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Die Straßencafés sind voll.
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Die Straßencafés sind voll.

Frankfurt

Steigende Inzidenz in Frankfurt: Zwischen Besorgnis und Schulterzucken

Noch gehen die Frankfurterinnen und Frankfurter mit den steigenden Corona-Zahlen recht gelassen um. Doch die Furcht vor neuen Einschränkungen ist zu spüren.

Die Meldung klang dramatisch: Nirgendwo in Deutschland ist die Corona-Inzidenz so hoch wie in Hessen – das sagen zumindest die Zahlen vom Wochenende aus. Doch was heißt das für die Menschen in Hessens größter Stadt? Die FR hat sich am Montagmittag in Frankfurt umgeschaut.

Am Impfzentrum:

Auf den Treppen vor der Festhalle steht einsam der Sicherheitsdienst. Wer geimpft werden möchte, darf sofort hinein – denn eine Schlange gibt es hier nicht mehr, überhaupt kommen nur wenige aus dem gläsernen Tempel. Martin B., 56 Jahre, hat die Impfung gerade hinter sich gebracht. Der Beamte glaubt, dass die Impfpflicht kommen wird, zumindest in sensiblen Bereichen, so wie für Polizist:innen und Lehrer:innen. „In meiner Familie bin ich der Einzige, der sich hat impfen lassen“, erklärt er. Er mache das, was der Gesetzgeber von ihm wolle. „Wenn ich eine Maske anziehen soll, um irgendwo reinzukommen, mach ich das. Wenn ich Kontaktdaten da lassen soll, um Essen zu gehen, mach ich das. Bis irgendwann der Punkt kommt, da mach ich nicht mehr mit.“

Auch Maria wurde zum zweiten Mal geimpft. Die 42-Jährige hat lange mit sich gehadert, aber sich schließlich dafür entschieden, weil die Herdenimmunität nicht erreicht werden könne, wenn sie nicht ihren Beitrag dazu leiste. Sie hat vor allem Sorge, dass die Schulen wieder schließen könnten. Ihren beiden Kindern habe das Homeschooling überhaupt nicht gut getan. Trotzdem ist sie überzeugt: „Ob man sich impfen lässt, soll jeder selbst entscheiden.“

Die 16-jährige Elpida T. freut sich, dass sie heute ihre erste Impfung bekommen hat. Damit sie besser durchkomme, falls sie Corona kriege. Wenn die Tests bald Geld kosten, würden sich mehr impfen lassen, glaubt die Schülerin. „Ich finde es gut, wenn sich mehr impfen lassen.“

Am Testzentrum:

„Kostenloser Bürgertest, ohne Termin“, prangt auf dem Aufsteller vor dem Laden am Hauptbahnhof. In der Mittagszeit ist hier wenig los. Sodaba R., 28 Jahre, die im Testzentrum arbeitet, steht an der Tür. Auch wenn sie sich Sorgen macht, weil die Zahlen in Frankfurt steigen: Dass Geimpfte und Genesene Vorrang haben, findet sie nicht gut. „Im Restaurant kam ich deswegen letzte Woche nicht rein. Es ist schmerzhaft, wenn man nur mit den Kindern Essen gehen will und hört so was“, erklärt die 28-Jährige. Außerdem befürchtet sie hohe Ausgaben, wenn das Testen Geld kostet. „Es werden sich viele Leute gezwungen sehen, sich impfen zu lassen“, glaubt sie.

Emerson S. wünscht sich dagegen mehr Vorteile für Geimpfte. Der 33-jährige Restaurantbesitzer sagt, dass er eigentlich nur noch Geimpfte einlassen möchte. Jeder sollte selbst entscheiden, ob er sich impfen lasse. „Aber dann muss man die Begrenzungen schon akzeptieren“, findet er. Als nach ihm eine Frau im Deutschland-Trikot an die Reihe kommt, erklärt sie: „Es wäre besser, wenn sich alle impfen lassen müssen.“ Michèle A. hat gerade eine Infektion überstanden. Nun fürchtet die 41-Jährige, sich wieder anzustecken, wenn die Zahlen weiter steigen. Darum erscheint ihr eine Impfpflicht als einzige Möglichkeit: „Sonst hört es nie auf!“

Im Einzelhandel:

Die Kundin in der kleinen Boutique dreht sich in einem roten Sommerkleid vor dem Spiegel. „Es ist nicht zu brav, oder?“, fragt sie. Susanne Herbst, Inhaberin des kleinen Secondhand-Modegeschäfts „Bonne Chance“ in der Frankfurter Schillerstraße, lacht unter ihrer Maske: „Nein, natürlich nicht.“ Zwischen der Kundin und der Verkäuferin herrscht ein vertrautes Verhältnis, und die Unbeschwertheit der beiden legt sich für einen Moment über den Pandemie-Frust, der sich sowohl bei der Einzelhändlerin als auch bei ihrer Stammkundin in den vergangenen Monaten angestaut hat. „Wenn man hier auf die Straße sieht, dann hat man das Gefühl, dass alles den Bach runtergeht“, erzählt Herbst, die den Laden seit 2009 alleine führt. Bis auf die Stammkund:innen, zu denen sie auch während des Lockdowns versucht hat, Kontakt zu halten, ist die Kundschaft nahezu ausgedünnt. Doch sie bleibt zuversichtlich und reagiert auf die steigenden Inzidenzzahlen mittlerweile nur noch mit Schulterzucken. Wenn ein Tag geschafft ist, dann kommt der nächste.

Die Einzelhändler der Straße hatten sich zur Aktionsgemeinschaft zusammengeschlossen und sich gegenseitig unterstützt. Doch nun löst sie sich auf. Die Gemeinschaft hält nicht mehr: „Wir sind jeder nun Einzelkämpfer“, sagt Herbst ein wenig bedrückt.

In der Gastronomie:

Giuseppe Mazzella lehnt am Fenster der Pizza Bar „Super Bros’s“ im Frankfurter Nordend. Die Stühle sind umgedreht. Mittags ist der Laden zurzeit geschlossen. „Das lohnt nicht mehr“, sagt Mazzella, einer der drei Inhaber. „Wir sind alle noch in Kurzarbeit, und mittags sind die Straßen hier leer.“ Abends jedoch herrsche bei gutem Wetter ein quirliges Treiben vor dem Laden, trotz steigender Infektionszahlen und 3G-Regel. „Die Menschen möchten die Corona-Realität gerade verdrängen“, sagt er. Er wirkt ein bisschen müde. Die letzten beiden Lockdowns haben sie gerade so geschafft und alle Mitarbeiter mit durchgekriegt. Was passiert bei einem neuen Lockdown? Daran möchte er nicht denken. Die Einnahmen im vorigen Jahr seien um 70 Prozent eingebrochen. Um das wieder aufzuholen, müsse der Laden jetzt laufen. „Die Gastro-Branche hat einen riesigen Image-Schaden in der Pandemie davongetragen. Das ist keine sichere Branche mehr“, bedauert er und fordert: „Wir brauchen einheitliche Auflagen und mehr Entlastungen.“ Trotzdem bleibt er zuversichtlich, denn noch sind sie da. Aber die Energiereserven sind aufgebraucht.

Der Handel floriert – aber wie lange noch, fragen sich viele.
Vor dem Impfzentrum ist nicht mehr viel los.

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