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Übersetzer werden häufig benötigt, um den Patienten die Behandlung zu erklären.
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Übersetzer werden häufig benötigt, um den Patienten die Behandlung zu erklären.

Medizinische Betreuung

Studenten füllen Lücken im System

In der „Stupoli“ behandeln angehende Ärzte in Frankfurt Menschen ohne Krankenversicherung. Die Arbeit beschränkt sich selten auf medizinische Behandlungen.

Von Nadine Benedix

„Wo genau sitzt denn der Schmerz?“, fragt Annahita Allafi ihren Patienten. Gemeinsam mit zwei weiteren Medizinstudentinnen untersucht sie einen Pfarrer aus Äthiopien, der über Knieschmerzen klagt. „Es könnte eine Zuckererkrankung sein“, tippt ihre Kommilitonin. „Alles klar, wir testen den Blutzucker“, entscheidet Allafi. Der Pfarrer versteht zunächst nur Bahnhof. Glücklicherweise hat er seine eigene Übersetzerin mitgebracht. Nach einer Erklärung nickt er bestätigend. Allafi und ihre Kommilitoninnen arbeiten freiwillig in der studentischen Poliklinik (Stupoli), einem Projekt des Fachbereichs Medizin der Frankfurter Universität. Sie bieten einmal die Woche eine kostenlose Sprechstunde für Menschen ohne Krankenversicherung an.

Vor der Tür wartet schon die nächste sprachliche Herausforderung: Eine aufgeregte, spanischsprachige Frau steht auf dem Gang. „Kann hier irgendjemand Spanisch?“, fragt Lukas Aspacher, einer von zwölf ehrenamtlichen Organisatoren der „Stupoli“. Bei der Arbeit für ein großes Logistikunternehmen hatte sich die Frau verletzt. Das Unternehmen erkennt den Arbeitsunfall nicht an: So ist sie nicht versichert. Mit ein paar Brocken Spanisch und Händen und Füßen wird sich beholfen: Sie soll sich bei der Gewerkschaft melden, um ihr Recht einzuklagen.

„Solche Fälle sind hier eher selten“, erklärt Aspacher. Trotzdem beschränke sich die Arbeit selten auf medizinische Behandlungen. Wohnungslosigkeit, Hunger oder aufenthaltsrechtliche Fragen: Die Probleme der Patienten sind vielfältig. „Oft hängen diese Themen auch mit Gesundheit zusammen“, sagt Martin Koppitz, der schon seit Gründung dabei ist. Geplant ist deshalb auch eine Zusammenarbeit mit Studierenden der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule.

Wie ihre Probleme haben auch die Patienten verschiedenste Hintergründe: Viele sind ehemalige Selbstständige. Bei der Pleite konnten sie sich die private Versicherung nicht mehr leisten. Andere sind undokumentiert im Land. Dazu haben viele EU-Bürger zwar ein Aufenthaltsrecht im Land, sind aber ohne festes Einkommen nicht versichert. Insbesondere Osteuropäer sind davon betroffen.

„Nicht mehr Teil des Systems zu sein, kann sehr schnell gehen. Du verlierst deinen Job und plötzlich bist du auch nicht mehr versichert“, erklärt Gabi Hanka vom Förderverein Roma. Auch viele Rumänen, die auf der Brachfläche im Gutleutviertel leben, nutzen die Sprechstunde. „Die Menschen in unserem Verein gehen gerne dorthin. Sie fühlen sich ernst genommen und verstanden“, so Hanka. Der Förderverein Roma arbeitet eng mit den Studierenden zusammen.

Auch wenn sie einen Job gefunden hätten, blieben viele bei der Sprechstunde. Das sei ein Problem, denn eigentlich greift dann wieder das Gesundheitssystem. Die studentische Sprechstunde hingegen platzt aus allen Nähten. „Bald wollen wir auch noch einem zweiten Tag Behandlungen anbieten“, so Koppitz. Die Untersuchungen finden in den Räumen des Gesundheitsamtes, Zeil 5 statt. Die Räume werden gratis zur Verfügung gestellt. Da die Mitarbeit in der Klinik als Wahlpflichtfach im Studium gewählt werden kann, wird das Projekt von Unigeldern gefördert. Dazu gibt es zweckgebundene, private Spenden. Auch die Apotheken stellen Medikamente vergünstigt zur Verfügung.

Die betreuende Ärztin Petra Tiarks-Jungk arbeitet hauptberuflich beim Gesundheitsamt. Nebenher überwacht sie die Behandlungen der Studenten. „Die Sprechstunde für Nicht-Versicherte ist sehr wichtig: Wenn Menschen nicht zum Arzt gehen können, sind schon bei leichten Krankheiten schlimme Folgen möglich“, sagt Tiarks-Jungk. Aber auch für die Studierenden hat die Arbeit Vorteile: „Es sensibilisiert uns für die Situation von Unterprivilegierten“, sagt Koppitz. Er hofft durch das Projekt mehr Gleichberechtigung zu schaffen. Leider klappt das nicht immer. Bei schweren Krankheiten ist die Weiterbehandlung nicht gesichert. In den USA, wo die Idee der „Student-run free clinics“ herkomme, funktioniere das oft besser. Hier arbeiten auch angehende Fachärzte in den Kliniken.

Deutschlandweit ist die Frankfurter die einzige studentische Sprechstunde für Nicht-Versicherte. Kostenlose Sprechstunden bieten jedoch auch Caritas, Malteser und das Gesundheitsamt selbst an.

Geöffnet dienstags 17 bis 19 Uhr in den Räumen des Gesundheitsamtes, auf der Zeil 5, 2. Obergeschoss. Infos: sites.google.com/site/anmeldungstupoli/informationen

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