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Frankfurt Im Bahnhofsviertel sind zunehmend Menschen zu sehen, die das als extrem gefährlich geltende Crack konsumieren.
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Im Bahnhofsviertel sind zunehmend Menschen zu sehen, die das als extrem gefährlich geltende Crack konsumieren.

Interview

„Suchtkranke Menschen gehören zu Frankfurt“

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer spricht über kontrollierte Abgabe von Crack, das Zürcher Modell und die Gentrifizierung im Bahnhofsviertel.

Stefan Majer ist seit der Kommunalwahl 2016 Gesundheitsdezernent in Frankfurt. Zuvor war der Politiker der Grünen Verkehrsdezernent. Der 62-Jährige ist studierter Theologe. Er arbeitete sieben Jahre für die Aids-Hilfe in Frankfurt. Unter anderem leitete er einen ambulanten Pflegedienst.

Herr Majer, Sie haben zuletzt in einer Plenarsitzung beklagt, der Frankfurter Weg in der Drogenpolitik werde zunehmend infrage gestellt. Was genau meinen Sie?

Zum Frankfurter Weg gehörte immer auch, dass die Verantwortlichen gemeinsam auf Veränderungen in der Drogenszene reagieren. Das sehe ich derzeit nicht. Zu viele Kolleginnen und Kollegen in der Politik lehnen sich zurück und beklagen, dass sich die Zustände im Bahnhofsviertel verschlimmert hätten. Tatsächlich haben sich Probleme zuletzt verstärkt. Aber darauf müssen wir gemeinsam reagieren. Eben indem wir den Frankfurter Weg weiterentwickeln und uns ergänzende Modelle anschauen wie etwa in Zürich. Damit habe ich mich sehr genau befasst.

Auch die CDU war jetzt in Zürich unterwegs …

Wenn die CDU das Zürcher Modell gut findet, begrüße ich das sehr. Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, nur eine Seite der Medaille zu sehen. Es gibt in Zürich Teams, die die Drogenabhängigen auf der Straße ansprechen und ihnen deutlich machen, dass ihnen das Viertel nicht allein gehört und sie sich an die vereinbarten Regeln halten müssen. Dieselben Teams sprechen aber auch die Banker an, die in Zürich arbeiten, und machen ihnen klar: Auch die Drogenabhängigen haben ein Recht hier zu sein, sie gehören zu dieser Stadt und man wird sie nicht vertreiben, weil sich einzelne Gruppen eine „saubere“ Umgebung wünschen. So ein Vorgehen halte ich für vorbildlich, solche Teams wünsche ich mir auch für Frankfurt.

Aber welche Kompetenzen haben diese Teams? Können sie im Zweifel Platzverweise erteilen?

Nein, das könnten nur Polizisten. Die Teams bestehen zum Beispiel aus Sozialarbeitern und Pflegekräften. Durch ihre hohe fachliche Kompetenz haben diese Teams aber bei den Süchtigen eine große Akzeptanz.

Aber hilft das alleine? Manchen Beschreibungen zufolge ist das Frankfurter Bahnhofsviertel ja das reinste Paradies für Drogendealer.

Das ist natürlich Quatsch, aber wir sollten uns schon fragen, wie wir intensiver gegen Dealer vorgehen können, ohne die Süchtigen weiter in die Enge zu treiben. Auch da kann uns die Schweiz als Vorbild dienen. In Züricher Drogenhilfeeinrichtungen etwa wird der Handel mit Kleinstmengen von Drogen unter den Süchtigen von der Polizei nicht verfolgt, auf der Straße wird dafür der öffentliche Konsum unterbunden. In Frankfurt wird es leider genau umgekehrt gemacht – mit dem Ergebnis, dass hier die Süchtigen aus den Einrichtungen regelrecht rausgetrieben werden. Ich glaube aber, bei unserem Sonderproblem Crack müssten wir da noch weitergehen. Da plädiere ich für eine kontrollierte Abgabe nach dem Vorbild der kontrollierten Heroinabgabe.

Sie wollen ernsthaft Crack verteilen lassen?

Ich plädiere für eine regulierende Drogenpolitik und für einen Modellversuch, bei dem wir unter klaren Voraussetzungen die Droge abgeben. Die Süchtigen könnten sie dann unter Aufsicht konsumieren. Ja, das ist weitgehend, aber wir haben bei der Heroinvergabe bereits sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Süchtigen haben sich stabilisiert, es geht ihnen besser, wenn sie in dem Programm sind. Und den Dealern wird ihr Geschäftsmodell zerstört.

Nur gilt Crack allgemein als gefährlicher als Heroin.

Das ist richtig, Crack ist sehr gefährlich, aber wir reden hier wirklich von schwerkranken Menschen, die sich diesen Stoff ohnehin besorgen. Und zwar unter größtem Druck. Bei einer regulierten Abgabe hätten wir mehr Kontrolle und Ansatzpunkte für ergänzende Hilfen. Eine weitere Überlegung wäre, zusätzlich medizinisches Cannabis einzusetzen. Das kann den Suchtdruck anscheinend mindern. Aber diese Modellversuche können wir nicht alleine starten. Wir brauchen dazu Genehmigungen des Bundes.

Sie sagten vorhin, dass sich die Situation im Bahnhofsviertel verschärft habe. Wie kam es dazu?

Es gibt viele Faktoren. Die Corona-Krise ist einer davon. Damit meine ich gar nicht so sehr, dass die Hilfsangebote zeitweise nur eingeschränkt nutzbar waren. Das war schnell behoben. Aber wir haben schon gemerkt, dass die Kapazitäten in Justizvollzugsanstalten und stationären Einrichtungen heruntergefahren wurden. Dadurch sind ein paar Hundert Leute weitgehend hilflos auf der Straße gelandet.

Was muss sich kurzfristig verändern?

Ich plane ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Zum einen möchte ich, dass der Konsumraum im „Eastside“ am Osthafen fortan rund um die Uhr geöffnet ist. Damit möchte ich den Süchtigen auch einen Weg aus dem Bahnhofsviertel heraus zeigen. Zugleich brauchen wir im Viertel mehr medizinische Angebote, auch mehr niedrigschwellige Substitutionsangebote. Zudem möchte ich Sitzgelegenheiten für Abhängige schaffen. Und ich glaube, dass wir in der Niddastraße ein Parkverbot brauchen, damit die Leute da nicht mehr zwischen den Autos sitzen müssen.

Kritiker werden sagen: Jetzt will der Majer das Bahnhofsviertel für Süchtige richtig attraktiv machen.

Was das Bahnhofsviertel für Süchtige attraktiv macht, sind die Drogen, die trotz aller Bemühungen der Polizei an jeder Ecke zu haben sind, zu jeder Zeit und immer billiger. Der Job der Drogenhilfe sind Angebote, um schwerstkranken Süchtigen eine Alternative zur Straße anzubieten. Ein Erfolgsbeispiel ist das Nachtcafé, das sich sehr bewährt hat.

Wobei viele der Menschen gar nicht aus Frankfurt kommen. Zuletzt war auch oft vom Drogentourismus die Rede.

Sollen wir denn sagen: „Den Drogenhandel für die komplette Region schaffen wir zwar nicht zu verhindern, aber dafür sollen wenigstens alle Nicht-Frankfurter Süchtige in der Gosse liegen bleiben?“ Oder sollen die dann fortlaufend an den Stadtrand gebracht werden? Das ist doch Unsinn. Richtig ist: Es wäre hilfreich, wenn auch im Frankfurter Umland mehr Hilfsangebote für Suchtkranke und der eine oder andere Konsumraum geschaffen würden.

Sie haben vor ein paar Wochen auch die fortschreitende Gentrifizierung im Bahnhofsviertel kritisiert. Die Opposition warf Ihnen daraufhin vor, Sie würden Investoren verschrecken.

Ich verschrecke niemanden, aber wollen wir wirklich aus dem Bahnhofsviertel ein zweites Nordend machen? Wo sollen die Suchtkranken dann hin? Suchtkranke Menschen gehören zu dieser Stadt, ob uns das passt oder nicht.

Eine kontrollierte Crackabgabe könnte die Ausschreitungen in Frankfurt reduzieren. Das findet neben Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) auch George, der selbst von der Droge abhängig ist.

Interview: Georg Leppert

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