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Der Verein Integrative Drogenhilfe betreibt an seinem Standort in der Frankfurter Schielestraße Werkstätten, um Drogenabhängige durch Qualifizerung in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren.
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Der Verein Integrative Drogenhilfe betreibt an seinem Standort in der Frankfurter Schielestraße Werkstätten, um Drogenabhängige durch Qualifizerung in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren.

Drogenprobleme in Frankfurt

Menschen von der Kaiserstraße holen

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
    schließen

In den Werkstätten der Drogenhilfeeinrichtung Eastside in Frankfurt arbeiten suchtkranke Menschen. Ziel ist die Reintegration in die Gesellschaft.

  • Die Drogenhilfeeinrichtung Eastside hilft beim Widereinstieg.
  • Ein Ziel ist, mit Unternehmen zu kooperieren.
  • Die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel muss verbessert werden.

Frankfurt – Warme Luft strömt aus einer meterlangen röhrenförmigen Luftanlage in die weitläufige Schreinerei. Es ist laut. Mimoon steht einsam und verlassen vor einer Werkbank und hämmert auf ein Stück Holz. „Das wird ein Schloss“, sagt er. Mimoon lächelt. Das Schloss benötigt er für seinen aufklappbaren Werktisch. Den Tisch hat er selbst gebaut. In seinem früheren Leben wäre das undenkbar gewesen.

Der 55-Jährige hat keine handwerkliche Ausbildung. Er arbeitet auch nicht in einem kleinen Handwerksbetrieb. Mimoon arbeitet in der Schreinerei der Drogenhilfeeinrichtung Eastside.

Früher war er mal Pizzabäcker und Gartenlandschaftsbauer, „von Holz hatte ich keine Ahnung“, sagt er. Er verfiel den Drogen, konsumierte Heroin und Kokain. Seit 15 Jahren substituiert er. „Damit habe ich mein Leben wieder im Griff“, sagt Mimoon. Seit 2013 arbeitet er in der Schreinerei. Wenn er die Chance bekäme, würde er gern hauptberuflich in einem Betrieb arbeiten.

Ziel der Drogeneinrichtung Eastside: Kooperation mit Unternehmen

Das ist eines der großen Ziele für die Leiterin des Eastside, Marion Friers. Für sie sei es „ein großer Traum“, wenn das Eastside mit Unternehmen kooperieren würde. 39 Klient:innen arbeiten derzeit, neben der Schreinerei in der Malerwerkstatt, im Gartenprojekt, in der Textilpflege und Gebäudereinigung. Das Ziel sei, die Drogenkonsumierenden schrittweise wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Arbeit sei auch für substituierende Drogenabhängige ein wichtiger Faktor zum Erkennen eigener Ressourcen, zum Aufbau von Vertrauen in die eigene Schaffenskraft und zum Einleiten von Veränderungsprozessen, sagt Alex Hoffmann, Leiter der Werkstätten.

In der seit Monaten anhaltenden Debatte über die Lage im Bahnhofsviertel nimmt auch das Thema Beschäftigung wieder an Fahrt auf. Oliver Strank (SPD), Ortsvorsteher des Ortsbeirats 1, zu dem auch das Bahnhofsviertel gehört, fordert den Magistrat auf, „die Herausforderungen der Obdachlosigkeit und Drogenabhängigkeit endlich proaktiv und konstruktiv anzupacken, um mehr Menschen von der Straße zu holen.“ Denkbar seien niedrigschwellige Tätigkeiten wie Müllsammeln.

Ähnliches fordert auch der frühere Oberstaatsanwalt und Mitgründer der Montagsrunde, Harald Hans Körner. „Meines Erachtens kann und muss ein gangbarer Weg gefunden werden, Drogenabhängigen eine Aufgabe, Tagesstruktur und Taschengeld zu vermitteln“, sagt er. So könnten Drogenkonsumierende etwa mit der Reinigung von Straßen, dem Müllsammeln oder dem Verteilen von Werbematerial beschäftigt werden. Ähnliches gibt es bereits mit der Fegerflotte. Substituierte Drogenabhängige sammeln, initiiert von der Suchthilfe K9, im Bahnhofsviertel Müll und alte Spritzen auf.

Die Werkstätten

Im Auftrag des Jobcenters Frankfurt am Main bietet das Eastside für ALG-II-Empfänger:innen diverse Arbeits- und Beschäftigungs- maßnahmen zur Förderung der beruflichen Integration.

Ihren eigentlichen Ursprung haben sie 1992 im Eastside. Klient:innen und Mitarbeiter:innen der Integrativen Drogenhilfe (IDH) restaurierten gemeinsam das Haus. Die Wäscherei war dann das erste echte Arbeitsprojekt. Im Laufe der Jahre wurde das Angebot erweitert.

Zum Eastside gehört heute eine Werks-halle auf rund 1500 Quadratmeter.

Fachkräfte ergänzen die sozialpädagogische Begleitung der Klient:innen. Sogenannte Aktivierungs- und Eingliederungspläne strukturieren hier den Prozess. stn

In den Werkstätten vom Eastside ist man da schon viel weiter. „Die Leute bei uns sind raus aus dem Bahnhofsviertel“, sagt Hoffmann. Im Eastside kommen die Konsument:innen direkt von der Straße oder haben ihre eigene Wohnung. Egal, wie individuell verschieden ihre Situation auch sei, alleine kämen sie nicht zurecht. „Manchmal ist das Thema Konsum abgeschlossen, doch sie benötigen eine sinnvolle Tagesstruktur“, sagt Hoffmann.

Drogenberatungsstelle Eastside entwickelt ein Stufenmodell

Damit auch Drogensüchtige in desolatem Gesundheitsstand eine sinnvolle Beschäftigung nachgehen können, entwickelte das Eastside ein Stufenmodell. Dieses sei individuell auf jeden Einzelnen ausgelegt und führe Schritt für Schritt an die qualifizierte Arbeit heran, sagt Hoffmann. Er und seine Mitarbeiter führen Aufnahmegespräche, fragen nach Wünschen, welche Fähigkeiten die Leute mitbringen, ob sie ihren Drogenkonsum im Griff haben und in welcher Lage sie sind, um arbeiten zu können.

Die Angebote reichen von einfachen stundenweisen Beschäftigungen bis hin zu sehr komplexen und verantwortungsvollen Tätigkeiten. Letztendlich aber gehe es darum, den Leuten eine Perspektive zu geben, sagt Hoffmann.

Eine neue Perspektive hat Christian gefunden. Seit zwei Jahren ist er im Eastside und arbeitet wie Mimoon in der Schreinerei. Er kommt aus München. Dort macht er erst eine Ausbildung zum Bankkaufmann. „Die falsche Berufswahl hat mich aus der Bahn geworfen“, sagt er. Als er seine zweite Lehre zum Mechatroniker beginnt, hat Christian bereits Drogenprobleme. Er zieht die Ausbildung durch, wird obdachlos, dann beginnt er eine Therapie, findet eine Wohnung und landet wieder auf der Straße. Wenn er über seine Vergangenheit redet, spricht er leiser. Es scheint ihm unangenehm zu sein. Themenwechsel: Christian zeigt voller Stolz seine Steinpflanzen.

Zum Konzept des Eastside gehört auch Ernährung und Sport

Sie stehen mitten in der Werkstatt. Die Steine und Pflanzen hat er aus dem Garten, der zur Schreinerei angrenzt. Die Glasvitrine fand er in einem Glascontainer. „Ich habe eine Vitrine mit Steinpflanzen in einem Einrichtungshaus gesehen. Für 200 Euro. Da dachte ich, das kannst du auch selbst“, sagt er. Dann dreht er sich von seinen Steinpflanzen weg und zeigt auf einen abgeschlossenen Raum, der in die Halle eingebaut ist. „Den haben wir selbst gebaut“, sagt er. An der Decke hängt ein Beamer. Den Kasten drumherum hat Christian gebaut.

Hier erholen sie sich von der Arbeit oder nehmen an Seminaren teil. Denn zum Konzept des Eastside gehören neben der Arbeit auch Seminare zu gesunder Ernährung, Bewegung im Alltag oder Hygiene. Darüber hinaus können sich die Drogenkonsumierenden auch kreativ beteiligen. „Wir organisierten mal gemeinsam mit Künstlern des Naxos-Ateliers einen Graffiti-Workshop. Daraus entstand das Eastside-Graffiti am Eingang“, sagt Hoffmann. Die Klient:innen gingen dafür auch in die Hallen des Ateliers. „Damit sie sich auch mal in ihrem Stadtteil bewegen und nicht alle Angebote nur im üblichen Drogenhilfesetting stattfinden“ , sagt Hoffmann.

Wäsche für die Gewahrsamzellen

Weniger kreativ geht ist es in der Wäscherei zu. Die vollen Waschmaschinentrommeln drehen sich. Stefan und Klaus stehen an der Ausgabe. Hinter ihnen steht ein vollgestopftes Regal mit sauberer Wäsche in großen Tüten. „Hier können die Bewohner ihre gewaschene Wäsche abholen“, sagt Stefan. Einer der Auftraggeber der Wäscherei ist das Frankfurter Polizeipräsidium. Die Wäsche wird für die Gewahrsamzellen benötigt. In der Woche gehen hier locker 50 bis 80 Handtücher und 100 Decken durch die Waschmaschinen und Trockner. „Das hängt je nachdem davon ab, wie viele Verhaftungen es gab“, erklärt Stefan.

Auch wenn den beiden Männern die „Wäsche schon aus den Ohren“ käme, wie Klaus sagt, – die Arbeit ist wichtig für die Drogenabhängigen. Und das sagen sie nicht nur, sie zeigen es auch. „Im ersten Lockdown wurden die Arbeitsmarktmaßnahmen geschlossen. Dennoch arbeiteten unsere Klientinnen und Klienten ehrenamtlich weiter. Sie wollten etwas zurückgeben“ sagt Leiterin Friers.

Daraus macht Christian keinen Hehl. Er weiß, dass das Eastside eine neue Chance für ihn ist, sein Leben in den Griff zu bekommen. „Ich drehe hier nicht Däumchen oder so. Ich habe meine Freiheiten, kann kreativ sein und meine eigenen Ideen einbringen“, sagt er. Auf das Wochenende würde er gerne verzichten. „Es zieht sich hin und ist langweilig. Ich hoffe immer, dass es schnell vorbei ist und freue mich auf den Montag.“ (Stefan Simon)

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