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Günther Nachreiner kümmert sich im Tagesaufenthalt für Menschen in Wohnungsnot um Hilfesuchende.
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Günther Nachreiner kümmert sich im Tagesaufenthalt für Menschen in Wohnungsnot um Hilfesuchende.

Obdachlose in Frankfurt

Die Suche nach einem Schlafplatz

  • Johannes Vetter
    VonJohannes Vetter
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Auf Platte in Frankfurt: Mehrere Einrichtungen in Frankfurt bieten Notschlafplätze für Obdachlose an. Unser Autor Johannes Vetter hat versucht, einen zu bekommen.

Ist noch ein Schlafplatz frei? Die Mitarbeiterin im Tagesaufenthalt in der Bärenstraße muss nicht lange nachschauen. „Nein“, sehe schlecht aus für heute, sagt sie, und fügt sofort ein „aber morgen“ hinzu. Nötig sei dann nur eine medizinische Untersuchung in der Elisabeth-Straßenambulanz in der Klingerstraße. Es seien sogar noch zwei Schlafplätze frei am kommenden Tag, berichtet sie auf Nachfrage. Und macht ein besorgtes Gesicht, als ich ablehne. Zu hoch erscheint mir das Risiko, dass ein Obdachloser den Schlafplatz braucht, den ich belegen würde.

Seit dem 15. November ist der Tagesaufenthalt der Caritas an der Bärenstraße auch ein Nachtaufenthalt. Seitdem haben 45 Menschen dort nachts einen Notschlafplatz, zehn Plätze sind für Frauen reserviert. Ebenso hält es auch der Obdachlosen-Tagestreff im Diakoniezentrum Weser 5 im Bahnhofsviertel, dort haben sie 30 Notschlafplätze für die kälteren Monate. Und auch dort ist an diesem Tag alles belegt. Derzeit sei alles voll, hatte ein Mitarbeiter gesagt und sowohl die beiden Tagestreffs als auch die Übernachtungsstätte des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten im Ostpark gemeint. Ich solle aber im Ostpark um 18 Uhr noch einmal nachfragen.

Bis zum 31. März bieten die beiden Tagestreffs Notschlafplätze an. Das heißt, ab Samstag müssen sich etwa 75 Menschen einen neuen Schlafplatz suchen. Ebenso wird es bald den Menschen gehen, die derzeit in der B-Ebene der Hauptwache schlafen. Sie müssen ab 18. April einen anderen Übernachtungsplatz suchen. Wo werden diese Menschen dann schlafen?

Michael Frase, der Leiter der Frankfurter Diakonie, sagt, Obdachlose würden nun „im öffentlichen Raum wieder sichtbarer“. Hingegen betont Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, dass durch die 75 wegfallenden Notschlafplätze der Tagestreffs erfahrungsgemäß nicht mehr Menschen auf der Straße schliefen. „Die Zahlen erhöhen sich dadurch nicht“, berichtet sie. Wo diese Menschen dann hingehen? „Es gibt Phänomene, die lassen sich nicht so schnell erklären.“

Auch deshalb bestreitet Heinrichs, dass die Menschen, die derzeit die Notschlafplätze der Tagestreffs nutzen, als Obdachlose bezeichnet werden müssten. Als obdachlos zähle der Frankfurter Verein die Menschen, die nachts auf der Straße oder in der B-Ebene schliefen. „Alle anderen  sind nicht obdachlos, sondern in Einrichtungen.“

Anders sieht man das bei der Frankfurter Diakonie. Karin Kühn, die Leiterin des Arbeitsbereichs Diakonische Dienste, berichtet, dass die Notschlafplätze im Tagestreff des Weser 5 von Menschen genutzt würden, die seit vielen Jahren Platte machen. Sie wisse von einigen, die nun zur wärmeren Jahreszeit wieder draußen ihre alten Schlafplätze aufsuchten.

Sicher ist, dass nicht nur Obdachlose in die Tagestreffs gehen. Milo, der eigentlich anders heißt, ist zum Essen in die Bärenstraße gekommen. Für 1,50 Euro bekommt er hier eine warme Mahlzeit. Milo kam vor einem Jahr aus Bulgarien nach Frankfurt und spricht nur gebrochen Deutsch. Er arbeite immer mal wieder als Fahrer für eine Baufirma, erzählt er, derzeit habe er aber nicht viel Arbeit. In Maintal wohne er mittlerweile, rund 450 Euro zahle er dort für seine kleine Wohnung. Das sei nicht wenig, aber besser als ein Mehrbettzimmer in Frankfurt.

„Wir sind eine niedrigschwellige Einrichtung, hier darf jeder erst einmal hereinkommen“, betont Angelina Schmidt, die stellvertretende Leiterin des Tagesaufenthalts an der Bärenstraße, im FR-Interview. Jeden Tag gäben sie zwischen 150 und 200 Mahlzeiten aus. Einige Obdachlose sagen, der Tagestreff der Caritas habe die beste Küche aller Obdachloseneinrichtungen in Frankfurt. Dafür muss man sich dort aber beim Duschen beeilen: Jeder hat zwei Minuten, dann kommt kein Wasser mehr aus dem Duschkopf. Schmidt sagt, ohne die Begrenzung könnten einfach weniger Menschen bei ihnen duschen.

Woher die Besucher der Tagestreffs kommen, wird nicht erfasst. Schmidt sagt, es stammten sicher mehr als die Hälfte aus Osteuropa.

Einige Hundert Meter weiter an der Übernachtungsstätte des Frankfurter Vereins im Ostpark. Es ist 18 Uhr. Ich frage nach einem Schlafplatz. Der Mann am Empfang sagt, ich sei zur falschen Zeit da. Um 19.30 Uhr stelle sich heraus, ob noch Schlafplätze frei seien. So sei das jeden Abend. Für heute gebe es aber schon viele Anmeldungen, er könne mir nichts versprechen.

Die Übernachtungsstätte ist seit mehreren Jahren in Container ausgelagert. Weil der Brandschutz des alten Gebäudes mangelhaft war, entschloss sich der Verein einst für einen Neubau im Ostpark. Mehrmals hat sich der Bau seitdem verzögert, doch demnächst ist es so weit: Der Umzug soll in den kommenden drei Monaten beginnen. Allerdings werden dann nicht alle Container leer geräumt. Im Neubau haben laut Frankfurter Verein vorerst nur 120 bis 130 Menschen Platz. Um weiterhin 160 Personen unterbringen zu können, bleiben einige Container stehen. Wann der letzte Bauabschnitt fertig ist und keine Container mehr benötigt werden, ist noch offen.

Es ist 19.40 Uhr. Drei Männer kommen mir aus Richtung der Übernachtungsstätte entgegen. Es gebe keine Plätze, ruft mir einer im Vorbeigehen zu. Am Empfang bestätigt man mir das. Allerdings könne ich um 21 Uhr noch einmal wiederkommen. Bei einigen Schlafplätzen sei noch nicht klar, ob das Sozialamt die Kosten übernehme. Es handele sich um vier bis fünf Plätze, sagt der Mann.

Auch auf dem Rückweg kommen mir Männer entgegen. Einige sind offensichtlich stark alkoholisiert. Ein Mann läuft kichernd und mit ausgestreckten Armen auf mich zu. Etwas verkrampft umarmt er mich. Ich umarme ihn. Er lässt mich los. Ich lasse ihn los. Er umarmt mich wieder, so auch ich. Dreimal geht das so. Auf meine Fragen antwortet der hagere Mann dabei nicht, er kichert nur. Mir wird es zu blöd. Als er mich kurz loslässt, ergreife ich die Flucht. Er läuft mir kichernd hinterher. Erst als ich mich umdrehe, dreht auch er um und läuft kichernd weiter in Richtung Unterkunft.

Es ist nach 22 Uhr. Es regnet. Etwas durchnässt stehe ich wieder am Empfang der Unterkunft am Ostpark. „Ausweis her“, sagt der Mann, als ich zur Tür reinkomme, sie hätten jetzt einen Schlafplatz für mich. Ich frage ihn, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand anderes den Platz in einer verregneten Nacht benötige. „Sehr wahrscheinlich“, sagt er, die Leute kämen bis um fünf Uhr am Morgen, um in der Unterkunft zu schlafen. Ich lehne den Schlafplatz ab, will ich doch vermeiden, dass meinetwegen ein Obdachloser keinen Schlafplatz erhält. Erneut fahre ich zur Schlafstätte in die B-Ebene, anders als in der Nacht zuvor schlafe ich dieses Mal direkt ein.

Gibt es genug Notübernachtungsplätze in der Stadt? Manuela Skotnik, Sprecherin des Sozialdezernats, sagt: „Im Großen und Ganzen reichen die Kapazitäten aus. Es gibt aber vereinzelt Tage, an denen es eng wird.“ Carsten Baumann, der Leiter der Bahnhofsmission, berichtet, wenn er Menschen am Hauptbahnhof Schlafplätze für die Nacht vermitteln wolle, sei er bei zwei von drei Versuchen erfolgreich.

In der Übernachtungsstätte am Ostpark blieben in jener Nacht laut Heinrichs zehn Schlafplätze frei, vier für Frauen, sechs für Männer. Es sei „allen nachfragenden Personen ein Schlafplatz angeboten“ worden, sagt sie. Die drei Männer, die mir entgegengekommen waren, hätten die Schlafplätze abgelehnt, die man ihnen angeboten habe.

Mit den reservierten Plätzen für die Menschen, die eine bescheinigte Kostenübernahme des Sozialamtes benötigen, um weiter in der Unterkunft schlafen zu können, wolle man künftig anders verfahren, kündigt Heinrichs als Reaktion auf die Recherche an. Die Plätze würden nur noch bis zum Nachmittag frei gehalten.

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