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Hochhäuser am Berkersheimer Weg. Sie gehören zu den 240 Wohntürmen in Frankfurt. Einige von ihnen werden jetzt auf ihre Sicherheit überprüft.

Nach Grenfell-Tower-Katastrophe

Brandschutz-Kontrollen bei hessischen Hochhäusern

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  • Jutta Rippegather
    Jutta Rippegather
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Nach der verheerenden Brandkatastrophe von London müssen in Hessen alle älteren Hochhäuser überprüft werden.

Die Abfrage des hessischen Wirtschaftsministeriums ging am Freitag an sämtliche Bauaufsichtsbehörden. Der Auftrag lautet, alle vor dem Jahr 1984 errichteten Hochhäuser „zeitnah nochmals gesondert auf mögliche Brandgefahren“ zu überprüfen. Das Ministerium warte jetzt auf Rückmeldung, sagte Sprecher Marco Kreuter am Montag der Frankfurter Rundschau.

Eine Frist sei den Ämtern in den Landratsämtern und kreisfreien Städten nicht gesetzt worden, sagte Kreuter. Schließlich sei der Arbeitsaufwand unterschiedlich groß. „Wir gehen davon aus, dass das zeitnah geschieht“, ergänzte der Sprecher. „Andernfalls werden wir natürlich nachhaken.“ Es sei auch nicht so, dass die Verantwortlichen in Hessen erst durch die E-Mail vom Freitag wach geworden seien. Schon vorher habe es Telefonate zu der Frage gegeben, ob der Brandschutz in den Wohntürmen gewährleistet ist. Die schriftliche Aufforderung vom Freitag sei ein weiterer Schritt und werde in einen Erlass münden.

Mit seinen Aktivitäten zieht das Land die Konsequenz aus dem Hochhausbrand von London. Wenig mehr als zwei Wochen sind vergangen, dass ein 24-geschossiges Wohnhochhaus aus dem Jahr 1974 zur Todesfalle für mehr als 80 Menschen wurde. Bis zum Jahr 1984 wurde in Deutschland nicht darauf geachtet, ob die Außenwände von neu gebauten Hochhäusern mit brennbaren Stoffen gedämmt wurden. Mögliche Probleme könnte es also lediglich mit den älteren Häusern geben.

Frank Junker, der Geschäftsführer der Frankfurter städtischen Wohnungs-Holding ABG, hat nach eigenen Angaben rasch reagiert. Denn der große Konzern mit knapp 52 000 Wohnungen verfügt über nicht weniger als 106 Gebäude, die baurechtlich als Hochhäuser gelten – das heißt, sie sind mindestens 22 Meter hoch.

Derzeit überprüfen Teams aus den sieben Service-Centern der ABG im Stadtgebiet die ersten Wohntürme. „Nach menschlichem Ermessen kann ich es ausschließen, dass sich eine Katastrophe wie in London bei uns wiederholen kann“, sagt Junker. Brennbare Materialien in den Hochhaus-Fassaden gebe es bei der ABG seit den 80er Jahren nicht mehr. In der Regel bestünden die Fassaden aus Eternit-Betonplatten oder aus Betonbausteinen, beides mit Putz verkleidet. Die Kontrollen der ABG konzentrieren sich jetzt auf Wohntürme aus den 80er und frühen 90er Jahren. „Hier ist nicht auszuschließen, dass zur Dämmung das brennbare Polysterol verwendet wurde“, räumt Junker ein.

Die Bauleiter der ABG überprüfen jetzt die Fassadenverkleidung und die Dämmung dieser Hochhäuser. Bisher hat es keine besorgniserregenden Funde gegeben. Ältere Wohntürme aus den 60er und 70er Jahren seien in der Regel bereits saniert worden – dabei habe man brennbare Materialien entsorgt.

Junker hat die Konzern-Chronik der zurückliegenden 25 Jahre studiert. In diesem Vierteljahrhundert habe es in keinem der Frankfurter Wohnhochhäuser einen Brand gegeben. Der Manager verweist darauf, dass in den ABG-Hochhäusern ein „zweiter Fluchtweg“ Standard sei, also ein geschütztes Treppenhaus, das nicht verraucht werden könne.

Unterdes stellt Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) klar, dass Dämmung im Sinne der Energieeffizienz nach wie vor unerlässlich sei. Heizwärme würde sonst in erheblichem Umfang verschwendet. „Aber natürlich darf dies nicht zu Lasten der Sicherheit gehen.“ Diese Einsicht habe sich in Hessen nicht erst mit dem Hochhausbrand in Großbritannien durchgesetzt. Seit Jahren existierten Vorschriften und werde kontrolliert, um die Brandgefahr – insbesondere von gedämmten Fassaden – so weit wie möglich zu reduzieren.

Al-Wazir beruhigt außerdem jene Bürger, die durch die jüngsten Ereignisse in Wuppertal verunsichert sind: „Nach allem was wir wissen, handelt es sich bei dem dort geräumten Gebäude um ein Hochhaus aus den 1960er Jahren ohne jegliche Wärmedämmung.“ Die Mängel an dem Gebäude seien offenbar bei einer regulären Prüfung aufgefallen. „Zwischen dem Fall in Wuppertal und dem Londoner Hochhausbrand besteht demnach kein direkter Zusammenhang.“ Dennoch sei eine Überprüfung älterer Hochhäuser auch in Hessen „sinnvoll und angebracht“.

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