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Sozialarbeiterin Sophie Hanack freut sich, die Gespräche mit ihren Klienten nicht mehr vor der Tür führen zu müssen.

Drogen

Süchtige in Frankfurt sind weiter in Not

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Die Situation für Drogenabhängige in Frankfurt verbessert sich kaum. So sehr sich die Sozialarbeiter auch bemühen mögen.

Stefan R. bückt sich und stellt einen mit Wasser gefüllten Napf auf den Boden. „Trink was“, sagt er zu seinem Hund Benny. Stefan R., der seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist ein Dauergast im Drogenhilfezentrum La Strada. Er kommt seit mehr als zehn Jahren fast täglich. R. ist seit 30 Jahren heroinabhängig, seit acht Jahren clean und substituiert mit Methadon. Für ihn ist die niedrigschwellige Drogenberatung elementar. „Ich habe niemanden, mit dem ich über meine Probleme reden kann“, sagt er.

Er braucht die Sozialarbeiter, die Gespräche mit ihnen, ihre Unterstützung bei Angelegenheiten mit dem Sozialamt oder anderen alltäglichen Problemen. „Sie schauen mich an und sehen schon, dass es mir nicht gutgeht. Das ist so, wie wenn du mit deinem besten Freund redest“, sagt er. Doch diese Gespräche sind derzeit kaum möglich.

Wegen des Coronavirus musste das La Strada seine Angebote stark einschränken. Dazu zählt die niedrigschwellige Drogenberatung, die über Wochen eingestellt werden musste, ebenso weitere Angebote wie der Cafébetrieb. Lediglich ein Klient darf sich bis zu 15 Minuten im Café aufhalten, allerdings nur nach dem Drogenkonsum. Die Plätze in den Konsumräumen wurden um die Hälfte reduziert, in den Druckraum dürfen nur noch drei statt sechs Personen. In den Rauchraum zwei statt vier. Die niedrigschwellige Drogenberatung im La Strada läuft demnächst wieder langsam an, weil die notwendigen Plexiglasscheiben für die Büros geliefert wurden. Die Beratungsgespräche dürfen jedoch nur unter Einhaltung der strengen Abstands- und Hygieneregeln stattfinden und maximal eine Viertelstunde pro Klient dauern. „Damit lassen sich kleinere Sachen bearbeiten, die wir manchmal notdürftig schon ohne die Klienten nebenbei im Café oder alleine im Beratungszimmer gemacht haben“, sagt Sophie Hanack, Sozialarbeiterin im La Strada. Dazu zählten etwa gemeinsame Anrufe bei Ämtern, Anmeldungen für die Entgiftungsstation oder das Bearbeiten von kleinen Anträgen.

Doch für Kriseninterventionen sei die Zeitvorgabe zu knapp bemessen. „Klar schaffe ich in der Zeit keinen Sozialbericht oder einen Therapieantrag. Die Problemlagen unserer Klienten sind meist vielschichtig, und die Bearbeitung dauert dementsprechend länger.“ Auch für Gespräche mit neuen Klienten, zu denen sie erst einmal Vertrauen aufbauen müsse, seien „15 Minuten ein Witz“. Ab sofort müsse sie sich sogar überlegen, mit wem sie in die Beratung gehe, mit wem das überhaupt möglich sei. „Wirklich niedrigschwellig sind wir damit wohl nicht.“

Auch Karl Hamacher, der ebenfalls als Sozialarbeiter im La Strada arbeitet, sagt, die Zeit reiche nicht aus, um akute finanzielle, soziale oder justizielle Krisen zu lösen. „Die Leute kommen, wenn es brennt. Die stehen dann hier auf der Matte und haben ein Schreiben von der Staatswanwaltschaft in der Hand, dass sie Tausende Euro Schulden zahlen müssen“, sagt er. Der Faktor Zeit spiele daher eine entscheidende Rolle. „Sich dann in Ruhe ins Büro setzen, sich Zeit nehmen und mit dem Klienten reden, ist eben auch mit Plexiglasscheibe nicht drin.“

Aus dem Drogenreferat heißt es hingegen, Frankfurt sei in der niedrigschwelligen Drogenhilfe sehr gut aufgestellt. Die Aussage scheint zumindest auf das Eastside zuzutreffen. Dort laufe die Beratung weiter wie in Vor-Corona-Zeiten, berichtet Leiterin Marion Friers.

„Oft dauern die Gespräche auch nicht länger als 15 bis 20 Minuten, weil einige Klienten sich gar nicht so lange konzentrieren können“, sagt sie. Dennoch gehen die Meinungen zwischen Drogenreferat und Sozialarbeitern auseinander.

Vor einigen Wochen bereits schlugen Mitarbeiter der Integrativen Drogenhilfe Alarm. Sie biete in ihren beiden Einrichtungen in der Nidda- und Elbestraße zwar keine niedrigschwellige Drogenberatung an, dennoch ist in den zwei Brandbriefen unter anderem von „unhaltbaren“ Zuständen vor und in den Konsumeinrichtungen die Rede. Beratungen fänden meistens nur auf der Straße statt, moniert Angela Grünzel, Hauptverfasserin der Briefe. „Die Stimmung unter unseren Besucherinnen und Besuchern pendelt zwischen verzweifelt und aggressiv – das Leben unter diesen Bedingungen auf der Straße ist unerträglich.“

Von ähnlichen Zuständen berichtet auch Karl Hamacher. Nicht alle hätten Verständnis für die strengen Hygieneregeln, wenn sie vor dem La Strada ausharren müssen, bis sie hineindürfen, um ihre Sucht stillen können. „Manche rasten dann schon mal aus, treten gegen die Tür oder schreien rum, wenn sie draußen warten müssen“, sagt er.

Der Einlass erfolge eins zu eins. sprich: Wird ein Platz im Konsumraum frei, darf der Nächste rein, so, als müssten die Konsumenten einen Zettel mit einer Nummer ziehen. Hinzu kommt, dass es weniger Konsumräume gibt – nicht nur im La Strada.

In allen vier Frankfurter Konsumräumen wurden die Plätze reduziert. Normalerweise gibt es laut Drogenreferat 37 Plätze für den intravenösen und 15 für den Rauchkonsum. Nun stehen nur noch 19 beziehungsweise 9 Plätze zur Verfügung. Die täglichen Konsumvorgänge lagen in Vor-Corona-Zeiten bei 500 am Tag. Doch diese haben sich um 20 Prozent reduziert.

Ein weiterer Brandherd ist die Gefahr einer Infektion. Noch gibt es keine bestätigten Corona-Fälle in der Drogenszene. Doch die Szene ist wie eine tickende Zeitbombe. Das Einhalten von Abstands- und Hygieneregeln auf der Straße sei unmöglich, sagt Hamacher. Wenn sich jemand infiziert, werde sich das Virus extrem schnell verbreiten.

Das weiß auch Stefan R. Ihm gehe es den Umständen entsprechend ja ganz gut, sagt er. „Ich habe eine Wohnung. Aber die Süchtigen, die auf der Straße leben, die haben es richtig schwer.“

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