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Stressiger Job: Ermittlungsrichterin am Amtsgericht Frankfurt

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Von: Oliver Teutsch

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Sylvia Hauptmann in ihrem geräumigen Dienstzimmer im Gerichtsgebäude B. Foto: Christoph Boeckheler
Sylvia Hauptmann in ihrem geräumigen Dienstzimmer im Gerichtsgebäude B. Foto: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*

Sylvia Hauptmann ist in der Abteilung 931 „die Mutter der Kompanie“ und hat kein Problem damit, viele Entscheidungen in kurzer Zeit treffen zu müssen.

Nicht immer ist es so einfach wie bei dem Mann aus der S-Bahn. Als unlängst ein 39-Jähriger in einer S-Bahn an der Konstablerwache auf einen arglosen Fahrgast einsticht, sitzt er anderntags vor Sylvia Hauptmann. Die Haftrichterin muss dann entscheiden, ob der Mann in Untersuchungshaft kommt oder nicht. Bei einem versuchten Mord, wie es die Polizei in ihrer ersten Einschätzung annimmt, ist das nicht weiter schwierig. Er kommt. Doch meist sind die Fälle deutlich komplexer. „Es kann schon mal sein, dass buchstäblich ein Einkaufswagen voller Akten angerollt wird“, sagt Hauptmann. Wie etwa im Fall des wegen Korruption angeklagten Oberstaatsanwalts Alexander B. „Da ist Druck auf dem Kessel“, sagt Hauptmann, die damit aber gut umgehen kann.

Angesiedelt sind die neun Frankfurter Ermittlungsrichter:innen in der Abteilung 931 des Amtsgerichts. Sie haben nicht nur über Haftsachen zu entscheiden, sondern müssen auch Durchsuchungsbeschlüsse, Telefonüberwachungen oder Observierungsmaßnahmen anordnen. Da kommt einiges zusammen. Im vergleichsweise eher ruhigen Juni etwa 1774 Verfahren, davon alleine 331 Haftsachen. Das Amtsgericht Frankfurt hat so viele Haftbeschlüsse zu verkünden wie kein anderes Amtsgericht in Deutschland.

Denn einerlei ob die Beschuldigten aus Berlin, München oder Hamburg sind – werden sie im Ausland geschnappt, landen sie am Frankfurter Flughafen und damit im Obrigkeitsbereich des Amtsgerichts Frankfurt. Bis zu vier solcher Vorführungen am Tag hat die Bundespolizei im Haftrichterzimmer in der Porzellanhofstraße.

Diese Vorführungen gab es übrigens auch während der schlimmsten Pandemie-Zeiten. „Die Strafprozessordnung kennt kein Corona“, betont Hauptmann und legt nach: „Über die armen Kassiererinnen und Polizisten hat jeder gesprochen, über unsere Wachtmeister und Ermittlungsrichter nicht, das hat mich schon geärgert“, so Hauptmann, die wegen der Pandemie „im Frontdienst“ aushalf und so überhaupt erst Ermittlungsrichterin wurde.

Studiert hat die gebürtige Rheinländerin in Köln. Als ihr Mann in eine Großkanzlei wechselte, verschlug es sie nach Frankfurt und 1991 ans dortige Amtsgericht. 1995, mit der Einführung des hessischen Gleichstellungsgesetzes, wird sie Frauen-Beauftragte der ordentlichen Gerichtsbarkeit des Landes Hessen. 24 Jahre behält sie das Amt inne.

Es ist wahrlich nicht ihr einziges Engagement. Hauptmann ist bei Zonta International dabei, ein internationale Organisation berufstätiger Frauen, die sich für benachteiligte Frauen und Mädchen einsetzt. Zudem ist sie beim Verein „Hilfe für Helfer Frankfurt“ engagiert.

Ihr Amt als Strafrichterin gab sie nach mehr als 20 Jahren für die Arbeit als Haft- und Ermittlungsrichterin auf. Dort gilt die 60-Jährige wie sie selbst sagt, als „Mutter der Kompanie“, weil alle anderen mindestens zehn Jahre jünger sind. Da Hauptmann mittlerweile auch die dienstälteste aufsichtsführende Richterin ist, wird sie im August auch mal zehn Tage interimsweise das Amtsgericht führen: Dann nämlich, wenn Präsidentin und Vizepräsident gleichzeitig im Urlaub sind. Zudem hat sie noch einen Lehrauftrag an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung und ist am Amtsgericht Pressesprecherin für Strafsachen.

Kaum zu glauben, dass die Pferdeliebhaberin bei all dem noch Zeit für Hobbys hat. Selbst reitet sie zwar nicht mehr, aber sie spielt ab und zu mal den „Turniertrottel“, wenn sie eine ihrer beiden erwachsenen Töchter zum Reitturnier fährt. Darüber hinaus hat es ihr die Kunst angetan. Gerade war sie mit dem Freundeskreis Schirn in Oslo. „Ich bin aber auch in den Freundeskreisen aller anderen Frankfurter Museen“, verrät Hauptmann und muss sich plötzlich sputen. Ihr nächster Dienst als Haftrichterin steht an.

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