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Selbst im Nebel eine Reise wert: Der Hafen von Sydney. Kostet aber was, so ein Trip nach Down Under. Muss man sich schon leisten können.

Gericht verhängt Haftstrafe 

Sydney sehen und einfahren

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Eine Sozialhilfeempfängerin erhält eine Haftstrafe, weil sie zu Luxusreisen aufbrach, aber nicht bezahlen wollte.

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Er – oder sie – kann es aber auch lassen. Claudia S. jedenfalls verteidigt sich am Mittwochmorgen vor dem Amtsgericht, wo sie sich wegen vollendeten und versuchten Betruges verantworten muss, schweigend. Eine Reise hat sie dennoch getan, und was für eine!

Über Silvester 2017 jettete die heute 37-Jährige mit ihrem Freund nach Australien. Hin- und Rückflug sowie ein paar Lustflüge innerhalb des Kontinents Erster Klasse, Suite in einem Fünfsternehotel in Sydney, Furz und Feuerstein inklusive. Die Rechnung über 53 000 Euro, die ihr anschließend der Reisebüroleiter präsentierte, hat die schweigsame Frau, die laut Gerichtsakten von Sozialhilfe lebt und bei ihrer Mutter wohnt, freilich nie bezahlt. Als sie im März 2018 dann noch im selben Reisebüro eine Kreuzfahrt für mehr als 7000 Euro buchen wollte, witterte dessen Leiter doch Unrat und reiste zwecks Anzeigenerstattung zum nächsten Polizeirevier, weshalb in diesem Falle nur der Versuch angeklagt ist.

Wenn jemand ein Reisebüro leitet, so kann auch er mitunter was erzählen. Er habe nicht geahnt, dass Claudia S. von Stütze lebe, sagt der Reisebüroleiter im Zeugenstand. Wie hätte er auch sollen? „Sie war eine gute Kundin“, lobt er Claudia S.s frühere Reiselust und Zahlungsmoral. Mindestens 14 Reisen habe sie innerhalb von zwei Jahren in seinem Büro gebucht, darunter allein vier Wochenendtrips nach New York. Alle hochpreisig, alle in bar gezahlt. Und sie habe „alle paar Wochen Geschenke und Kuchen“ für die Mitarbeiter mitgebracht. Den Kuchen habe aber keiner gegessen. Zudem habe sie sich mit einer nicht wirklich seriösen, aber zumindest solventen Fassade geschützt: Sie habe erzählt, sie sei Immobilienmaklerin, die hauptsächlich Eigentumswohnungen an Spielerfrauen der Frankfurter Eintracht verkaufe.

Daher habe er auch keinen Verdacht geschöpft, als Claudia S. ihm am Heiligabend 2017 – er habe eigens für sie sein Büro geöffnet – erzählte, sie habe das frisch in der Schweiz abgehobene Geld für die Reise bei einer Freundin liegenlassen und werde es nachreichen.

Offenbar buchen in dem Büro vor allem Oligarchen, Immobilienmakler, Koksbarone und Investmentbanker eine Auszeit vom Alltag: Viele seiner Kunden bevorzugten Premiumdestinationen, sagt der Reisebüroleiter, und es sei nicht unüblich, dass auch fünfstellige Summen mit eidgenössisch Gebunkertem bezahlt würden.

Ein wenig in Erklärungsnot gerät der Reisebüroleiter, als herauskommt, dass er für die Dienstleistungen, für die er Claudia S. mehr als 53 000 Euro in Rechnung gestellt hatte, selbst lediglich knapp 36 000 Euro zahlte. Er habe aber auch sehr viel arbeiten müssen, versucht er die üppige Courtage zu erklären, weil über Silvester alle nach Sidney wollten und die vermeintliche Maklerin extrem spät drangewesen sei. Und außerdem sei das bei ihm „wie bei jedem Metzger: Die Wurst kost’ nen Euro“ – ein Satz, der zwar nichts erklärt, aber voller Schönheit ist. Bleibt die Frage, woher Claudia S. das Geld für die bezahlten Reisen hatte. Das weiß keiner.

Aber das Amtsgericht weiß, dass es die damalige Ticketverkäuferin 2016 wegen Diebstahls zu einer Bewährungsstrafe von sieben Monaten verurteilt hatte. Claudia S. hatte insgesamt 20 000 Euro aus Tageseinnahmen stibitzt. Die monatliche Rückzahlung, die das Gericht damals anordnete, hat sie geschickt umgangen. Sie zahlte drei Monatsraten à 50 Euro ein und präsentierte anschließend nur noch Kopien dieser Quittungen. Das fiel bislang offenbar niemandem auf. Dem Amtsgericht jetzt aber doch.

Da Claudia S. zur Tatzeit wegen dieses Diebstahls noch unter Bewährung stand, kann das Amtsgericht fast nicht anders, als sie wegen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten zu verurteilen – diesmal aber ohne Bewährung.

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