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Wackersteine verschiedener Größen (Symbolbild).
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Wackersteine verschiedener Größen (Symbolbild).

Amtsgericht

Frankfurt: Rentnerin bewirft spielende Kinder mit Steinen

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Eine 79-Jährige streitet vor dem Amtsgericht alle Vorwürfe ab und ergeht sich in einer Verschwörungstheorie.

Frankfurt am Main - Wem spielende Kinder zuwider sind, der ist ein schlechter Hort-Nachbar. Und wer dann noch mit Wackersteinen wirft, der wird zum Fall für das Amtsgericht – wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung.

Es mag einmal eine Zeit gegeben haben, in der Menschen wie Frau K. – zumindest die Frau K., von der die Anklage spricht – alleine im finsteren Wald in einem Haus aus Pfefferkuchen fein lebten. Und wenn da draußen mal was tobte, dann bloß der Wind. Aber diese Zeiten sind vorbei, und im Oktober 2019 wohnte Frau K. auch nicht im Wald, sondern in der Eschersheimer Landstraße, wo sie sich den Innenhof mit einem Kinderhort teilen musste.

Frankfurt: Rentnerin fühlt sich von spielenden Kindern gestört

In diesem spielten eines unschönen Nachmittags drei Jungen (zwei davon 13, einer neun Jahre alt), und Frau K., in ihrer Ruhe gestört, warf laut Anklage zwei Wackersteine von ihrem Balkon im zweiten Stock in Richtung der Krachblagen, traf aber nur die Regenrinne und das Plastikvordach. Ruhe war dann aber immer noch nicht, denn kurz darauf klingelte die Polizei an ihrer Wohnungstür. Und am Montagmorgen muss Frau K. auch noch die Anklagebank drücken.

Sie habe nie mit Wackersteinen nach Kindern geworfen, beteuert die 79-Jährige. Das verböten ihr nicht nur der Anstand, sondern auch ihre zahllosen körperlichen Gebrechen. Die Sache sei vielmehr so: Mehr als 30 Jahre lang hätten sie und ihr Mann in der Wohnung in der Eschersheimer Landstraße glücklich und zufrieden gelebt, im Reinen mit sich und dem alten Vermieter und der alten Hortleiterin, bei der alles noch seine Art gehabt habe und die Kinder still gewesen seien.

Frankfurt: Kinderhort wird zum Streitthema vor dem Gericht

Doch dann habe der Hausbesitzer gewechselt und die Hortleiterin ebenso. Und die Kinder hätten zu lärmen begonnen und der neue Vermieter versucht, sie wegen angeblichen Eigenbedarfs aus der Bude zu ekeln, aber nicht mit ihr! Verdächtig oft hätten Hortleiterin und Vermieter miteinander getuschelt und gekungelt. „Und dann hat auf einmal die Polizei bei uns geklingelt und behauptet, wir hätten mit Steinen geworfen.“ Und kurz darauf habe das Amtsgericht Frankfurt nicht zuletzt dank der Zeugenaussage der Hortleiterin der Räumungsklage des Vermieters stattgegeben, mit der Begründung, wer Wackersteine auf Kinder werfe, der solle besser nicht neben oder gar über einem Hort hausen.

Das ist nun einmal eine Verschwörungstheorie, vor der selbst ein passionierter Querdenker den Hut ziehen kann. Aber auch, wenn keine vernünftigen Zweifel daran bestehen, dass die Steine vom Balkon der K.s geworfen wurden, hat die Angeklagte keine schlechten Aussichten, am nächsten Verhandlungstag mit einem Freispruch davonzukommen. Denn den eigentlichen Wurf hat niemand beobachtet – nur Frau K., die unmittelbar nach den Einschlägen auf dem Balkon gestanden hatte. Auf DNA waren die Steine von den Ermittlern nie untersucht worden. Und nicht nur nach Aussage der Hortleiterin handelt es sich bei dem eigentlichen Stinkstiefel aus dem zweiten Stock um den Ehemann von Frau K. Der habe ständig geschrien, genölt und gedroht, weil er der Ansicht sei, dass Kinder beim Spielen stillezuschweigen hätten. Und auch ein Polizist erinnert sich im Zeugenstand, dass es beim Besuch der K.schen Wohnung sofort Ärger gegeben habe, weil Herr K. versucht habe, der Streife ein freches Maul anzuhängen. Herr K. ist aber weder angeklagt noch als Zeuge geladen. Zum Prozess gekommen ist er trotzdem, bleibt aber unauffällig – vielleicht, weil keine Kinder zugegen sind.

Frankfurt: Rentnerin weint beim Anblick eines Wackersteins

Wenn man will, kann man aber auch der Ansicht sein, dass Frau K. ohnehin bereits gestraft genug ist. Sie wohnt mit ihrem Mann jetzt in Liederbach. Und das ist noch nicht alles. Beim Anblick eines asservierten Wackersteins, der als etwa anderthalb Kilogramm schweres Corpus Delicti vom Amtsrichter präsentiert wird, bricht Frau K. in Tränen aus.

Doch es sind keine Zähren der Zerknirschung, die ihr über die Wangen rinnen, sondern solche des Selbstmitleids. „Wir hatten 112 Quadratmeter“, schluchzt sie fast schon steinerweichend, „und jetzt haben wir 70“. (Stefan Behr)

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