Gericht

Frankfurt: Tante Crystal und Oma Meth

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Im Prozess gegen mutmaßliche Drogendealer sucht das Gericht auch nach Gendergerechtigkeit.

Es sind nicht die juristischen Fragen, die diesen Fall interessant machen. Da ist die Lage einigermaßen klar. Die drei Angeklagten müssen sich wegen bandenmäßigen Drogenhandels vor dem Landgericht verantworten. Im Dezember vorigen Jahres hatte ein Kunde in der Innenstadtwohnung von Janphen D. (56) für 1000 Euro mehr als sieben Gramm Crystal Meth gekauft. Die 1000 Euro gehörten aber gar nicht dem Kunden, sondern der Polizei, als deren V-Mann der Kunde kaufte.

Kurz darauf brach die Polizei, die den Deal observiert hatte, D.s Tür auf. In der Wohnung fand sich weiteres Crystal Meth, insgesamt knapp 262 Gramm der Droge, sowie 28 000 Euro in bar. Mit auf der Anklagebank sitzen Jaisawang P. (47) und Janin S. (45) vor der 30. Strafkammer.

Es sind vielmehr Fragen der Etikette, die diesen Prozess außergewöhnlich machen. „Ich habe Probleme, Sie alle als ,Frau‘ anzusprechen, obwohl sie rechtlich nicht alle als Frau gelten“, macht der Vorsitzende Richter seinen Nöten Luft, aber wenn er in den Akten immer wieder „der oder die Beschuldigte“ lese, dann werde er noch meschugge. Diese Verwirrung der Geschlechter könne man im Prozess ja vermeiden. Und wenn man die drei Angeklagten fragt, ist ohnehin alles klar, denn alle drei definieren sich eindeutig als Frau.

Alle drei sind allerdings als Buben in Thailand zur Welt gekommen – sie stammen aus einer Kultur, in der das Transsexuelle Tradition hat und sich weit größerer Akzeptanz erfreut als in Deutschland. Was aber die freie Wahl des Geschlechts angeht, hat Deutschland Thailand abgehängt: ein Wechsel ist dort rechtlich nicht möglich.

Und so kommt es, dass Janphen D., die als einzige die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, auch als einzige ganz offiziell eine Frau sein darf. Janin S., die sich den gleichen Operationen wie D. unterzogen hat, ist de jure ein Mann, und de jure müsste sie daher in einem Untersuchungsgefängnis für Männer sitzen und von männlichen Justizbeamten vorgeführt werden. Es spricht für das Feingefühl und die Höflichkeit des Landgerichts, dass die Kammer auf dermaßen menschenunwürdige Possen verzichtet und alle drei Damen auch als solche behandelt.

Die Hauptangeklagte Janphen D. steht auf der Anklagebank ihre Frau und nimmt alle Schuld auf sich. Sie sitze hier richtig, sagt sie, denn die gefundenen 28 000 Euro seien die ihren, und nur der kleinere Teil sei durch „erotische Massagen“ – ein Gebiet, auf dem auch die Mitangeklagten reüssieren – ehrlich erworben. Der Rest durch den Verkauf von Crystal Meth, aber damit hätten die beiden anderen nichts zu tun.

Jaisawang P. habe lediglich hin und wieder mitkonsumiert und auf ihre Bitte hin am Tattag den faulen Kunden vom McDonald’s an der Konstabler zu ihrer Innenstadtwohnung eskortiert. Und Jaisawang P. habe lediglich das Drogengeld gegen Bezahlung in ihrem Wandschrank verwahrt. Von seiner Herkunft habe sie nichts gewusst und mit Drogen eh nichts am Hut.

Sie sitze hier aber auch falsch, sagt Janphen D., denn eigentlich habe sie das Drogengeschäft genau wie die Innenstadtwohnung bloß übergangsweise von ihrer Mitbewohnerin übernommen, die vorübergehend nach Thailand verreist sei. Jene Frau sei in der Szene unter dem nom d’amour „die Oma“ bekannt – eine Angabe, die die damals ermittelnden Polizisten im Zeugenstand bestätigen.

Sie aber sei Crystal-Meth-Liebhabern und Massagesuchenden unter dem Kosenamen „die Tante“ bekannt. Der Unterschied sei klar ersichtlich: die Oma trage eine Narbe auf der Stirn, sie nicht. Die Tante glaubt mittlerweile aber nicht mehr wirklich daran, dass die Oma noch einmal nach Deutschland zurückkehrt – angesichts der eher unguten Geschäftsprognose.

Das Landgericht aber glaubt daran, am kommenden Freitag ein gerechtes Urteil fällen zu können.

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