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Studieren in Frankfurt: Safe Spaces statt rauschhafter Nacht

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Von: George Grodensky

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Weise und vernünftig sieht er aus, der Body of Knowledge auf dem Campus Westend, ob er nachts auch mal aufbricht und über die Strenge schlägt?
Weise und vernünftig sieht er aus, der Body of Knowledge auf dem Campus Westend, ob er nachts auch mal aufbricht und über die Strenge schlägt? © Renate Hoyer

Krieg, Corona, Inflation: Studierende tun sich derzeit schwer, unbeschwert zu feiern. Nicht einem die klassische Studikneipe gibt es.

Es ist eines der wenigen Gebäude auf dem Campus Westend der Frankfurter Goethe-Uni, das keine herrschaftliche Fassade mit hellem Naturstein hat: das Random White House. Das ehemalige Bauleitgebäude zwischen Präsidium, Mensa und Unikita gelegen, ist von der großen Umgestaltung des IG-Farben-Areals übriggeblieben. 2016 haben Studierende es kurzerhand besetzt. Ihre Forderung: Es soll mehr selbst verwaltete Räume geben.

Irgendwie hat das funktioniert, nach zähem Ringen mit der Unileitung bekamen die Student:innen einen Teil des Pavillons zugesprochen. Zumindest bis zur Fertigstellung des neuen Studierendenhauses, das auf dem Campus entstehen soll. Das war für Ende 2019, Anfang 2020 erwartet worden. Bis heute ist der erste Spatenstich noch nicht erfolgt; im Frühjahr 2023 soll es so weit sein. So lange teilt man sich das „zufällige weiße Häuschen“. Zu finden sind dort ein kleines Café, Angebote des Studierendenausschusses, die Religionspädagogik und Mediendidaktik, das Goethe Welcome Centre für internationale Studierende.

Es gibt sie also noch, die kleinen Siege der kritischen Studierendenschaft gegen das System. Ludi und Vicky sitzen an diesem sonnigen Tag vor dem Haus und genießen ihren Espresso. „Das Essen aus der Mensa, der Kaffee aus dem Randy“, sagt Ludi. Die Studierenden haben den eh schon ulkigen Namen Random White House zu „Randy“ verkürzt, englisch ausgesprochen.

Trotz ihrer erst 25 Jahre, der Sonne und der lustigen Ortsbezeichnung ist Ludi und Vicky durchaus ernst zumute. Das süße Studierendenleben scheint vorüber. „Ich gehe schon noch aus, aber weniger als vor der Pandemie“, sagt Vicky. „Deutlich weniger“, sagt Ludi. Beide finden es komisch, nach so viel Isolierung während Corona wieder in einer Menschenmenge zu stehen. In einem vollen Club etwa.

Zu den coronabedingten Hemmungen komme noch, dass Ausgehen sehr viel teurer geworden sei. „Den Eintritt kann man sich fast nicht mehr leisten“, sagt Vicky. Inzwischen treffe sie sich lieber auf ein Bier an der Trinkhalle. Auch mal in einer Kneipe. Wobei es die typische Studikneipe in Frankfurt nicht gebe, urteilt Ludi. Selbst an der Jordanstraße, deren Tavernen klassisch dem Bockenheimer Student:innenmilieu zugerechnet werden, fühle man sich wie in ganz normalen Kneipen. „Vielleicht noch an der FH“, sinniert Vicky, das „Kurzschluss“. Oder eben das „Café Koz“ in Bockenheim. Andererseits vermisst Ludi die Studikneipen auch nicht. Er sei am Ende des Masters und gar nicht mehr so fokussiert darauf, andere Studierende kennenzulernen. Vorteil Frankfurt: Die Lebenswelten vermischen sich. „Nicht wie in Marburg oder Heidelberg“, sagt Vicky.

Das Thema Kneipe hänge zusammen mit dem Thema Wohnen, philosophiert Ludi. In Frankfurt sind die Ausgehviertel eher zentral gelegen. Sachsenhausen, Bockenheim, Bornheim, Nordend. Aber da wohnen die Studierenden nicht unbedingt. „Frankfurt ist teuer.“ Und was mache eine Studikneipe, wenn gar keine Studis in der Nähe wohnen könnten? Er habe erst am Ende des Studiums mit massivem Zeitaufwand eine bezahlbare Wohnung gefunden, sagt Ludi und schüttelt den Kopf. Dafür brauche man Connections, bestätigt Vicky.

Dann ist da noch der Krieg in der Ukraine. „Der hat mein Verhalten noch mal geändert“, sagt Vicky. Sie habe es versucht, könne das Geschehen aber nicht ausblenden. Unbeschwert zu feiern, falle ihr schwer, „wenn andere Leute vor den Bomben flüchten“. Ludi bereitet eine weitere Aggression Kummer: „Die queere Szene ist zur Angriffsfläche geworden.“ Es gebe immer mehr Übergriffe. Sogar in einem eigentlich geschützten Bereich wie dem Viertel an Schäfergasse und Alte Gasse. „Da ist das doch eigentlich längst etabliert“, wundert er sich. „Dorthin kommen gezielt Leute, um die Menschen anzugreifen, den Ort an sich.“ Daher achten Ludi und Vicky inzwischen verstärkt darauf, wo sie feiern. Ob sich dort jemand Gedanken macht oder nicht. Um Pandemie, Rassismus, Offenheit allen Geschlechtern gegenüber. Safe Spaces eben.

Sich Gedanken zu machen, ist ein Spezialgebiet des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta). Der bemüht sich schon länger, Safe Spaces einzurichten, auch bei Partys. Als ihm die frühere Fastnachtsfete Quartier Latin zu kommerziell wurde, schaffte er sie ab. 2018 war das schon. Zunächst versuchte man es mit einem „Queer Latin“, inzwischen mit einer Sommerfete und einer Winterparty.

Gebetsmühlenartig predigt der Asta auch, dass es mehr studentisch verwaltete Räume an der Uni geben müsse, besonders am Campus Westend. Ein paar Perlen lassen sich allerdings aufstöbern. Nicht nur das Randy. Das Philosophencafé im IG-Farben-Haus, das Café Anna Blume der Germanistik. Die Campus-Trinkhalle im Pförtnerhäuschen am Ausgang Richtung Hansaallee, am Gisèle-Freund-Platz.

Ein echter Zeitsprung gar lässt sich im PEG-Gebäude (Psychologie, Erziehung, Gesellschaftswissenschaften) erleben. Von außen ein typischer Goethe-Uni-Prachtbau, wer aber über das großzügige Treppenhaus den schmucken ersten Stock erklimmt, dann über den Gang mit dem edlen Steinboden schreitet, vorbei an Holz und hellen, freundlichen Wänden, landet hinter einer Biegung urplötzlich im völlig verranzten Afe-Turm der 90er Jahre.

Ein Fanal gegen die erdrückende Macht der Prachtarchitektur. In der ehemaligen Teeküche nebst angeschlossener Dachterrasse hat sich das Tuca im Exil eingenistet. Das Original-Tuca im legendären Afe-Turm hatte sich im Zuge des Studierendenstreiks 1988/89 im Foyer des Gebäudes ausgebreitet und es zum revolutionären studentischen Café umfunktioniert.

Das Café im Exil ist zwar viel kleiner, weckt aber mit seinen sinnlosen Kritzeleien, den vielen Zetteln und Plakaten, den Sofas, den Bier- und Matekästen auf dem Gang durchaus den Zauber der Erinnerung. „Das ist hier ein Safe Space für Kommunisten“, sagt ein Student vergnügt, der auf dem Sofa sitzt und liest. Vermutlich Adorno oder irgend so etwas Anachronistisches.

Der Inbegriff der studentischen Selbstbestimmung: Das Café Koz im Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim.
Der Inbegriff der studentischen Selbstbestimmung: Das Café Koz im Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim. © peter-juelich.com

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