Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Tamara Labas arbeitet auch am Projekt Stadtlabor des Historischen Museums mit.
+
Tamara Labas arbeitet auch am Projekt Stadtlabor des Historischen Museums mit.

Göpferts Runde

Tamara Labas: Der lange Kampf um die Identität

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

In ihren Gedichten verarbeitet Tamara Labas Erfahrungen von Migration und Krieg. Ein schmerzhafter aber lohnenswerter Prozess, wie sie sagt. Ein Porträt.

Tatsächlich öffnet sich die graue Wolkendecke über der Altstadt, als wir uns treffen. Die Sonne taucht das Dutzend Skulpturen in den Nischen am Historischen Museum in ein gleißendes, unwirkliches Licht. Der Herkules zeigt seinen muskulösen Rücken. Die Außenwerbung des Hauses lockt mit dem Versprechen: „Durch die Zeit reisen“. Genau das wollen wir unternehmen in den nächsten Stunden.

Tamara Labas hat schon zwei Schwerpunkte des „Stadtlabors“ mitgestaltet, in dem das Museum gesellschaftliche Probleme der Gegenwart aufgreift. Seit Jahrzehnten versucht die in Kroatien geborene Lyrikerin in ihren Gedichten auch, das Schicksal der Migration zu verarbeiten, das sie am eigenen Leib erfuhr. „Der Prozess ist traurig und schmerzhaft“, wird sie später sagen, „aber für mich stand am Ende ein absoluter Gewinn.“

Wir versorgen uns mit heißem Kaffee, balancieren die Becher bis zum Mainufer hinunter. Die gelernte Familientherapeutin ist in einem kleinen Dorf im kroatischen Bergland am 1. Januar 1968 zur Welt gekommen. Dem damaligen Jugoslawien, geführt vom diktatorischen Präsidenten Josip Broz Tito, versuchten viele Menschen zu entfliehen. „Die Leute sind ausgewandert“, sagt Labas schlicht. Zuerst ging der Vater nach Deutschland, als „Gastarbeiter“ – die Tochter nimmt diese verharmlosende Bezeichnung, die die Deutschen den Billigarbeitskräften gaben, selbst in den Mund. Der Vater, gelernter Dachdecker, schlug sich auf Baustellen in Frankfurt irgendwie durch. Dann, bald nach Tamaras Geburt, ging auch die Mutter. Das kleine Mädchen blieb bei der Oma zurück.

Es fällt der 53-jährigen schwer, über diese Zeit zu sprechen. Sie stockt, sucht nach Worten. „Wir haben immer wieder geweint, es war mit viel Trauer verbunden.“ An einen Satz der Großmutter, der sie trösten sollte, erinnert sie sich noch heute: „Über dem nächsten Berg ist die Mama!“ Heute nennt Labas die Erfahrungen der „Gastarbeiter“ und der Deutschen mit ihnen „eine Illusion auf beiden Seiten“. Beide hätten geglaubt, die „Gäste“ blieben nicht lange. „Mein Vater wollte zwei Jahre in Frankfurt sein, um Geld zu verdienen und ein Haus in Jugoslawien zu bauen.“ Doch er blieb 30 Jahre. „Das eigene Land ist ein fremdes geworden.“

Die Eltern kauften schließlich ein Haus in Deutschland, erst im Alter kehrte der Vater nach Kroatien zurück. „Zerrissenheit und Entwurzelung, es ist eine traumatische Geschichte“: So versucht die Lyrikern, ihre Familiengeschichte in einem Satz zu bündeln.

Als kleines Kind wurde Tamara von der Mutter nach Frankfurt geholt. In ihren Gedichten hat Labas später ihre Erfahrungen nachgezeichnet. In „Siena gebrannt“ heißt es:

„Es war Angst,

im fremden Land anzukommen,

mein Bündel Hoffnung auszupacken

und nicht willkommen zu sein.“

Weil die Mutter arbeiten musste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, musste Tamara in den Kindergarten gehen. In den ersten Wochen versteckte sie sich unter den Mäntelchen der anderen Kinder in der Garderobe und weinte. Das fremde Essen rührte sie nicht an. „Es sah aus wie das Futter, das Oma den Truthahnküken macht“, berichtete sie ihrer Mutter. Die drohte ihr, dass sie zur Oma nach Kroatien zurückgebracht werde. Also besuchte die Tochter doch wieder den Kindergarten. In der Erzählung „Zeit der Maronen“ beschreibt die Autorin, wie ein Junge ihr Retter wurde, der mit ihr unter den Mänteln spielte: „bauen, malen, kneten, Quatsch machen, kichern“. Den Namen des Gefährten verstand sie als „Kesten“. Wie er wirklich hieß, erfuhr sie nie.

Tamara wuchs in Frankfurt auf. Eine wichtige Regel aus ihrer Jugend ist ihr noch sehr präsent: Ihre Mutter schärfte ihr ein, in der Öffentlichkeit keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Es war wichtig nicht aufzufallen.“ In der Straßenbahn etwa, auf dem Weg zur Schule und zurück. Natürlich sprach sie mit ihrer Mutter nur zu Hause Kroatisch. „Ich habe versucht, meine Migrationsgeschichte zu verstecken.“ In der Schule blieb sie Außenseiterin. „Ich gehörte nicht zur angesagten Clique.“ Schon früh begann die Jugendliche, ihre Erfahrungen durch das Schreiben zu verarbeiten. „Das erste Gedicht habe ich mit zehn Jahren geschrieben, ich habe auch gemalt.“ Im Alter von 13 Jahren beschloss sie, nach Kroatien zurückzukehren.

War es für sie damals noch die Rückkehr in die Heimat? Labas zögert bei diesem Wort. „Heimat ist ein schwieriger Begriff.“ Sie wendet ihn in unserem Gespräch weder auf Deutschland noch auf Kroatien an, das fällt auf. Als Jugendliche versuchte sie, in Kroatien Wurzeln zu schlagen, sie besuchte das Gymnasium in Zagreb bis zum Abitur. Doch sie bemerkte, dass sie sich weder in Deutschland noch in Kroatien heimisch fühlte. Ihr fehlten Wurzeln, es war eine Zeit der Orientierungslosigkeit. Auch wurde ihr klar: „Alle Menschen haben einen Beruf, nur du hast keinen.“

Sie ließ sich treiben, Zufälle bestimmten ihr Leben. Die junge Frau wurde als Model engagiert. Fernsehwerbung für eine Seife. Sie lacht in der Erinnerung. Eine bizarre Erfahrung. „Wir drehten am Strand bei Rom, mit einem Team aus Kanada.“ Sie redet nicht viel über diese Zeit. Sie wusste: „Das wollte ich nicht werden.“ Sie lacht wieder. „Außerdem bin ich als Model zu klein.“ Sie kehrte nach Frankfurt am Main zurück. „Ich war unglücklich und habe nach einer Stelle gesucht.“ Verschiedene Jobs erprobte sie, arbeitete mehrere Jahre bei einer Tageszeitung als Redaktionssekretärin.

Je mehr wir im Gespräch am Mainufer ihr Leben aufrollen, desto mehr wird die Schriftstellerin von Erinnerungen, von Emotionen gepackt. „Sie wühlen einiges in mir auf“, sagt sie leise. Als junge Frau gab ihr nur eines Halt: das Schreiben ihrer Gedichte, ihrer Texte. In dieser Zeit fühlte sie sich in Jugoslawien immer mehr als Touristin. Im Gedicht „Istrien-Violett“ schreibt sie später:

zur Person

Tamara Labas wurde 1968 in Kroatien geboren. Sie kam als kleines Kind nach Frankfurt, wo sie bis zu ihrem 13. Lebensjahr lebte. Danach ging sie nach Kroatien zurück, wo sie das Gymnasium mit dem Abitur abschloss. Labas kehrte nach Frankfurt zurück und versuchte sich in verschiedenen Berufen. So gab es eine Episode als Model und eine mehrjährige Tätigkeit als Redaktionssekretärin einer Tageszeitung. Seit ihrer Jugend schreibt Labas Gedichte und Prosa. Nach einem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt arbeitet sie hauptberuflich als Familientherapeutin und veröffentlicht Lyrik und Prosa. Als Bücher erschienen unter anderen „Zartbittere Verführung“ und „Zwoelf“. Labas ist Vorsitzende des „Literaturclubs der Frauen aus aller Welt“.

„Weißer strand,

aus abermillionen winziger sandsteine,

zwischen meinen nackten zehen entflohen

der sinnlosigkeit

entflohen

dem büroalltag

und dem nimmer endenden schauspiel

ich wäre so wichtig.“

Labas nahm ihren ganzen Mut zusammen und beschloss, in Frankfurt zu studieren. Doch sie musste erfahren: Ihr kroatisches Abitur wurde in Deutschland nur als Fachabitur anerkannt, damit waren bestimmte Studiengänge versperrt. Im Hauptfach belegte sie Psychologie, in den Nebenfächern Germanistik und Kunstgeschichte. In Jugoslawien wurde die Lage immer bedrohlicher, der Staatenbund zerfiel, 1991 griff die serbische Armee Kroatien an, versuchte, das Land zu erobern. In Frankfurt verzweifelte Labas. „In meiner Heimat ist Krieg“, schrieb sie in einem Gedicht über ihre Gefühle in Deutschland:

„Sie ließen mich Zuflucht finden,

hier in diesem Lande,

doch neue Dolche bohren sich in mein Herz.“

Sie fuhr nach Kroatien, weil sie die Nachrichten einfach nicht mehr ertrug. Hinter der Front herrschte trügerische Ruhe. Treffen mit ihrem Cousin, der auf dem Weg ins Kampfgebiet war. „Wir sind tanzen gegangen.“ Doch am nächsten Morgen „zogen die jungen Männer ihre Uniformen an und rückten ab“. Alpträume suchten sie heim: „Die Serben greifen an, und ich kann nicht fliehen.“ Die Nachricht kam: Alle Grenzen werden geschlossen. In letzter Minute entkam sie, zurück nach Deutschland.

Erst jetzt begann die Studentin, sich mit der Geschichte ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg zu beschäftigen. Ihr Großvater, das ergaben ihre Recherchen, sollte als Kämpfer des „Heimatbundes“ von den deutschen Besatzern erschossen werden. Er hatte knapp überlebt.

All das verarbeitete Tamara Labas später in ihren Gedichten und Texten. Sie wusste nun, dass das Schreiben ihre Bestimmung war. Sie schloss ihr Psychologiestudium mit einer Arbeit über Sigmund Freud ab. Heute arbeitet sie schon lange bei der sozialtherapeutischen Familienhilfe in Offenbach, ihr „finanzielles Standbein“. Denn von Lyrik und Prosa alleine kann die Autorin nicht leben, obwohl ihre Gedichte und Erzählungen in vielen Anthologien erschienen und sie mehrere Bücher veröffentlichte. Sie fühlt sich „im Gedicht zu Hause“, die Lyrik lasse ihr Freiräume. „Ich liebe diese kurze Form, das Spiel mit der Sprache.“

Ihre Arbeiten reichen über die Themen Migration und Entfremdung hinaus, es gibt wunderbare Liebesgedichte und nachdenkliche Naturbetrachtungen. Labas übersetzt Texte aus dem Kroatischen und Serbischen und engagiert sich als Vorsitzende des Literaturclubs der Frauen aus aller Welt. Mit einem Lächeln bilanziert sie: „Frankfurt ist mein Zuhause.“ Heute empfindet sie Dankbarkeit, in Deutschland zu leben. Doch die Erfahrungen, die sie als Migrantin machte, werden stets präsent bleiben. „Der Verlust der eigenen Identität“, der lange Kampf um eine neue.

Am Mainufer wandern die Sonnenflecken über die verlassenen Wege und die verwaisten Bänke. Tamara Labas spricht über ihren neuen Gedichtband „Durst der Krieger“, der Anfang 2021 erscheint. „Zwei Menschen erfahren die Liebe, um sie herum tobt der Krieg.“ Es wird ein Buch zur Gegenwart sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare