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Das Elektrizitätswerk in der Gutleutstraße 280 gilt auch 80 Jahre nach der Erbauung als technische Sensation.

Frankfurt

„Tag des Denkmals“ in Frankfurt: Wo alles durchdacht ist

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Zum „Tag des Denkmals“ sind interessante Bauten geöffnet – und eine „Frankfurter Küche“, die immer noch benutzt wird.

Lorena Pethig ahnte es bereits im Februar: 2019 wird das Schlagwort „Bauhaus“ allgegenwärtig sein. Schließlich gründete Walter Gropius vor exakt 100 Jahren in Weimar eine Designschule, aus der heraus sich vieles entwickelte, was heute als moderne Kunst und Architektur bekannt ist. Auch der bundesweite Tag des offenen Denkmals am Sonntag nahm darauf Bezug: „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“ verkündete sein Motto.

„Zum Glück haben wir in Frankfurt kein Bauhaus, sondern eine eigene Bewegung: Das ‚Neue Frankfurt‘“, sagt Pethig unter dem Torbogen am Eingang zur Siedlung Praunheim. Eigentlich arbeitet sie im städtischen Denkmalamt und berät Bauwillige bei der Sanierung, heute aber lautet ihre Rolle Architekturführerin. Rund 30 Menschen sind gekommen, um sich über die zwischen 1926 und 1929 errichten Zeilenbauten zu informieren.

Frankfurter Küche im Original

Es war die erste Siedlung in Frankfurt, die unter der Regie von Ernst May verwirklicht wurde. Der damalige Planungsdezernent stand vor der Herausforderung, eine gewaltige Wohnungsnot lösen zu müssen: Es brauchte 10 000 neue Wohnungen. Ein Ziel, dem May mit dem Stadtentwicklungsprogramm Neues Frankfurt „ziemlich nahe“ kam, wie Pethig sagt.

Möglich machte dies ein „extrem rationalisiertes“ Bauen, das sich auch im Inneren der Häuser niederschlug – in Form der berühmten „Frankfurter Küche“. Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky hatte sie als besonders platzsparendes Modell entworfen. Alles sollte mit einem Handgriff erreichbar sein.

Tatsächlich wird es etwas eng, als die Führung das Haus von Gertraude Friedeborn und ihrem Mann erreicht. In deren Küche ist vieles noch im Original erhalten. Die Wandfließen etwa seien „selbst im Ernst-May-Haus nicht so vollständig vorhanden“, sagt Friedeborn und erzählt von ihren Erfahrungen mit der Küche, die ja vor allem funktional sein soll. Das meiste gefällt ihr, nur mit dem Schüttenschrank hatte sie schon eine schlechte Erfahrung gemacht: Mehl und Hülsenfrüchte, offen eingelagert – das mögen auch Lebensmittelmotten. Seitdem lagere sie in den Schütten „nichts mehr lose“.

Ein Elektrizitätswerk als denkmalgeschützter Komplex

Wieder draußen angelangt, ist das heutige bunte Erscheinungsbild der Häuser Thema. Ursprünglich hatte Ernst May ein einheitliches Farbkonzept entworfen: Die Fassaden waren weiß oder aber in kräftigen Blau- und Rottönen gestrichen. Niemand in der Siedlung sollte sich besser oder schlechter gestellt fühlen. Vor allem die Eigentumswohnungen seien jedoch über die Jahrzehnte individuell umgestaltet worden, erklärt Pethig. Eigentum machte von Anfang an einen Großteil der Siedlung aus – allerdings mit Auflagen, „um die Bodenspekulation einzudämmen“. Zum Beispiel mussten alle Käufer selbst in ihren Häusern leben.

Ortswechsel in die Gutleutstraße, Höhe Camberger Brücke. Hier steht ein Elektrizitätswerk der heutigen Mainova, das ebenfalls dem Neuen Frankfurt zugerechnet wird. Der langgezogene Bau mit seinen vier Stockwerken wurde bis 1929 nach den Plänen von Adolf Meyer errichtet, der als ausführende Hand von Bauhausgründer Gropius galt. Seine Dimension ist zusammen mit dem Anbau aus den 1950er Jahren derart groß, dass der Architekt Michael Kleinert mit seiner Führung auf der gegenüberliegenden Straßenseite beginnt.

Von hier aus erkennt man auch die zwei zurückgesetzten Staffelgeschosse, die laut Kleinert vermutlich einmal Mitarbeiterwohnungen waren. Die unteren Etagen seien dagegen für den „Publikumsverkehr“ vorgesehen gewesen, hier war das Prüfamt untergebracht.

Die Beziehung zwischen Kleinert und dem Elektrizitätswerk ist eine Besondere: Seit 20 Jahren begleitet er die Sanierung des denkmalgeschützten Komplexes, zu dem auch Werkstätten und Hallen gehören. Dabei ging es ihm nicht darum, „alles zu konservieren“, zudem der Originalzustand teils sowieso nicht mehr erhalten war. „Jedes Gebäude hat einen Geist, den muss man wiederfinden“, beschreibt er seinen Ansatz.

Konkret habe er einzelne, prägende Elemente erhalten beziehungsweise herausgestellt. Die für die Zeit typischen Glasbausteinfenster im Treppenhaus etwa, oder die jetzt orange leuchtenden Geländer.

Ein Besuch der Allerheiligenkirche im Ostend

Während der Sanierung konnte Kleinert von der „durchdachten, modularen Grundordnung“ des Gebäudes profitieren, wie er selbst sagt. Die Decken ruhen nämlich auf Säulen, die eine regelmäßige Geometrie von sechs mal drei Meter ergeben – eine „auskömmliche Breite für Büros.“ Entlang dieses Rasters lassen sich die nichttragenden Zwischenwände flexibel anordnen, sie können vergleichsweise leicht umgebaut werden.

Die eigentliche „technische Sensation“ (Kleinert) des Elektrizitätswerks steht aber im Hof, genauer gesagt zwischen Hauptgebäude und Werkstätten. Hier spannt sich eine Kuppel mit einem Durchmesser von 26 Metern auf, die an ihrem Rand von acht Säulen getragen wird. Ihre Betondecke ist gerade einmal vier Zentimeter dick, eine damals besonders gewagte Konstruktion.

Wie aber äußert sich moderne Architektur mit ihrem Anspruch auf Funktionalität, wenn es um den Bau einer Kirche geht? Ein Besuch der Allerheiligenkirche im Ostend gibt Aufschluss. 1953 eröffnet, wurde in ihr ein freistehender Altar eingebaut, was in katholischen Kirchen als revolutionär galt. Eigentlich war es eine Regel, dass hinter dem Altar niemand stehen darf. Der Pastoralreferent Andreas Wörsdörfer erklärt die gewagte Architektur damit, dass der damalige Pfarrer in der liturgischen Bewegung aktiv war, um die Kirche zu erneuern. Entstanden ist eine Kirche ohne Bilder oder Schmuck. „Das einzige, was wir brauchen, ist eine versammelte Gemeinde“, sei damals ein Leitgedanke gewesen, sagt Wörsdörfer.

Seit 1984 steht die Kirche unter Denkmalschutz. Dies habe zur „Zementierung eines damals revolutionären Status geführt“, sagt Wörsdörfer. Heute sei die Kirche „liturgisch viel weiter“, können aber ihren Innenraum nicht mehr beliebig anpassen. Möglich war jedoch der Tausch der Bänke gegen Einzelsitze, um die Kirche besser für Kunst- und Kulturveranstaltungen nutzen zu können.

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