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Die Königsteiner – Das Porträt einer Straße

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Von: Christa Rosenberger

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In Frankfurt-Höchst, ist die Kö Fußgängerzone.
In Frankfurt-Höchst, ist die Kö Fußgängerzone. © Michael Schick

Als Fußgängerzone beginnt sie in Höchst, touchiert Sulzbach, durchschneidet Bad Soden, schließlich endet sie im Neuenhainer Wald, am Fuße des Hardtbergs.

Ich habe sie drüben immer vermisst, die Königsteiner“, sagt Linda Tuten, die heute in Washington lebt, aber ihre Jugend in Höchst verbracht hat, dort wo ihre Eltern eine bekannte Gastwirtschaft führten. Als sie vor vier Jahren zu Besuch war, zog es sie sofort zur „Rutsch“, wie seit jeher die legendäre Straße genannt wurde.

„Sie war für mich Bummelboulevard und Shoppingmall in einem“, erzählt sie und sie erinnert sich noch an die meisten der bekannten Geschäfte dort. An den Bäckerladen mit dem Duft von frischen Brötchen, bei dem sie ihre geliebten Nusstörtchen mit weißem Zuckerguss kaufte, an die Metzgerei Weißbecker und deren Spezialität „warme Gelbwurst“, an die 1001 Haushaltswaren bei Hartmann & Sohn, an das kunterbunte Sortiment von Woolworth und an den Juwelier Buchwald am Eck, bei dem im Schaufenster goldene Armbändchen lagen, an denen Herzchen und Marienkäfer baumelten.

Und natürlich an Schuh-Oker, dessen Attraktion der große, graue Kasten war, der die Kinderfüße röntgen konnte, damit die Verkäuferinnen wussten, ob Schuhe wirklich passen. Auch Linda starrte jedes Mal fasziniert auf ein Skelett ihrer Füße – heute undenkbar und längst verboten, und sie weiß noch, dass sie vor Freude hochgesprungen ist, wenn ihr der „Lurchi“, ein gelb-schwarzer Salamander, zusammen mit einem Heftchen überreicht wurde.

2019 konnte die mit Bildern der Erinnerung reich beschenkte „Kö“, wie die Straße später getauft wurde, ihren 200. Geburtstag feiern.

Eigentlich sollte das Jubiläum besonders festlich begangen werden, denn immerhin handelt es sich um eine der wichtigsten und längsten Straßen in der Region, die vom Stadtteil Höchst über die Stadt Bad Soden bis in den Taunus, zum Luftkurort Königstein führt. Aber dann schlug mitten in die Vorbereitungen wie ein Blitz Corona ein und machte dem Festkomitee einen Strich durch die Rechnung.

Es waren Vorträge und Ausstellungen geplant mit historischen Details, tragischen und lustigen Episoden der Baugeschichte und vieles mehr, wobei das Kulturamt von Bad Soden seine Aktivitäten auf das Jahr 2022 verschoben hat, während in Höchst auch 2021 einzelne Führungen unter Corona-Bedingungen stattgefunden haben – in einer Gemeinschaftsaktion vom Verein für Geschichte und Altertumskunde und der Bürgervereinigung Altstadt.

Geschichte und Geschichten

In die Zeit zwischen 1802 und 1866, als das Land Nassau Macht und Einfluss erringt, fällt der Bau der großen Landstraße zwischen dem Frankfurter Stadtteil Höchst und der Stadt Königstein, wobei die Straße auf ihrem Weg in den Taunus die Orte Unterliederbach, Sulzbach, Bad Soden und Neuenhain durchschneidet.

Bei dem Bau der Straße fanden die Sandsteinfundamente des letzten Galgens, an dem eine Kindsmörderin aufgeknüpft worden war, Verwendung. Er wurde zusammen mit den anderen Hinrichtungsstätten im Jahr 1816 abgeschafft, und keiner erhob dagegen irgendwelche Einwände.

Geplant und abgesteckt war die Chaussee schon in Kurmainzer Zeit von etwa 1770 an. Aber die Revolutions- und Befreiungskriege und die Heereszüge Napoleons verzögerten den Bau bis in die Nassauische Zeit hinein.

Mit der Gründung der Farbwerke Hoechst (1863) wurde der Grundstein einer bedeutenden Industriestadt gelegt, und wenig später marschierten schon „Rotfabriker“ der frühen Jahre über das Pflaster der Königsteiner in Höchst, während zur gleichen Zeit in Neuenhain an dieser Straße das bekannte „Gasthaus Batzenhaus“ entstand, das Otto von Bismarck Speis, Trank und Logis geboten hat.

Die Königsteiner Straße, die an Sulzbach vorbeiführt, streifte ein Dorf, das damals Käsbach hieß, weil die Bauersfrauen sich auf die Herstellung eines trefflichen Handkäses verstanden. Noch heute erinnert in der Ortsmitte eine kleine Skulptur der Künstlerin Hannelore Tegeder an diese bäuerliche Tradition, die leider nie mehr aufgenommen wurde. Der idyllische Ort, Sonntagsausflugsziel zahlreicher Höchster Bürger:innen, lag inmitten von Wiesen und Feldern, und an die vielbefahrene B8, die ausgedehnten Neubaugebiete und an die gesegneten Pfründen eines späteren Einkaufparadieses mit Konsumpalästen und Kinogiganten dachte in jener Zeit noch niemand in Sulzbach auch nur im Traum.

Die Königsteiner in Höchst: tagtäglich eine Straße der 1000 großen und kleinen Schritte. Gemütliche Cafés mit reich verzierten Torten und Kuchen, mit Tüll Gardinen, Samtsesselchen und viel Plüsch entzücken die Pistengänger:innen von damals.

Ein scharfer Schnitt. Die Königsteiner als Parade- und Aufmarschstraße der Nazis. Das dumpfe Dröhnen von Springerstiefeln.

Schon bald postierten sich SS-Leute vor die Ladeneingänge und stellten Schilder auf mit der Aufschrift: „Kauft nicht bei Juden!“ Noch blieb es bei Parolen und Drohungen, doch bereits wenige Jahre später, bei dem Novemberpogrom 1938, wurden die Synagoge am Marktplatz zerstört und die beliebten jüdischen Geschäfte in der Königsteiner Straße demoliert und geplündert. Vernichtet, ausgelöscht und in die Vergangenheit abgedrängt sollten sie werden, doch die Erinnerungen bleiben, sind unverwüstlich wie alte, zerfledderte Stadtpläne. Die Erinnerungen an den Bäcker „Judd Hirsch“ zum Beispiel, der nicht nur dienstags das Matzenbrot verkaufte, sondern auch christliche Weihnachtsplätzchen anbot und Nikolausmänner aus Schokolade. Die Erinnerungen an das Konfektionshaus Hugo Levy, an das berühmte Kaufhaus Schiff, Mäzene und Wohltäter ihrer Zeit, an die Würzburgers, Mathilde und Julius, Fachleute für Bekleidung, an Gustav Carsch, Spezialist für feine Herrenmoden, an das Warenhaus Wolf, an den Gemischtwarenhändler Hammerschlag und zahlreiche andere mehr. Viele Jahre jüdisches Leben in Höchst und die Königsteiner Straße mit ihren weithin bekannten jüdischen Läden spielten in diesem Leben eine besondere Rolle.

Dass heute das Andenken an die ehemaligen Mitbewohner:innen bewahrt wird, ist dem Einsatz der „Arbeitsgemeinschaft Judentum“ zu verdanken. Ein Kreis von Historiker:innen wie Wolfgang Metternich, nebst engagierten Mitstreiter:innen wie Helga Krohn, Waltraud Beck, Josef Frenzel und ihren Freund:innen, hat die Geschichte der einst blühenden jüdischen Gemeinde in Höchst intensiv aufgearbeitet. Öffentliche Aufklärungsgespräche, Gedenktage, Stolpersteine und das Buch „Die vergessenen Nachbarn“ zeugen von seinen Aktivitäten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschen in der „Kö“ Nachkriegsarchitektur, hektische Geschäftigkeit, Plattenbauten und Kunststofffenster, Cafés, die zur Eisdiele werden, Sonnenstudios, Drogeriemärkte, Billigläden, eine Kneipe am Eck, ein Wirtshaus mit Jägerschnitzel und italienischer Nudelsuppe, aber auch die alte Buchhandlung Pfeifer mit ihrem Antiquariat und ihren beiden skurrilen Inhabern, die jedes Buch kannten und fanden, vor. Daneben Häuser der Jahrhundertwende mit Schnörkeln, Sandsteinornamenten, Fresken und Stuckverzierungen. Gediegene Bürgerlichkeit mit langsam abblätterndem Putz.

Den legendären Schupo von der Kö, den alle wegen seiner theatralischen Armgymnastik nur den „sterbenden Schwan“ nannten, ihn gibt es längst nicht mehr. Auch der Zeitungskiosk von Tante Lotte ist lange schon verschwunden, und nur in manchen Träumen der alten Höchster lebt das ledige „Fräulein Lotte“ noch weiter.

Die Königsteiner wird zur Fußgängerzone, in der das pulsierende Herz einer Industriestadt schlägt. Obelisken flankieren den Ein- und den Ausgang in die moderne Konsumwelt der Farbenstadt, ein anderer Rhythmus dirigiert jetzt die Schritte der Bummler:innen, neue Läden siedeln sich an, dem alten Gesicht der „Kö“ wird ein neues Make-up verpasst.

Szenenwechsel. Die Königsteiner als Lebensader. Ein bisschen Hanauer-Landstraße-Feeling, ein Forum für heimatliche Gefühle. Nachbar:innen, die seit Generationen hier wohnen und arbeiten. Arztpraxen und Apotheken, vom Vater an den Sohn vererbt, Boutiquen und Bäckerläden, die schon Jubiläen feiern konnten, historische Gaststuben mit Pizza und Pasta und eine Hähnchenbraterei aus den Sechzigern.

Doch dann ändert sich das Gesicht der „Kö“ erneut. 1999 wird der größte Arbeitgeber der Farbenstadt, die Firma Hoechst AG, zerschlagen und das Werksgelände zu einem Industriepark umfunktioniert. Ein Protestmarsch aller Kolleg:innen durch die Königsteiner nützt nichts, und auch die legendären Umweltschützer:innen „Maagucker“, die der Hoechst AG auf die Finger geschaut und so manchen Skandal aufgedeckt hatten, werden erst einmal arbeitslos. Fassungslos und bestürzt verfolgen Belegschaft und Bewohner:innen das Geschehen. In die Resignation und in die Wut der Mitarbeiter:innen und ihrer Familien mischen sich Trauer und Wehmut und die Erinnerungen an ihre alte Rotfabrik. Noch lange werden sie verstört sein und auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Höchst aber erleidet eine Wandlung, hin zum Negativen, die freilich schon begann, als das früher zuständige Landratsamt in das jetzige Kreishaus nach Hofheim verlegt wird.

Niedergang eines Stadtteils

Das Kaufhaus Hertie schließt seine Pforten und wird abgerissen. Andere renommierte Geschäfte folgen dem Beispiel. Die Königsteiner als Wohnstraße ist nicht mehr attraktiv, viele Höchster Bürger:innen zieht es in den Taunus. Noch mehr alteingesessene Läden müssen schließen, weil ihre Kund:innen zum Einkauf ins nahe gelegene Main-Taunus-Zentrum strömen. Billigläden, Bierkneipen und Kebab-Restaurants halten Einzug in die Königsteiner Straße, Hauswände tragen fragwürdige Parolen, Hinterhöfe vergammeln, Tauben fliegen durch zerborstene Fenster, arbeitslose Jugendliche ziehen gelangweilt um Häuserblocks, meist in latenter Gewaltbereitschaft. Es fallen Worte wie Verödung und Slumsituation der City, es formiert sich ein Freundeskreis, der für bessere Zeiten zu kämpfen bereit ist, und eine Interessengemeinschaft Höchster Geschäftsleute gründet sich, um den Quartieren ihren Glanz wiederzugeben. Weitere rührige Bürger:innen, kritische Zeitgenoss:innen und engagierte Gruppen, die sich Sorgen um ihren Stadtteil machen, finden sich zusammen. Allen voran die „Höchster Altstadtfreunde“ mit ihrer leider inzwischen verstorbenen Gründerin und Vorsitzenden Renate Großbach, die sich stets um die baulichen Sünden der schlecht renovierten Häuser gekümmert hatte.

Langsam ändert sich das Antlitz der alten Dame. Zwischen den türkischen Warenhäusern, die bislang das Bild der Königsteiner geprägt haben, eröffnen neue Läden, kleine Bistros, Shops und anspruchsvollere Bekleidungsgeschäfte sowie eine angesagte Westbar, Hausnummer 27.

Blumen werden aufgestellt, um die „Kö“ zu verschönern, und um mehr Ruhebänke zum Verweilen nach einer Shoppingtour kämpft mit Sitzstreiks eine Senioreninitiative, unter ihnen die 105- jährige Ursula Schmidt.

Einheimische und ausländische Familien, Hausfrauen, die vom Markt kommen, Mütter mit Kindern, Rentner:innen, Spaziergänger:innen mit ihren Hunden, Mädchen mit Piercings, sie alle sitzen an warmen Tagen unter Sonnenschirmen mitten auf der Straße, essen Eis oder trinken eine Cola und betrachten das pulsierende Leben. Mit der Initiative „Pro Höchst“ entsteht sogar ein „Runder Tisch Höchst miteinander“, der verschiedene Generationen und Nationalitäten an einer langen Tafel zum Essen und Trinken in die Fußgängerzone einlädt (wegen Corona muss er derzeit ausfallen).

Wie eine Verheißung steht noch immer am Eingang zur „Kö“ auf dem 2008 neu gestylten Dalbergplatz die Windsbraut, eine Stahlskulptur der Frankfurter Bildhauerin Nele, die frischen Wind in die alte Straße wehen sollte und schon nach kurzer Zeit zu einer Symbolfigur geworden ist.

Spätestens nach der Bahnunterführung kommen dann noch einmal die Erinnerungen hoch und gleichen sich die Bilder von gestern und heute. Nach Unterliederbach hin wird die Königsteiner zur Lindenallee. Und Karl-Heinz Döring wird wieder präsent. Ein großer, hagerer, grauhaariger Mann, der schon ein Baumfreund war und erbittert um sie kämpfte, als die „Grünen“ noch gar nicht erfunden waren. In einer privaten Rettungsaktion begann er, die mächtigen 120 Lindenbäume der Königsteiner wieder „auf die Beine“ zu stellen und sie vor einem langsamen Erstickungssterben durch Asphalt, mit dem sie einzementiert wurden, zu retten. Mit dem Frankfurter Gartenamt lag er im Dauerclinch, weil er versucht hat, verkrustete Mechanismen aufzuweichen, um einen schwerfälligen bürokratischen Apparat in Bewegung zu bringen. Doch sein Beispiel machte Schule. Fortan wurden die Baumschutzvorschriften beachtet, Baumscheiben wurden eingeführt und Hinderungspfosten, die das Parken der Autos unmöglich machten.

Das einzige Gotteshaus, welches direkt an der Königsteiner Straße liegt, ist die Unterliederbacher Sankt-Johannes-Kirche, die schon vor langer Zeit ihr 100-jähriges Bestehen feiern konnte. Ihr Gründer, der berühmte Pfarrer Emil Siering, gab der benachbarten Sieringstraße ihren Namen. Einige Meter entfernt stand das imposante Fabrikgebäude der Schokoladenfirma Krapf & Arnold. Ansehnliche Villen der Jahrhundertwende stehen am Ende der Königsteiner, ehe sie hinter den kleinen Siedlungshäuschen der „Engelsruhe“ zur Ausfallstraße Richtung Königstein wird und am 58-jährigen Main-Taunus-Zentrum vorbeiführt, das nach wie vor Käufermassen wie ein Magnet anzieht, längst zu klein geworden ist und demnächst wieder erweitert werden soll.

Bevor die Straße ihre Ruhe in Königstein findet, wird sie in Bad Soden noch einmal jung, fängt mit der Hausnummer 1 an, wird zur lauten und lebhaften Einkaufsstraße, früher Kurpromenade, sucht die Nähe zum Kurpark, in dem im Herbst buntes Laub unter den Füßen raschelt, im Sommer die Kurgäste der „Rhapsody in Blue“ oder den „Ungarischen Tänzen“ lauschen können.

Die Königsteiner Straße ist knapp zehn Kilometer lang; zwischen Anfangs- und Endpunkt liegt ein Höhenunterschied von 250 Metern. Zwischen Washington und Höchst sind es sogar 6500 Kilometer, und dennoch wird „ihre Kö“ für Linda Tuten auch in der Ferne immer nah sein.

Bis zur Burg Königstein schafft es die Straße gar nicht, sie endet am Fuße des Hardtbergs.
Bis zur Burg Königstein schafft es die Straße gar nicht, sie endet am Fuße des Hardtbergs. © Michael Schick

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