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Beim Gedenken an den ermordeten Karl Kipp in der Berliner Straße wird Musik gespielt.

Erinnerung

Stolpersteine in Frankfurt: Gegen das Vergessen

Die Initiative Stolpersteine Frankfurt weiht neue Gedenktafeln ein – darunter auch neun für verfolgte Homosexuelle.

Die kleine Gedenkfeier beginnt mit einem Fagott. Leise und andächtig ziehen die Töne des Holzblasinstruments am Samstagvormittag über die fast menschenleere Frankenallee. Knapp 20 Menschen haben sich in der prallen Sonne im Gallus versammelt, um vor dem Haus mit der Nummer 60 an Karl Stecker zu erinnern. Stecker, am 13. Januar 1900 in Frankfurt geboren, war Mechaniker, ledig und lebte hier im zweiten Stock zur Untermiete. 

Im Jahr 1932 wurde Stecker erstmals zu sechs Monaten Haft verurteilt – aufgrund des Paragrafen 175 Strafgesetzbuch, der „widernatürliche Unzucht“ unter Strafe stellte, also sexuelle Handlungen zwischen Männern. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Stecker erneut verurteilt und als „geistig minderwertig“ eingestuft. Aufgrund einer Berufung der Staatsanwaltschaft Frankfurt wurde anschließend Sicherungsverwahrung gegen ihn verhängt. Er durchlitt mehrere Haftanstalten und Konzentrationslager, musste schwere Zwangsarbeit leisten und starb im Dezember 1942 im Außenlager Gusen des KZ Mauthausen in Österreich.

Jedes Jahr werden in Frankfurt neue Stolpersteine verlegt, kleine Gedenksteine aus Messing, die vor ihrer letzten Wohnung an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Rund 1400 dieser Steine gibt es bereits in der Stadt, die meisten von ihnen erinnern an verfolgte und ermordete Jüdinnen und Juden. Doch unter den fast 100 Stolpersteinen, die an diesem Samstag und noch bis zum kommenden Dienstag in Frankfurt verlegt oder enthüllt werden, sind auch neun, die an Homosexuelle erinnern, die von den Nazis entrechtet, gequält und ermordet wurden. 

Neue Stolpersteine werden in Frankfurt noch bis einschließlich Dienstag verlegt und enthüllt.  

Stolpersteine sind kleine Gedenktafeln aus Messing, die mittlerweile europaweit an Opfer der Nazis erinnern – auf der Straße vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort.

Infos, Hintergründe und Termine unter www.stolpersteine-frankfurt.de.

Drei Steine für Schwule gibt es schon in der Stadt. Man habe sich vorgenommen, „dass wir dieses Thema ein bisschen stärker in den Vordergrund rücken wollen“, sagt Martin Dill von der Initiative Stolpersteine Frankfurt. Dill hat die Lebens- und Leidensgeschichte der Männer mühsam anhand von Prozess- und Gerichtsakten rekonstruiert.

Die feierlichen Enthüllungen der Stolpersteine, 13 sind es allein an diesem Samstag, laufen immer gleich ab. Es wird Musik gespielt, die Lebensgeschichte des ermordeten Menschen erzählt – schwule Männer, Jüdinnen und Juden, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderungen. Anschließend streuen die Mitglieder der Stolperstein-Initiative, oft auch Anwohner, Rosenblätter auf den Gedenkstein. Am Ende fassen sich alle an den Händen, um gemeinsam der Opfer zu gedenken.

Er finde es wichtig, an die Verfolgten zu erinnern, sagt Jörg Thiel. Der schwule Männerchor „Die Mainsirenen“, in dem Thiel singt, hat den Stolperstein für Karl Stecker in der Frankenallee finanziert. „Es betrifft einen schon persönlich, weil es ja Gleichgesinnte waren“, sagt Thiel. Sein Chor habe daher sofort zugesagt, 120 Euro für einen Stolperstein zu spenden.

Auch Stefan Diefenbach hat Stolpersteine für zwei schwule Männer gestiftet, die ebenfalls an diesem Samstag eingeweiht werden. Sie erinnern in der Dominikanergasse 7 an den 1891 geborenen Fabrikarbeiter Valentin Born, der 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg starb, und in der Berliner Straße an den 1902 geborenen Handelsgehilfen Karl Kipp, der 1942 ebenfalls in Flossenbürg ermordet wurde. Kipps Leichnam wurde eingeäschert, nachdem man ihm vorher noch die Goldzähne herausgebrochen hatte.

Als studierter Theologe habe er schon vor Jahren einen Stolperstein für einen ermordeten Priester gestiftet, sagt Diefenbach. Heute lebe er offen schwul, arbeite nicht mehr für die Kirche und wolle einen Beitrag dazu leisten, dass das Leid der Männer nicht vergessen werde, sagt Diefenbach. „Solange die Opfer in Erinnerung behalten werden, haben die Täter nicht das letzte Wort.“

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