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Die Teestube Jona hat auch in Corona-Zeiten weiterhin geöffnet. Bild: Christoph Boeckheler
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Die Teestube Jona hat auch in Corona-Zeiten weiterhin geöffnet.

Obdachlosigkeit

Suppe und Tee gegen die Einsamkeit

Die Not steigt an auf den Straßen Frankfurts. Die Teestube Jona hat auch in Corona-Zeiten weiter geöffnet.

Stefan und Konrad umarmen sich innig. Die beiden Männer sehen sich an diesem Tag zum ersten Mal. Doch Stefan hat das Gefühl, dass Konrad die Umarmung braucht. Auf dem runden Tisch vor ihnen stehen zwei leere Suppenschüsseln und zwei Tassen Tee. Obwohl es in der Teestube Jona warm ist, hat Stefan seine dicke Winterjacke an. ,,Ich komme gerne hierher, früher oft für mehrere Stunden. Das geht jetzt leider nicht mehr“, sagt er.

Das Angebot einer warmen Mahlzeit für einen Euro oder eines Getränks für 30 Cent nehmen die Besucherinnen und Besucher in der Teestube Jona in den kalten Wintertagen gerne in Anspruch. „Genauso wie eine warme Dusche“, ergänzt Stefan.

Die Speisen und Getränke nicht kostenlos auszuschenken, gehört zum Konzept der Tageseinrichtung. „Die Menschen sind stolz, wenn sie für ihr Geld von uns bedient werden. Sie sind Gäste und wollen oftmals keine Almosen“, erklärt Daniel Schmid, ehrenamtlicher Vorstand der Teestube. „Wir begegnen den Menschen auf Augenhöhe. Hier gibt es kein gut oder schlecht. Jeder kann kommen, wie er oder sie ist.“

Seit der Pandemie hat sich einiges verändert in der Teestube Jona. Der vorgeschriebene Mindestabstand zwischen den Tischen verhindert dieser Tage Szenen von eng nebeneinander sitzenden Menschen, wie sie die zahlreichen Bilder an den Wänden zeigen. Sonntags bis Freitags von 17 bis 22 Uhr können sich maximal 20 Personen für eine Stunde in der Einrichtung aufhalten. „Für all das, was wir sonst gerne hier gemacht haben, ist die Zeit im Grunde zu kurz“, sagt Stefan und schaut auf die unberührten Regale mit Gesellschaftsspielen.

Für das Team der 15 Sozialarbeiter und ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen war zu Beginn der Corona-Pandemie klar, ihre Türen trotz oder gerade wegen der schwierigen Lage offen zu halten. „Manchmal warten die Menschen bis zu zwei Stunden in der Kälte, bis wir sie endlich reinlassen dürfen“, sagt Schmid.

Regeln frustrieren

Stefan und Konrad gehören zu den ersten Gästen heute. Die vielen Regeln wirkten einengend auf die Obdachlosen, viele seien frustriert wegen der einschränkenden „Notgesetze“, wie Stefan sagt.

Der 49-Jährige ist oft in Frankfurt. Zweimal die Woche muss er von seinem Obdachlosen-Container in Bayern mit dem Bus in die Stadt pendeln, um seine Substitutionsmittel zu erhalten. Stefan ist seit 30 Jahren opiatabhängig. „Seit Corona fallen die Busse immer öfter aus. Ich habe Angst, dass meine Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann. Ich bin doch darauf angewiesen.“

Viele Besucherinnen und Besucher fühlen sich mehr ins Abseits gedrängt, sagt Schmid. „Obwohl das Spendenaufkommen und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in Anbetracht der prekären Situation auf den Straßen Frankfurts gestiegen ist.“

Stefan spürt die Ablehnung vieler Leute ganz deutlich, wenn wegen ihm aus Angst vor einer Infektion öffentliche Verkehrsmittel, Bahnsteige oder die Straßenseite verlassen. „Das ist dieser Tage traurige Realität“, sagt er. Verbitterung, Verzweiflung und psychosomatische Leiden als Folge der gestiegenen Einsamkeit seien für ihn und viele andere an der Tagesordnung.

Das beschränkte Angebot oder die komplette Schließung vieler Einrichtungen kann die Teestube Jona natürlich nicht kompensieren, das weiß auch Daniel Schmid. Doch die Geselligkeit und das freundschaftliche Miteinander zwischen allen Mitarbeiter:innen und den Gästen schafft in seinen Augen eine derart herzliche Atmosphäre, wie sie es derzeit kaum zu finden gibt. „Unsere Gäste sind stets dankbar, zu uns kommen zu dürfen und halten die Vorgaben tadellos ein“, sagt Schmid.

Stefan guckt auf die Uhr. Die 60 Minuten sind rum. Frust hängt in der Luft, als es heißt: „Packt langsam zusammen.“ Die beiden Männer sowie die 18 weiteren Besucherinnen und Besucher verlassen die warme Teestube Jona. Es ist kalt. Viele von ihnen wissen nicht, wo sie heute die Nacht verbringen werden.

PAULA DICK

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