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Tätowierer Silas Becks konzentriert bei der Arbeit in der Liebfrauenkirche. monika müller
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Tätowierer Silas Becks konzentriert bei der Arbeit in der Liebfrauenkirche. monika müller

Frankfurt

Tätowieraktion: Unter die Haut

  • Clemens Dörrenberg
    VonClemens Dörrenberg
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Der „Free-Tattoo-Walk-In“ zieht Gläubige in die Liebfrauenkirche.

Die Nadel surrt leise, während sich die schwarze Tinte unter der Haut verteilt. Wie einen breiten Stift bewegt Tätowierer Silas Becks das batteriebetriebene Werkzeug über den Unterarm von Mia Degens, die in der Liebfrauenkirche vor ihm sitzt. Ein Fotoscheinwerfer spendet ausreichend Licht in dem schummrigen Raum. Zu einem kostenlosen „Free-Tattoo-Walk-In“ an dem ungewöhnlichen Ort hatte am Samstag die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) in Frankfurt sowie das Citykloster Liebfrauen eingeladen.

„Es ist eine großartige Aktion, Glaubensbekenntnisse in der Kirche zu stechen“, sagt Becks, während er filigrane Linien zieht. Als „Vorsitzender katholischer Tätowierer“ wolle er so „versuchen, einen Dialog von Tätowierten mit der Kirche zu schaffen“. Nachdem der 39-jährige Stuttgarter die Nadel abgesetzt hat, ist unter der rechten, leicht geröteten Armbeuge der Sachsenhäuserin das Wort „Faith“ in verschnörkelter Schrift zu lesen. Erst am Vortag hatte die 20-Jährige von der Aktion erfahren und mehrere Stunden warten müssen, bis sie dran kam. „Das ist mal was anderes“, kommentiert Degens, die „gläubig und katholisch“ sei, die Tätowierung in der Kirche. Dann begutachtet sie ihren Glaubensschriftzug. „Es ist was Besonderes und bleibt ein Leben lang.“

„Tätowieren hat eine gewisse Tradition im Christentum“, sagt Markus Breuer. Der 48-Jährige ist Leiter der KEB. Einst habe es auf Wallfahrten noch keine Stempelhefte gegeben, um die einzelnen Stationen der Pilgerschaft nachzuweisen. Deshalb hätten sich Pilgerreisende „die Stempel auf die Haut geben oder als prägendes Zeichen tätowieren lassen“, berichtet er. „Jetzt holen wir die Tradition des Tätowierens in den Kirchenraum zurück, wohlweislich, dass es Irritationen hervorruft.“

Stechen im Akkord

Hier und da erklärt er kritisch Eingestellten die Aktion. Viel häufiger muss Breuer aber Interessierte wegschicken. Bereits 200 habe er bis zum Nachmittag abweisen müssen. Die Warteliste sei voll. Auf 40 bis 50 schätzt er die Zahl der Tätowierungen, die an diesem Tag möglich sein werden.

Silas Becks, dessen teilweise mehrere Hundert Euro teuren Kalligraphien als „persönliche Handschrift“ bekannt sind und der oft Prominente tätowiert sowie Anfragen aus der ganzen Welt erhält, hat alle Hände voll zu tun und sticht im Akkord an zwei Plätzen. „Ich will so wenige wie möglich ohne Tattoos nach Hause schicken“, sagt er.

Auf den Kirchenbänke sitzen die Wartenden und schauen dem Treiben zu. Der 33-jährige David ist aus Mannheim gekommen und wartet seit mehreren Stunden. Er wolle sich einen Bibelvers stechen lassen. „Ich bin gläubig, aber ungetauft“, sagt er. Obwohl es bereits sein zweites Tattoo sei, sei er „ein bisschen aufgeregt“.

Ähnlich geht es Adrianna Rys und ihrer Tochter Vanessa. Beide besuchen regelmäßig Gottesdienste. „Genau in dieser Kirche“, berichtet die 47-Jährige. „Es kann nichts Schlechtes in einem Gotteshaus sein“, habe sie gedacht, als sie von der Aktion gehört habe. „Ich bin sehr im Glauben gewachsen“, sagt ihre 18-jährige Tochter, die sich zur Volljährigkeit tätowieren lassen wollte. „Es ist weniger ein Tattoo als ein Zeichen, dass ich zu Gott gehöre“, sagt Vanessa Rys.

Weil sich die Mutter bereits in jüngeren Jahren habe tätowieren lassen wollen, habe sie sich nun letztlich auch dafür entschieden. Beide haben noch keine Tattoos. Die Silhouette eines Fischs, als christliches Zeichen, wollen sich die Frankfurterinnen stechen lassen. Eine Reihe von christlichen Symbolen, etwa ein franziskanisches Kreuz, und Schriftzügen, wie „I believe“, „I trust“ oder „Jesus“, stehen zur Auswahl.

Ein 32-jähriger Bockenheimer hat sich, in Erinnerung an seinen Großvater, den Begriff „Angel“ auf seinen Unterarm tätowieren lassen. Für die vielen, die Markus Breuer an diesem Tag abweisen muss, hat er einen Trost: Im kommenden Jahr soll die Aktion wiederholt werden.

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