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„Hey Leute, jetzt chillen wir auf den Platanen in der Freßgass!“ Stare brauchen weder Abstand noch Mund-Schnabel-Schutz.

Synchronschwimmen in luftiger Höhe

Stare sind die Stars über am Himmel Frankfurt

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Stare sorgen für Trubel in der Stadt, schwätzen in den Bäumen und halten keinen Abstand. Und sie foppen uns mit einer ganz einzigartigen Fähigkeit.

Frankfurt – Grundschulklassen können das gut: Durcheinander quasseln, kreuz und quer über die Tische springen, und wenn die Lehrerin reinkommt – schnipp! – sitzen alle schweigefüchschenstill auf ihren Stühlen. Aber die ganze Welt weiß: Stare können das noch viel besser.

Die FR-Fotografin hat gerade einen ganzen Schwarm geschossen, selbstverständlich mit der Kamera, in der Frankfurter Innenstadt. Dort zogen die Vögel marodierend von A nach B, dann von B nach S, von S nach T, von T nach O, von O nach P, dann wild durcheinander und dann alle auf einmal: STOP! Ab in den nächsten Baum.

Stare sorgen für Begeisterung am Himmel von Frankfurt

„Viele Menschen sind unglaublich begeistert von Staren“, sagt Martin Hormann von der Staatlichen Vogelschutzwarte in Fechenheim. „Auch wegen ihrer tollen Flugmanöver, die für uns kaum nachzuvollziehen sind.“ Wie funktioniert das, wenn Hunderte Stare gleichzeitig die Richtung wechseln, so perfekt, dass sie mühelos alle vier Jahre die Olympische Goldmedaille im Synchronschwimmen gewinnen würden, wenn sie wollten (und schwimmen könnten)?

„Wenn Stare im Schwarm fliegen, sind sie wie ein großes Organ“, beschreibt Hormann, „dann sind alle Vögel zusammen wie einer.“ Mit einer doppelten Flügellänge Abstand sausen sie nebeneinander durch die Luft, und wenn einer den Impuls gibt, sagen wir: Fritz-Uwe, Dritter von links vorne, dann wenden alle gleichzeitig. Das kann man nicht lernen. Man hat’s oder man hat’s nicht. Die Stare haben es.

Die Stare fühlen sich in Frankfurt wohl – aber in anderen Städten noch wohler

In Frankfurt treffen sie sich manchmal zu Tausenden für unangemeldete Demonstrationen. Das ist gar nichts gegen Rom beispielsweise, wo sie laut Hormann schon mal als runde Million zum Schlafplatz zischen. „Sie fühlen sich wohl in der Stadt“, schildert der Vogelkundige. Hier können sie an windgeschützten Ecken Energie sparen, hier lassen sie sich abends zum Ausruhen nieder – und zum Schwätzen. „Das gibt ihnen Vertrautheit und Sicherheit. Die Gemeinschaft ist ihre Lebensversicherung.“

Wer zuerst eine Gefahr erkennt, warnt die anderen; und schneller, als man „Wanderfalke“ sagen kann, sind sie schon über alle Berge, sprich: durch den Wind. Ist der Schwarm in der Luft, können sich Greifvögel auf kein einzelnes Tier fokussieren.

Mit den Staren beheimatet Frankfurt echte Gesangstalente

Was machen Stare, wenn sie nicht gerade Flugschau in der City üben? Zum Beispiel Nester an Gebäuden einrichten, unter anderem mit Pflanzen, die wie Insektizide gegen unerwünschte Mitbewohner:innen wirken – auch einzelne Zigarettenkippen verwenden sie für den Zweck. Ganz schön schlau. Fliegen sie im Winter nicht weg? „Stare sind Strichzieher“, sagt Hormann, meint das aber gar nicht anzüglich. Es bedeutet, dass sie winters nicht weit wegfliegen wie etwa die Kraniche, die gerade wieder über unsere Köpfe hupen, sondern nur gerade dorthin, wo es in dem Moment angenehmer ist.

Außerdem können sie toll singen. „Der Name Star ist schon gut gewählt“, bescheinigt Martin Hormann, „sie sind Gesangsmultitalente.“ Bei ihm im Garten seien bis zu 30 Geräusche zu hören – Graureiher, Grünspecht, Martinshorn, Türscharnier –, die nachweislich nicht von Graureiher, Grünspecht, Martinshorn und Türscharnier stammten, sondern: Sie wissen schon. Aber wir müssen jetzt leider Schluss machen, das Telefon klingelt. Jedenfalls hörte es sich eben noch so an. (Thomas Stillbauer)

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