierhose angetroffen. Er habe sich „verarscht“ gefühlt, und im „Zorn über diese Erkenntnis“ habe er dann die Kontrolle verloren, was er heute bedaure.

Bülent B., der in dem Prozess als Nebenkläger auftritt, erscheint vor Gericht so, wie der kleine Muck sich den Chef eines Chauffeurservices (Firmenmotto: „Freude am gefahren werden“) vorstellt: im Anzug mit Manschettenknöpfen an den Hemdsärmeln. B. mag bei seinen Angestellten sparen, an Haargel spart er nicht. Z. habe ihn damals völlig grundlos angegriffen und durch den Hieb ins Steißbein gezielt zum Krüppel schlagen wollen. „Aber wer wischt meinen pflegebedürftigen Großeltern den Hintern ab, wenn ich im Rollstuhl sitze? Wer kümmert sich dann um meine geistig behinderte Schwester?“ Er habe Z. immer einen fairen Stundenlohn von zehn Euro gezahlt. Und keine einzige Überstunde leisten lassen – eher habe er sich selbst hinter das Limousinenlenkrad gesetzt. Und ja, er habe Z. versprochen, ihm auf dem Weg in die Selbstständigkeit zu helfen, „aber da hat ihm wohl die Geduld gefehlt“. Zwei ganze Tage habe er unter höllischen Kopf- und Steißbeinschmerzen gelitten.

Der Vorwurf der räuberischen Erpressung ist schnell vom Tisch. Z. versichert, er habe ohnehin nicht geglaubt, dass B. auch nur einen Cent rausrücke, und das Gericht glaubt das nach Anhörung des Nebenklägers auch nicht. Z. wird daher wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt. Mittlerweile hat er den Traum von der Selbstständigkeit begraben und arbeitet in Kurzarbeit als Busfahrer am Flughafen. Geheiratet hat er trotzdem. Vor einer Woche ist er Vater geworden.

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