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Stoßstange an Stoßstange auf der Friedberger Landstraße.

Berufsverkehr

Im Zweifel hupen

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Der Streik im ÖPNV führt auf den Frankfurter Hauptstraßen zu langen Staus. Manch einer verliert die Nerven.

Und dann fängt es auch noch an zu regnen. Normalerweise stört sich Jens Meyer daran nicht. In seinem Familien-Kombi wird er ja nicht nass. Doch an diesem Dienstag passt der Regen einfach zur Stimmung. Alle, die um kurz vor 9 Uhr mit dem Auto auf der Friedberger Landstraße unterwegs sind, fühlen sich genervt.

Dabei hatte eigentlich niemand etwas anderes erwartet als Stau und Chaos. Jens Meyer, Angestellter bei einer großen Bank in der Innenstadt, ist von seiner Wohnung im Frankfurter Norden trotzdem nur zehn Minuten früher losgefahren als üblich. Das rächt sich jetzt, der erste Kundentermin droht zu platzen, Meyer bekommt schlechte Laune, der Regen wird stärker.

Tarifstreit

Die Gewerkschaft Verdi zeigte sich mit dem Verlauf des Warnstreiks der Beschäftigten im öffentlichen Personennahverkehr in Hessen zufrieden. Laut Verdi hatten sich 3100 Beschäftigte an den Arbeitsniederlegungen beteiligt. Insgesamt verhandelt die Gewerkschaft in Hessen für 4500 Beschäftigte im Nahverkehr.

In Wiesbaden waren vor allem die Buslinien der Verkehrsgesellschaft Eswe vom Streik betroffen. In Kassel standen neben den Bussen auch die Straßenbahnen still. In Offenbach hat Verdi für den heutigen Mittwoch zum Streik aufgerufen. Im Rathaus, in den städtischen Kitas und im kommunalen Jobcenter Mainarbeit werden die Bediensteten die Arbeit niederlegen.

Im aktuellen Tarifkonflikt für bundesweit 87 000 Beschäftigte fordert Verdi einheitliche Regelungen in Fragen wie Nachwuchsförderung, Entlastung sowie den Ausgleich von Überstunden und Zulagen für Schichtdienste. Darüber hinaus soll die Ungleichbehandlung in den Bundesländern beendet und künftig zentrale Regelungen wie 30 Urlaubstage oder Sonderzahlungen bundesweit vereinheitlicht werden. Seit März fordert die Gewerkschaft hierzu die Verhandlung eines bundesweiten Rahmentarifvertrages. Die Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeberverbände hatte sich vor kurzem gegen die Aufnahme von Verhandlungen ausgesprochen.

Stella Schulz-Nurtsch, Stadtverordnete der SPD, veröffentlicht auf Facebook schon vor 9 Uhr das erste Bild von vollen Straßen. Zu sehen ist der Ratsweg. Die Autos stehen Stoßstange an Stoßstange. Außerdem im Bild: Straßenbahnschienen, die völlig frei sind, denn am Dienstag fährt keine einzige Tram. „Heute kann man in Frankfurt mal wieder gut erkennen, wie wichtig ein gut funktionierender ÖPNV ist“, schreibt Schulz-Nurtsch dazu. Sie wünsche „gute, schnelle und erfolgreiche Tarifverhandlungen“. Mit diesem Wunsch ist die Sozialdemokratin nicht alleine.

Zurück auf der Friedberger Landstraße. Von der Autobahn A661 geht es teils nur im Schritttempo in Richtung Innenstadt. Auf der Verkehrsinfotafel in der Nähe des Alleenrings steht, man brauche bis in die City 18 Minuten länger als geplant. Viele der Autofahrerinnen und Autofahrer im Stau halten das für ein Gerücht. Sie gehen davon aus, dass sie weitaus mehr Zeit verlieren. In vielen Autos wird telefoniert (obwohl das ohne Freisprechanlage auch im Stop-and-Go-Verkehr verboten ist). Vermutlich sprechen die meisten Menschen mit ihren Vorgesetzten – und räumen kleinlaut ein, dass sie die Folgen des Streiks doch etwas unterschätzt hätten.

9.30 Uhr, kurz hinter dem Alleenring. Jetzt wird gehupt. Ein Kleinwagen steht mit dem Heck noch auf der Kreuzung: Tuuuut. Ein Rollerfahrer drängelt sich zwischen den Spuren durch: Tuuuut. Ein Lastwagen bleibt bei Gelb stehen statt Gas zu geben. Tuuuut. Jens Meyer, der Banker mit der schlechten Laune, hupt auch. Er sagt, er fühle sich dann besser.

Um die Mittagszeit, als sich das Verkehrschaos gelegt hat, meldet sich auch Nico Wehnemann zu Wort. Der Stadtverordnete der „Fraktion“ schreibt auf Twitter: „Ja, es ist Streik, und Leute regen sich auf. Doch niemand regt sich auf, dass unsere Regierungskoalition ja eigentlich seit viereinhalb Jahren im Streik ist.“

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