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Alexandra Dippel im Dachgarten des Stadtgesundheitsamts.

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Frankfurt: „Jeder hat ein Anrecht auf Behandlung“

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Wie Alexandra Dippel die Lebensqualität von suchtkranken alten Menschen verbessern will. 

Dass auch alte Menschen alkohol- oder medikamenten-abhängig sein können oder erst werden, sich dafür schämen und Hilfe brauchen, ist ein Phänomen, das erst langsam erkannt wird. Die Leiterin der Abteilung Psychiatrie und stellvertretende Amtsleiterin im Gesundheitsamt, Alexandra Dippel, fordert mehr Beratungs- und Therapieangebote für ältere Menschen. 

Frau Dippel, gibt es Zahlen oder Einschätzungen, wie viele Männer und Frauen im Alter süchtig sind?
Ja, die gibt es. Die drei großen Stoffgruppen, die zur Abhängigkeit führen können, sind Tabak, Alkohol und Medikamente.

Also kein Haschisch, kein Heroin oder Kokain?
Das ist eine besondere Herausforderung für die Zukunft, weil ja jetzt die Generationen ins Rentenalter kommen, die mit illegalen Drogen experimentiert und möglicherweise Abhängigkeiten entwickelt hat. Die Zahlen zu allen genannten Stoffgruppen werden bemerkenswerterweise nur bis zum 64. Lebensjahr erhoben.

Und welche Schätzungen liegen vor?
Man geht bei den über 65-Jährigen von 2,6 bis 2,8 Millionen Rauchern aus. Beim Alkohol wird mit rund 400.000 Abhängigen gerechnet und bei den Medikamenten mit 1,2 bis 1,5 Millionen. Während beim Tabak und beim Alkohol die Männer führend sind, ist es bei den Medikamenten umgekehrt. 

Wann beginnt, vom Renteneintritt einmal abgesehen, das Alter? Wie verändert sich der Organismus?
Biologisch betrachtet ist es so, dass wir mit ungefähr 30 Jahren am leistungsstärksten sind. Ab dann erneuern sich die Zellen nicht mehr so schnell, der Stoffwechsel verlangsamt sich, die Muskelzellen und die Knochendichte nehmen ab.

Das hört sich alles gar nicht gut an.
Aber es ist ein ganz normaler biologischer Prozess. Durch Präventionsmaßnahmen, wie richtige Ernährung und Bewegung, können wir das biologische Alter ein wenig verzögern, aber nicht aufhalten.

Lesen Sie dazu: Ehemaliger Alkoholiker leitet heute Selbsthilfegruppe in Frankfurt

Gelegentlich ein Gläschen Wein zum Abendessen ist doch sicher nicht verkehrt – oder vielleicht doch?
Aus medizinischer Sicht kann man von einer Dosis ausgehen, die nicht schadet. Alkohol ist ein Nerven- und Zellgift, bei der die Dosis entscheidend ist. Bei den Frauen liegt die unbedenkliche Dosis bei circa zwölf Gramm pro Tag, bei den Männern bei höchstens 24 Gramm reinen Alkohols mit zwei Abstinenztagen in der Woche. 12 Gramm Alkohol entsprechen zum Beispiel 0,3 Liter Bier. Mehr Alkohol ist riskant und kann zu Gesundheitsschäden führen.

Und wie sieht es damit im Alter aus?
Wenn sich im Alter der Stoffwechsel verlangsamt, wird Alkohol langsamer abgebaut. Die gleiche Menge Alkohol führt zu einer verlängerten Alkoholisierung. Gleichzeitig hat der Wassergehalt im Körper abgenommen, so dass die Alkoholkonzentration zunimmt. So dass wir davon ausgehen müssen, dass es schneller zu einer Schädigung kommt. 

Haben die abhängigen Alten schon vor Erreichen des Rentenalters riskant konsumiert, oder sind sie Einsteiger, die ihre körperlichen und geistigen Einschränkungen kompensieren möchten?
Beim Rauchen kann man sagen, dass ab dem 50. Lebensjahr ein kontinuierlicher Rückgang der Konsumenten verzeichnet werden kann. Beim Alkohol ist es anders. Zwei Drittel von denen, die ein Alkoholproblem im Alter haben, hatten das auch schon vorher. Aber ein Drittel beginnt erst im Alter zu trinken.

Gibt es weniger Hemmungen, riskant zu konsumieren, weil das Leben nicht mehr so lang ist?
Das ist eher etwas, was jüngere Menschen den älteren unterstellen. Nicht etwas, was die Älteren selbst so empfinden. Ich plädiere dafür, körperliche und geistige Einschränkungen ernst zu nehmen und zu behandeln, um die Lebensqualität zurückzugewinnen. Jedes Lebensalter hat ein Anrecht auf Behandlung.

Wir wissen, dass Depressionen gerade bei älteren Menschen sehr verbreitet sind. Kann Alkohol helfen?
Nein, im Gegenteil. Wenn Alkohol genutzt wird, um die Stimmung zu verbessern, um Stress zu reduzieren, um zu entspannen, kann das zwar vorübergehend gelingen. Tatsache aber ist, dass häufiger Alkoholkonsum die Depression verschlimmert.

Das Gläschen Sekt, um die Stimmung aufzuhellen, kann also auf Dauer gefährlich sein? Wer berät die alten Leute zum Thema Alkohol, wo können sie Hilfe finden?
Inzwischen gibt es eine Reihe von Angeboten. Leider ist es so, dass bis vor wenigen Jahren Psychotherapeuten gesagt haben, es lohne sich nicht mehr, ältere Menschen zu behandeln. Ich finde das schlimm. Heute weiß man, dass ältere Menschen sogar mehr von einer Psychotherapie profitieren als jüngere, und man weiß auch, dass die Zahl der Suizide im Alter stark zunimmt. 

Das klingt, als müssten die Behandlungsangebote ausgeweitet werden.
Unbedingt. Immerhin wurde in den Altenpflegeheimen jetzt begonnen, das Pflegepersonal zu schulen, um mit dem Problem Depression und Sucht professionell umgehen zu können. Auch die Hausärzte sollten eingebunden werden.

Interview: Friederike Tinnappel

Anlaufstellen in Frankfurt

Beratungsstellen:

Caritas-Fachambulanz für Suchtkranke, Alte Mainzer Gasse 10, 069/298 24 62, suchtberatung@ caritas-frankfurt.de

Evangelische Suchtberatung, Wolfsgangstraße 109, 069/15 05 90 30, suchtberatung@frankfurt-evangelisch.de

Claire Beratungsbüro für suchtmittelabhängige Frauen, Dreieichstr. 59, 069/62 12 54, calla-ffm@arcor.de

Stiftung Waldmühle, Klauerstraße 7, 069/470 42 81, sucht-im-alter@ stiftung-waldmuehle.de

Fachstelle Sucht, Metzlerstraße 34, 069/61 44 64, fachsucht.ffm@t-online.de

Blaues Kreuz – Beratungsstelle Bornheim, Borsigallee 19, 069/39 62 32, suchtberatung.frankfurt@ blaues-kreuz.de

Suchthilfezentrum Süd, 069/913 03 00, shz-frankfurt@jj-ev.de

Suchthilfe Sachsenhausen, 069/610 90 20, jbssachsenhausen@jj-ev.de

Suchthilfe Am Merianplatz, 069/943 30 30, jbsmerian@jj-ev.de

Drogenberatung Höchst, 069/339 98 70, beratung-hoechst@vae-ev.de

Drop In – Fachstelle Nord für Suchtfragen, 069/95 10 32 50, dropin@vae-ev.de

Weiter Suchtstellen in ganz Hessen kann die Hessische Landesstelle für Suchtfragen nennen. Kontakt: 069/71 37 67 77, hls@hls-online.org

Selbsthilfegruppen:

Die Fleckenbühler, Kelsterbacher Straße 14, 069/949 44 90, info@diefleckenbuehler.de

Kreuzbund, Alte Mainzer Gasse 10 – in den Räumen der Caritas, Treffen montags 18.30 Uhr, dienstags 17.30 Uhr, mittwochs 15 Uhr

Selbsthilfe-Kontaktstelle Frankfurt, 069/55 94 44 (mic)

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