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Fußball 2020 in Frankfurt: Auf den Tribünen wird Abstand gehalten.

Eintracht Frankfurt

SGE gegen Bielefeld: Stimmung im Pandemie-Modus

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Beim ersten Saisonspiel der SGE gegen Arminia Bielefeld geht das Hygienekonzept des Vereins voll auf. 6500 Menschen unterstützen die Mannschaft so gut sie können.

So also müssen sich die Leute im Stadion am 13. April 1973 gefühlt haben. Da siegte die Eintracht in der Fußballbundesliga 2:0 gegen Hannover 96. Vor 5000 Zuschauerinnen und Zuschauern. Weniger waren es in der Liga seitdem nie mehr. Wir erinnern uns aber auch an den 10. September 1994. Eine knappe Pokalniederlage gegen den VfL Wolfsburg. Aber wie will man auch ein Elfmeterschießen gegen Wolfsburg gewinnen, wenn nur 5300 Menschen zugucken? So, Geschichtsstunde beendet.

In der Gegenwart herrscht in Frankfurt und in der ganzen Welt eine fürchterliche Pandemie, und deshalb durften am Samstag zum Bundesliga-Auftakt der Eintracht gegen Bielefeld nur 6500 Leute kommen. Aber immerhin. Vor kurzem sah es noch danach aus, als ginge es mit den Geisterspielen weiter. Das will keiner.

Eintracht Frankfurt gegen Arminia Bielefeld: Erstes Heimspiel in Zeiten von Corona mit zuschauern

Damit die Eintracht vor Publikum spielen durfte, hat der Verein ein Hygienekonzept vorgelegt. Das ist detailliert. Sehr detailliert. So detailliert, dass man glauben konnte, die Eintracht habe nicht das Frankfurter Gesundheitsamt von einem sicheren Spielbetrieb mit Fans überzeugen wollen, sondern Karl Lauterbach, den notorisch besorgten SPD-Politiker, der zum Bundesligastart natürlich wieder sagen musste, die Öffnung der Stadien werde angesichts steigender Infektionszahlen ein „kurzes Intermezzo“ bleiben. Schauen wir mal.

Das Hygienekonzept der Eintracht funktioniert jedenfalls. Es funktioniert sogar richtig gut. Vermutlich gibt es in Frankfurt am Samstagnachmittag kaum einen Ort, an dem die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit Covid 19 so gering ist wie im Stadion im Stadtwald.

„Im Herzen von Europa liegt mein Frankfurt am Main.“

14.41 Uhr: Aus der extralangen S-Bahn, die am Stadion hält, steigen 18 Menschen aus. Achtzehn. Weniger als eine Stunde vor Spielbeginn. Normalerweise sind es um diese Zeit mehrere Hundert. Doch die Zuschauer haben den Aufruf, mit Rad oder Auto anzureisen, beherzigt.

14.50 Uhr: Auf dem Parkplatz Gleisdreieck ist die Stimmung gut. Die Fans trinken Bier und essen Steaks, Musik wird gespielt. Die Herrschaften müssten jetzt eigentlich mal in Richtung Eingang aufbrechen. Schließlich endet um 15 Uhr der zweite der beiden zeitlichen Slots, die den Besucherinnen und Besuchern zum Betreten der Arena vorgegeben waren.

Doch die Fans auf dem Parkplatz haben keine Eile. Getroffen haben sich hier die Frankfurter Ultras und die halten eisern an ihrer Devise fest: Wir gehen erst wieder ins Stadion, wenn alle dürfen. Also verfolgen sie das Spiel vom Parkplatz aus. Aus Respekt vor ihnen hat die Eintracht den Unterrang der Fan-Kurve nicht besetzt.

15 Uhr: Am Eingang setzt man die Maske auf und gibt eine schriftliche Erklärung ab, dass man keinen Kontakt zu Covid-19-Kranken hatte. Ein Mann steht mit einem Kanister Desinfektionsspray hinter dem Drehkreuz und besprüht Hunderte Fan-Hände.

Bahnfahrt ohne Gedränge.

15.10 Uhr: Ein erster Wermutstropfen. Die Schlangen an den wenigen Imbissständen sind sehr lang. Wobei das auch daran liegt, dass alle den Abstand von anderthalb Metern zueinander halten. Aber sich um diese Zeit noch anzustellen, hat wenig Sinn. Zumal man ohnehin nur am Platz essen und trinken darf. Die gemütliche Bierrunde mit zehn Freunden entfällt diesmal. Wer trotzdem schon im Umlauf der Arena am Getränk nippt, den ermahnen die Ordner freundlich.

15.15 Uhr: im Block. Es sieht komisch aus. Die Menschen, die am Platz keine Masken tragen müssen, sitzen verteilt über alle Tribünen. Und zwar einzeln. Auch zwischen Ehepaaren oder Vater und Sohn bleiben mindestens drei Plätze frei. Fußball 2020 im Eintracht-Stadion.

15.20 Uhr: Sie spielen „Im Herzen von Europa“, die Vereinshymne. Und das ist schon ein besonderer Moment. Erstmals seit einem halben Jahr stehen dazu Leute auf, halten die Eintracht-Schals in die Höhe und singen mit. Aus 6500 Kehlen ertönt: „Der eine liebt sein Mädchen, und der andere liebt den Sport … den Sport!!!“.

15.30 Uhr: Anpfiff. Die Stimmung ist besser als viele befürchtet hatten. Wesentlich besser. Die Eintracht wird lautstark mit den bekannten Fan-Gesängen angefeuert.

15.35 Uhr: „Steht auf, wenn ihr Adler seid!“

Ein einsamer Fan studiert die Kurzform der Hygieneregeln.

15.40 Uhr: „Eintracht Frankfurt, allez, Eintracht Frankfurt, allez, Eintracht Frankfurt, allez, schwarz und weiß wie Schnee.“

15.45 Uhr: „Auf geht’s, Eintracht, schießt ein Tor, schießt ein Tor, schießt ein Tooooor …“

15.50 Uhr: Man stellt allerdings auch fest, dass sich Support besser anhört, wenn er koordiniert wird. Häufig wird im Westen des Stadions ein Lied angestimmt und im Osten ein anderes. Oder aber die Tribünen sind zeitlich nicht synchron unterwegs. Wer in Höhe der Mittellinie sitzt, hört dann mitunter Klangbrei. Für gewöhnlich ist es die aktive Fan-Szene, die die Anfeuerung organisiert, insbesondere die Vorsänger in der Nordwestkurve geben den Takt vor. Doch die sind halt nicht da.

16.40 Uhr: Bielefeld geht in Führung. Das ist vielleicht der bizarrste Moment des Nachmittags. Normalerweise jubeln jetzt die Gästefans. Und zumindest einige Hundert sind immer da. Doch zu diesem Spiel haben nur Dauerkartenbesitzer von Eintracht Frankfurt Zutritt. Deshalb ist es nach dem Tor von Cebio Soukou einfach totenstill im riesigen Stadion.

16.50 Uhr: Der Ausgleich durch Andre Silva. Und jetzt liegen sich eben keine Menschen in den Armen wie sonst immer. Man jubelt gesittet. Auch das geht. Selbst die Menschen, die sich in Block 29 abklatschen, werden kritisch beäugt.

An den Bierbuden vor dem Stadion geht es entspannt zu.

17.25 Uhr: Schlusspfiff. Das Spiel endet 1:1. Auch die Abreise läuft entspannt ab. Auf dem Weg zum Parkplatz oder zur S-Bahn gibt es zwei Gesprächsthemen. Erstens: Es hat Spaß gemacht, wieder im Stadion zu sein. Zweitens: Mehr als ein Unentschieden gegen Bielefeld darf es schon sein.

Am Sonntagmittag zieht die Eintracht Bilanz. Für die Umsetzung des Hygienekonzepts habe der Verein Bestnoten vom Universitätsklinikum bekommen, heißt es. „Es gab keinerlei nennenswerte Verstöße gegen die zum Teil ungewohnten Regeln. Alle haben mitgemacht und sich vorbildlich verhalten, insbesondere auf den Rängen“, sagt Vorstand Axel Hellmann.

Am Samstag in zwei Wochen hat die Eintracht das nächste Heimspiel. Ob dann wieder 6500 Menschen kommen dürfen oder das Stadion mit rund 9000 Leuten zu einem Fünftel gefüllt wird, oder ob am Ende doch Karl Lauterbach mit seinen Warnungen recht behält, das weiß noch niemand.

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