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„Die Stiftungsuniversität ist ein fantastisches Modell“

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Von: Georg Leppert, Franziska Schubert

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Werner Müller-Esterl, Präsident der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Werner Müller-Esterl, Präsident der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. © christoph boeckheler*

Präsident Werner Müller-Esterl über Höhepunkte im Jubiläumsjahr, hochgesteckte Zukunftsziele und die Herausforderung, als Massenuniversität forschungsnahe Lehre anzubieten.

Herr Müller-Esterl, im Jubiläumsjahr absolviert die Goethe-Uni einen Marathon mit mehr als 100 Veranstaltungen. Nun ist Halbzeit, sind Sie zufrieden mit dem Verlauf?
Ich bin sehr zufrieden. Die Beteiligung ist enorm. Es engagieren sich nicht nur Studierende, Lehrende, Forschende und Verwaltungsmitarbeiter der Universität, sondern auch die Bürgerschaft. Wir feiern aber nicht nur, sondern nehmen das Jahr auch als Anlass zur Selbstreflexion: Wo steht die Universität? Wo will sie hin? Dabei richtet sich unser Blick auf die Licht- wie auch auf die Schattenseiten. Unser Historiker Notker Hammerstein, der gerade seinen dritten Band der Universitätsgeschichte fertigstellt, spart die dunklen Seiten der NS-Zeit nicht aus. Das ist mir wichtig.  

"Im europäischen Maßstab punkten"

Wollen Sie eine Botschaft mit dem Programm transportieren?
Unsere Botschaft lautet: Wissenschaft für die Gesellschaft. Wir wurden als Bürgeruniversität gegründet und beziehen daraus bis heute unser Selbstverständnis. So nutzen wir das Jubiläum, unsere Türen weit für die Bürgerschaft zu öffnen. Die Verbindung zwischen Stadt und Universität ist heute so eng wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Zuspruch ist so groß, dass wir kein Steuergeld in die Hand nehmen müssen, um das Jubiläum zu finanzieren. Der gesamte Etat von 2,5 Millionen Euro wurde durch Spenden aufgebracht.

Welche Höhepunkte sind Ihnen persönlich besonders wichtig?
Der diesjährige Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt, in dessen Mittelpunkt die 100-Jahr-Feier der Goethe-Universität stand. Großartig war auch der Festabend mit Zubin Mehta. Ein weiterer Höhepunkt ist die Poetikvorlesung mit Daniel Kehlmann. Der Faust-Abend mit Klaus Maria Brandauer war zum Niederknien. Auch der Besuch der Bundeskanzlerin anlässlich der Jahresversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft war ein großes Ereignis. Der eigentliche Höhepunkt aber steht uns an unserem Geburtstag, dem 18. Oktober, noch bevor. An dem Tag wird Bundespräsident Joachim Gauck unser Ehrengast in der Paulskirche sein. Wir alle sind schon sehr gespannt auf seine Rede. Danach laden wir zur großen Geburtstagssause auf den Campus ein.

Was erwarten Sie sich von der Rede des Bundespräsidenten?

Ich würde mir wünschen, dass der Bundespräsident Grundsätzliches zu Bildung und Forschung sagt, also etwa zur Rolle der Universitäten im deutschen Wissenschaftssystem, ähnlich wie es die Bundeskanzlerin gemacht hat.

Das Jubliläumsjahr ist eine gute Gelegenheit, Visionen für die Zukunft zu entwerfen. Wohin wird die Reise gehen?
Die Universität hat seit dem Jahr 2000 eine sehr gute Entwicklung genommen. Das sieht man inzwischen an allen Universitätsstandorten, ob am Riedberg, wo die Naturwissenschaften neue Gebäude bezogen haben, in Niederrad, wo mehr oder minder das Klinikum neu entsteht, oder im Westend, wo auf historischem Gelände ein neuer geistes- und sozialwissenschaftlicher Campus heranwächst. Das ist alles im engen Zusammenspiel mit unseren außeruniversitären Partnern geschehen. Wir sind neben München und Berlin ein starker Wissenschaftsstandort in Deutschland. Frankfurt beheimatet mittlerweile sechs Max-Planck-Institute, drei Leibniz-Institute, ein Helmholtz-Zentrum und hoffentlich bald auch ein Fraunhofer-Institut. Zwischen den Einrichtungen gibt es inhaltliche und räumliche Verbindungen. Das ist von enormer Bedeutung und eine Chance, künftig national, aber auch im europäischen Maßstab zu punkten.

Als Präsident haben Sie sich insbesondere für eine forschungsstarke Universität eingesetzt. Wie steht denn Frankfurt im Vergleich da?
Wir werden in nahezu allen nationalen und internationalen Rankings unter den sechs besten deutschen Universitäten aufgeführt. Im vergangenen Jahr hatten wir einen Rekord an Forschungsfördermitteln von 173 Millionen Euro, davon kamen allein 62 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Diese ausschließlich im Wettbewerb eingeworbenen Drittmittel entsprechen einem Drittel unseres Gesamtetats. Die Summe stellt auf der einen Seite einen großen Erfolg dar. Auf der anderen Seite ist damit der Anspruch verbunden, sie im nächsten Jahr zu halten, wenn nicht zu toppen; denn wir finanzieren mittlerweile unsere Forschung komplett über Drittmittel. Das hat sich seit den 1960er und 1970er Jahren stark gewandelt.

Und die Bilanz bei der Lehre?
An einer Universität sind traditionell Forschung und Lehre nicht voneinander zu trennen. So hat sich in Frankfurt nicht nur die Forschung, sondern auch die forschungsgeleitete Lehre deutlich verbessert. Im Mittelpunkt stehen unsere zehn Forschungszentren, die die Herausbildung neuer normativer Gesellschaftsordnungen, die Finanzmarktregulierung, den Klimawandel, frühkindliche Entwicklung oder auch neue Behandlungsmethoden von Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen thematisieren. Die Zentren haben große Zugkraft entwickelt und viele neue Forscherpersönlichkeiten auch aus dem Ausland geworben.

Profitieren Studierende davon?
Das wirkt sich auch auf die Lehre positiv aus, gerade auf der Master- und Doktoranden-Ebene. Wir können – anders als außeruniversitäre Forschungseinrichtungen – hier jungen Leuten in vielen Bereichen eine forschungsnahe Lehre anbieten. Unser Ziel ist, hier noch stärker zu werden und uns zu einer Master- und Promotionsuniversität zu entwickeln. Ungeachtet davon bilden wir selbstverständlich im Bachelorbereich grundständig vor allem hessische Landeskinder aus.

Universität mit ausgeprägter Autonomie

Wirkt es nach, dass sich die Goethe-Universität vor sechs Jahren bei der Exzellenzinitiative mit einzelnen Projekten erfolgreich durchsetzen konnte, aber nicht mit ihrem Gesamtkonzept?
Wir haben aus den Fehlern gelernt, gerade bei der Nachwuchsförderung. Hier hatten wir die meisten Defizite und daher fachübergreifend die Graduiertenschule Grade gegründet. Die Anstrengungen haben sich gelohnt. Erst im Mai haben wir zwei neue, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Graduiertenkollegs eingeworben. Inzwischen gibt es vonseiten der Politik auch Anzeichen dafür, dass Teile der nationalen Exzellenzinitiative wie Cluster und Graduiertenschulen fortgesetzt werden sollen. Für diesen Fall sind wir gut vorbereitet.

Sie würden die Goethe-Uni gern zu Harvard am Main machen.
Harvard am Main ist eine Metapher, die ich in meiner Rede beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt benutzt habe. Sie steht nicht nur für eine institutionelle und individuelle Forschungsfreiheit, sondern auch für eine finanzielle Autonomie. Diese zu erreichen, ist ein Jahrhundertprojekt. Denn die Goethe-Uni hat heute 166 Millionen Euro im Stiftungsstock, bräuchte jedoch zehn bis zwölf Milliarden Euro, um sich aus Zinserlösen zum größten Teil selbst finanzieren zu können. Es ist unmöglich, dies in den nächsten Jahren zu erreichen, aber die Tür ist offen. Der Weg allerdings zur vollständigen Autonomie ist noch weit.

Hat das nicht auch negative Auswirkungen? Andere hessische Unis fürchten, dadurch ins Hintertreffen zu geraten.
Unsere Ambitionen richten sich nicht gegen andere Universitäten. Wir wissen, dass wir in Frankfurt ein gutes Stiftungsumfeld haben, dessen Potenzial wir noch mehr nutzen wollen. Gleichzeitig wissen wir, dass das Land den Standort Frankfurt mit der größten hessischen Universität in besonderer Weise gefördert hat. Das erkennen wir auch an. Und daraus wollen wir nun das Beste machen. Das geht nur in Kooperation mit weiteren Förderern und Stiftern, aber stets unter fairen, transparenten Wettbewerbsbedingungen. Dabei orientieren wir uns an internationalen Beispielen, ohne unsere eigene Tradition und Identität zu verleugnen.

Ist diese Metapher im Blick auf die inneruniversitären Debatten glücklich gewählt? Viele fragen sich, ob die Hochschule zu sehr auf Eliten setzt. Haben Sie da nicht Angst, dass Ihnen solche Aussagen als Arroganz ausgelegt werden könnten?
Die Ziele unserer Gründer waren einst hochgesteckt. Wenn jemand den Gründern damals gesagt hätte, wie die Universität heute aussieht, hätte man denjenigen vermutlich für verrückt erklärt. In diesem Sinne sollten wir auch in den nächsten 100 Jahren von hohen Zielen nicht ablassen. Das heißt aber nicht, dass wir hier nur platt einen Elitebegriff bedienen. Wir haben hohe Ansprüche in Forschung und Lehre und wollen mit entsprechenden Angeboten international attraktiv sein. Das fordert übrigens auch die Politik ein. Wir wissen aber auch, dass wir eine Massenuniversität sind, an der heute mehr als 45 000 Studierende ausgebildet werden.

Ihr Vorgänger Rudolf Steinberg hat den Begriff Massenuniversität furchtbar gehasst.
Aber es ist die Realität. Bei so vielen Studierenden – in Frankfurt kommen 78 auf eine Professur – kriegen wir Probleme, adäquat zu unterrichten. Dank unserer Handlungsfreiheit gelang es jedoch, hier gegenzusteuern. Der neue Seminarpavillon wurde mit Eigenmitteln binnen 13 Monaten fertiggestellt. Auch beim neuen Seminarhaus führt die Universität als Bauherrin selbst Regie; bereits Anfang des nächsten Jahres kann es genutzt werden. Als einzige hessische Universität haben wir außerdem ein Professorenprogramm mit 40 neuen Stellen geschaffen. Wo gibt es das sonst? Das Land Hessen hat uns mit dem autonomen Stiftungsstatus einen großen Vertrauensvorschuss gegeben, den wir auch einlösen wollen. Das heißt konkret: Trotz des großen Studierenden-Andrangs haben wir den Anspruch, die jungen Menschen bestmöglich zu betreuen.

Die Goethe-Uni ist seit 2008 wieder eine Stiftungsuniversität – wie bereits bei ihrer Gründung. Bewährt sich das Modell in der Praxis?
Die Stiftungsuniversität ist ein fantastisches Modell. Die genannten Aktivitäten in der Lehre stehen beispielhaft dafür. Im Ausland ist das Modell längst der Prototyp der professionellen Universitätsverwaltung, im Inland aber eher die Ausnahme, um die man uns entsprechend beneidet. Es geht ja nicht um Autarkie, sondern eine staatliche Steuerungsform, die uns möglichst viel Handlungsfreiheit gibt. Angesichts des Rollbacks in Nordrhein-Westfalen, wo die Landesregierung das sogenannte Hochschulfreiheitsgesetz Stück für Stück abschafft, bin ich sehr froh, dass solche Tendenzen in Hessen nicht erkennbar sind. Keine andere deutsche Universität – außer der TU Darmstadt – besitzt eine so große Autonomie wie wir.

Wünschen Sie sich mehr Unabhängigkeit nach US-amerikanischem Vorbild?

Wissenschaftler streben stets nach Forschungsfreiheit. Gerade bei der Grundlagenforschung wehren wir uns gegen allzu viele Vorgaben von außen. Zur Wissenschaftsfreiheit gehören eine individuelle, institutionelle und finanzielle Unabhängigkeit. Letztere haben wir in Deutschland jedoch nicht. Das Land ist und bleibt in absehbarer Zeit unser wichtigster Geldgeber. Es muss uns aber dann auch für all die Aufgaben in Forschung und Lehre angemessen ausstatten. Wenn hierzulande etwa ein politischer Konsens darüber besteht, dass keine Studienbeiträge mehr erhoben werden dürfen, benötigen wir einen entsprechenden finanziellen Ausgleich.

Profitiert die Goethe-Uni von den Bildungsmilliarden, die die Große Koalition nun an die Länder verteilt?
Es war ein guter Tag, als Wissenschaftsminister Rhein ankündigte, dass für die hessischen Hochschulen künftig per anno 81 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung stehen werden. Das ist ein persönlicher Erfolg für ihn, da hat er sich gegenüber seinen Kabinettskollegen klar durchgesetzt. Wir hoffen, dass wir mit den zusätzlichen Mitteln strukturelle Defizite nun ausgleichen können. Auch wenn wir bisher in keinem Jahr ein Minus gemacht haben, sahen wir uns doch zu erheblichen Einsparungen etwa bei Landesstellen gezwungen.

Im Wintersemester werden die Studierendenzahlen wie in den vergangenen Jahren in die Höhe schnellen. Ist die Uni gewappnet für den erneuten Ansturm?
Ja, sofern keine völlig unvorhersehbaren Ereignisse eintreffen. Die Universität ist zuletzt Jahr für Jahr um 2000 Studierende gewachsen. Daher wurden die Vorlesungszeiten ausgedehnt und die Öffnungszeiten der Mensa und Bibliotheken verlängert. Auch verfügen wir über mehr Räume und Ausweichquartiere in Bockenheim oder am Riedberg. Vielleicht werden wir zu Semesterbeginn noch an einigen Stellen Kapazitätsprobleme haben, aber das wird sich legen. Wir haben alle Möglichkeiten genutzt, denn ich möchte vermeiden, dass sich die G8-Jahrgänge in Hessen wie eine „lost generation“ vorkommen.

Rechnen Sie nach Zuwächsen aufgrund des verkürzten Abiturs mit einer baldigen Entspannung?
Mit solchen Prognosen wäre ich vorsichtig (lacht). Der Ansturm hat sich auf mehrere Semester verteilt, was gut für uns war. Doch mussten immer wieder Prognosen bundesweit nach oben korrigiert werden. Inzwischen rechnen die Kultusminister erst wieder mit einer Entspannung ab dem Jahr 2025.

Viel entscheidender für die Erstsemester als ein Platz im Hörsaal ist gegenwärtig ein Platz zum Leben und Schlafen. Frankfurt gehört beim studentischen Wohnen hierzulande zum Schlusslicht.
Das stimmt; wenn man alle Wohnheimplätze zusammenrechnet, liegen wir in Frankfurt bei 3000 Unterbringungsmöglichkeiten für insgesamt 60 000 Studierende. Das sind fünf Prozent, der Bundesschnitt beträgt jedoch zehn Prozent. Daher müssen die Plätze in der Stadt verdoppelt werden. Dafür ist das Studentenwerk zuständig. Wir unterstützen es nach Kräften bei seinen Aktivitäten, aber auch bei seinen berechtigten Forderungen.

Nicht unvorbereitet in die Zukunft stolpern

Was tut sich konkret?
Mit der Stadt Frankfurt haben wir im vergangenen Jahr auf dem Campus Niederrad ein ehemaliges Schwesternwohnheim umgebaut; knapp 180 Plätze wurden dort geschaffen. Ein großer Gewinn ist aktuell das vom Land finanzierte Wohnheim an der Hansaallee mit zunächst 400 Plätzen und weiteren 200 Plätzen in der zweiten Ausbauphase. Mit dem Studentenwerk haben wir vereinbart, ein zweites Wohnheim auf dem Campus Riedberg zu bauen. An allen Uni-Standorten haben wir bald mindestens zwei, auf dem Campus Westend sogar drei Wohnheime, die es im Jahr 2000 noch nicht gab. Es kann derzeit kaum so schnell gebaut werden, wie die Studierendenzahlen steigen.

Gibt es weitere Möglichkeiten?
Zusammen mit dem Oberbürgermeister, dem Studentenwerk und dem Asta veröffentlichen wir über die Medien jedes Jahr einen Aufruf an Privatpersonen, Studierenden Zimmer zur Verfügung zu stellen. Meist gibt es um die 500 positive Rückmeldungen. Generell gilt: Stadt, Land, Studentenwerk und Universität müssen an einem Strang ziehen!

Ihre Amtszeit als Unipräsident wird am 31. Dezember enden. Warum werden Sie nicht noch mal kandidieren? Sie haben ja noch einiges vor.
Das stand für mich von vornherein fest. Eine Wiederwahl wäre prinzipiell möglich, aber dann wäre ich am Ende der nächsten Amtszeit 72 Jahre alt. Das möchte ich der Hochschule nicht zumuten. Der Job als Präsident ist sehr erfüllend, aber auch sehr fordernd. Das wird auch meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger so gehen.

Haben Sie schon Pläne für die Zukunft?
Ich bin immer Wissenschaftler gewesen und werde davon nicht lassen können. Für konkrete Pläne ist es noch zu früh, aber ich werde nicht unvorbereitet in die Zukunft stolpern. Ich gebe gerade 180 Prozent, da können Sie gar nicht auf null herunterfahren, sonst bekommen Sie ein Entlastungssyndrom.

Wie wäre es dann mit einem Marathon?
Lieber ein Halbmarathon.

Interview: Franziska Schubert und Georg Leppert

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