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Alkohol ist die Volksdroge Nummer eins.

Sucht

Frankfurt: Dem Teufel Alkohol abgeschworen

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Ein ehemaliger Trinker leitet heute eine Selbsthilfegruppe und versucht anderen beim Leben mit der Sucht zu helfen. Nicht nur Alkoholabhängige bekommen Rat.

Der Vorfall im Dezember 2012 war das entscheidende Erlebnis, das Klaus Herl zum Umdenken bewegte. Seit dieser Zeit hat er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Herl, der in Wirklichkeit anders heißt, fuhr mit dem Auto. Er hatte zwar getrunken, doch vom Fahren hielt ihn das nicht ab – wie betrunken er war, habe man ihm nicht angemerkt.

Als die Polizei ihn stoppte, musste er trotzdem pusten. Ein Blutalkoholtest ergab später 2,4 Promille. Der Führerschein war weg. Es folgten die MPU (medizinisch-psychologische Untersuchung) und ein Geständnis seiner Frau gegenüber. Seitdem hat er dem Teufel Alkohol, wie er ihn nennt, abgeschworen.

Mittlerweile ist der Frankfurter 75 Jahre alt und seit mehr als sechs Jahren trocken. Süchtig sei er noch immer, denn die Krankheit verliere man sein Leben lang nicht mehr. Wann genau es mit der Trinkerei anfing, kann er nicht genau sagen. Der 75-Jährige schätzt, dass er 25 Jahre lang Trinker war. „Es ist ein schleichender Prozess.“

In seiner Jugend hat er kaum Alkohol getrunken. Erst mit dem Berufsleben sei es mehr und mehr geworden. Ein Chef, der trank und es wohlwollend sah, wenn ein Mitarbeiter mitmachte. Oder später, als Herl Geschäftsführer einer amerikanischen Firma war und selbst regelmäßig in seinem großen Büro trank.

Alkohol trinken - Gelegenheiten gibt es viele

Nach der Rente mit 60 kam die Langeweile hinzu. Er trank zu Hause, im Schützenverein, bei den Nachbarn in der Kleingartenanlage – Gelegenheiten gab es viele. Immer weiter steigerte sich die tägliche Menge. Bisweilen waren es zehn Biere täglich, dazu noch Schnaps. Heute könne er Alkohol nicht mal mehr riechen, auch alkoholische Pralinen seien tabu. 70 ambulante Gruppensitzungen habe er besucht, ein Entzug sei nicht notwendig gewesen.

Alkohol gibt es bei ihm zu Hause immer noch. Bier, Schnaps, Wein – er habe alles da, in Versuchung käme er nie. „Man braucht Disziplin und Willen, um von der Sucht loszukommen. Und eine Gruppe.“

Herl leitet eine solche Gruppe beim Kreuzbund. Die Selbsthilfegruppe ist nicht nur für Alkoholkranke da, auch andere Suchtabhängige sind willkommen und kommen regelmäßig, egal ob Tabletten- oder Spielsüchtige oder Abhängige von illegalen Drogen. „Die Alkoholabhängigkeit ist am häufigsten bei uns“, sagt Herl.

Wann beginnt die Sucht?

Zehn bis 14 Leute kommen zu den Treffen in den Räumen der Caritas, die sie dem Kreuzbund an mehreren Tagen zur Verfügung stellt. Es sind Frauen und Männer im Alter von Mitte 20 bis über 70 Jahre. Die Gründe für die Süchte sind vielseitig. Mal waren es ein Todesfall, eine Kündigung, Trennung, Angstzustände oder Ärger im Büro. Die Grenze, wann die Sucht beginnt, ist schwer zu ziehen. „Wer regelmäßig trinkt, gehört schon dazu“, sagt der 75-jährige Frankfurter. Am Ende müsse jeder für sich erkennen, dass er ein Problem habe, und sich Hilfe suchen. Gerade das sei aber nicht leicht, weil ein Süchtiger selten sich, sondern hauptsächlich seinem Umfeld schade. Dies zu realisieren, sei entscheidend. Auch die Beziehung zu seinem Sohn hatte durch Herls Sucht gelitten.

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In der Selbsthilfegruppe schließen sich Betroffene mit denselben Süchten kurz. Es gebe Tipps, und manchmal höre einfach jemand zu, der die Probleme besser verstehe als Familie oder Freunde. „Die Gruppe gibt Halt, und viele, die regelmäßig zu uns kommen, festigen sich.“ Die Gruppenarbeit als Nachsorge sei das Wichtigste.

Herl musste auch schon die Erfahrung machen, dass Menschen, die lange nicht zu den Treffen kamen, rückfällig wurden. Der Frankfurter erzählt von einem Mann, der im Keller der Oma Alkohol fand. Er trank den Schnaps und wurde später bewusstlos auf der Terrasse gefunden. Oder eine Frau, die sich so sehr betrank, das sie scheintot war. Noch heute leide sie an Lähmungserscheinungen. Wer rückfällig wird, schäme sich. Aber verurteilt werde anschließend niemand in der Gruppe. „Man muss immer an sich arbeiten“, weiß Herl.

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