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In der gesamten Frankfurter Innenstadt gilt Maskenpflicht.

Corona

„Es überwiegt die Sehnsucht nach normalem Leben“

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Der Gesundheitsdezernent in Frankfurt, Stefan Majer (Grüne), warnt im Interview vor einem zweiten Lockdown. Schulen und Kitas sollen aber geöffnet bleiben.

Herr Majer, vor anderthalb Wochen haben Sie mit Oberbürgermeister Peter Feldmann schärfere Maßnahmen für Frankfurt verkündet – etwa die Sperrstunde in der Gastronomie. Damals hieß es, man werde in zehn bis vierzehn Tagen sehen, ob die neuen Regeln wirken. Tatsächlich sind die Infektionszahlen noch einmal deutlich gestiegen. Haben die Maßnahmen also nichts bewirkt?

Für ein solches Fazit ist es noch zu früh. Leider müssen wir feststellen, dass der dramatische Anstieg der Infektionszahlen noch nicht gebremst wurde. Das ist sehr besorgniserregend. Das heißt nicht, dass die Sperrstunde oder die Maskenpflicht in der Innenstadt keine Wirkung hätten. Es heißt, dass sich zu viele Menschen immer noch nicht an Regeln und Empfehlungen halten.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Offenbar überwiegt bei einigen Menschen die Sehnsucht, wieder ein normales Leben zu führen, vor der Angst vor Ansteckung. Aber das ist fatal. Mit jedem Tag, an dem die Infektionszahlen steigen, steigt auch die Gefahr eines zweiten Lockdowns.

Aber es gab ja nun wirklich genügend Hinweise darauf, wie ernst die Situation ist. Trotzdem gibt es offenbar in Teilen der Bevölkerung keine Akzeptanz für die Regeln. Was können Sie jetzt überhaupt noch machen?

Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Maskenpflicht noch einmal verschärfen. Man könnte zum Beispiel wie in Italien sagen: Überall im öffentlichen Raum muss Maske getragen werden. Das ließe sich auch leicht kontrollieren – anders als im privaten Bereich. Zumindest würde ich eine solche Maßnahme vorschlagen, bevor wir wieder Geschäfte und Schulen schließen müssten.

Sie sprechen Schulen an. Der Leiter Ihres Gesundheitsamtes, René Gottschalk, hat im Hessischen Rundfunk gesagt, Schulschließungen seien in der zweiten Welle nicht notwendig. Sie hätten im Frühjahr nicht viel dazu beigetragen, dass die Fallzahlen heruntergegangen sind. Wieso droht die Politik dennoch immer wieder mit Schulschließungen?

Zur Person

Stefan Majer ist seit 2016 Gesundheitsdezernent in Frankfurt. Zuvor war der Politiker der Grünen fünf Jahre lang im Magistrat für das Ressort Verkehr zuständig. Der 62-Jährige ist studierter Theologe.

Der Oberbürgermeister und ich haben dazu die klare Aussage getroffen: Alle unsere Maßnahmen dienen dem Ziel, dass Schulen und Kitas geöffnet bleiben.

Aber wenn Ihr wichtigster Experte dazu sagt, Schulschließungen hätten kaum einen messbaren Effekt, könnte die Politik doch jetzt auch klipp und klar sagen: Die Schulen bleiben in jedem Fall offen.

Wenn’s nach mir geht, bleiben die Schulen offen. Aber letztlich entscheidet das das Kultusministerium.

Das heißt, wenn die Zahlen weiter steigen – und es deutet ja wenig darauf hin, dass sie bald sinken – kommt es in Frankfurt zum Lockdown mit geschlossenen Läden und Schulen?

Diese Gefahr droht. Wenn es zu keiner Trendumkehr kommt, werden Bund und Länder über einen Lockdown beraten. Wobei immer wichtiger wird, wer sich ansteckt. Auf jeden Fall müssen wir das Virus aus Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern heraushalten. Das ist uns bislang weitgehend gelungen.

Stefan Majer.

Sie haben klargestellt, dass die Eintracht ihr Heimspiel gegen Werder Bremen Ende des Monats ohne Publikum austragen muss, obwohl Sie das Hygienekonzept der Eintracht selbst als sehr überzeugend bezeichnet haben. Sehen Sie darin einen Widerspruch?

Im Fußball gelten nun mal Spielregeln, nicht nur auf dem Platz. Die Bundesländer haben sich darauf geeinigt, dass gemäß des Hygienekonzepts Zuschauer kommen dürfen – solange die Inzidenzzahl unter 35 liegt. Momentan sind wir bei knapp 120 Infizierten pro 100 000 Einwohner pro Woche. Nach dieser Spielregel der Ministerpräsidenten muss die Eintracht ohne Publikum auskommen, so leid mir das tut. Und es war von Anfang an klar, dass der größte Schwachpunkt solcher Hygienekonzepte das Drumrum ist: Lassen Sie mal infizierte Fans auf dem Weg nach Hause alle Regeln vergessen, nur weil die Eintracht Werder an die Wand gespielt hat. Und schon haben wir die nächste Drehung auf der Infektionsspirale – und die können wir uns einfach nicht mehr leisten. (Interview: Georg Leppert)

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