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Winfried Becker und Heike Bonzelius vom Vorstand des Gallus Theaters.

Interview

Chef des Gallus-Theaters Frankfurt: „Es gab starke Verletzungen“

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Winfried Becker, Chef des Gallus-Theaters, über die Reaktionen der Freien Theater auf Kürzungen durch die Stadt und die Forderungen der Freien Szene.

Herr Becker, am 23. August hat die Stadt Frankfurt die Förderbescheide für die nächsten Jahre an Dutzende freie Theater verschickt. Sie erfuhren, mit welcher Unterstützung sie rechnen können. Es gab Kürzungen. Seitdem kommt die Szene nicht zur Ruhe. Was genau ist los?
Wir hatten vor zwei Jahren einen Fortschritt bei den Subventionen durch die Stadt. Das hat uns freien Theatern sehr geholfen. In diesem Jahr ist es zunächst mal toll, dass sieben Gruppen zusätzlich in die Förderung aufgenommen wurden. Was aber bitter aufstößt, sind die Kürzungen. Es trifft etablierte Theater, die seit vielen Jahren arbeiten, uns auch, das Gallus-Theater.

Vermuten Sie dahinter eine Strategie der Stadt?
Das weiß ich nicht. Das Geld ist sehr ungleich gekürzt worden. Was die Betroffenen verbittert, ist, dass sie hart gearbeitet haben, aber nicht erfuhren, warum sie gekürzt wurden.

Es gab keine Begründung?
Genau. Das ist sehr intransparent. Und das hat doch bei vielen Kollegen ziemlich Aufregung verursacht.

Immer wieder wird über die Rolle des Theaterbeirats diskutiert, der die Empfehlungen für die Förderungen ausspricht. Diese Empfehlungen sind aber nicht öffentlich. Sie als Betroffener erfahren nie, was über ihre Arbeit gedacht oder gesagt wird.
Ich verstehe, dass man keine Künstler beschädigen will. Zunächst einmal ein Dementi: Ich halte den Theaterbeirat sehr wohl für kompetent, was die Beurteilung künstlerischer Produktionen anbelangt. Was ich damals ausgedrückt habe, ist, dass eine Spielstätte ohne Produktionsetat wie das Gallus-Theater nicht nur nach künstlerischen Kriterien, sondern vor allem betriebswirtschaftlichen Kriterien beurteilt werden muss. Wie viel Personal und Technik ist nötig, was ist eine angemessene Entlohnung, ohne die ich kein qualifiziertes Personal finde, Energiesparmaßnahmen, neue LED-Technik, digitale Tonsysteme, neue Versammlungsrichtlinien, Brandschutzmaßnahmen. Das ist nicht durch einen künstlerischen Beirat zu regeln. In unserem Fall gestaltet der Beirat durch seine Förderzusagen das Programm indirekt sogar selbst mit. Eine weitergehende inhaltliche Richtungsbestimmung darf es nicht geben.

Winfried Becker und Heike Bonzelius führen gleichberechtigt den gemeinnützigen Verein Gallus-Theater.

Das Haus mit der Adresse Kleyerstraße 15 in den ehemaligen Adlerwerken besteht seit 1983 als Spielstätte für freie Gruppen. Die Wurzeln gehen aber auf die Studentenbewegung 1968 zurück. jg

Es ist auch wirtschaftliche Kompetenz aufseiten der Stadt nötig?
Sagen wir wirtschaftliches Verständnis. Wir freien Theater sind keine Randexistenzen mehr. Wir stehen mitten in der Gesellschaft und sind tragende Säulen des Kulturlebens. Fast 75 Prozent des Theaterangebots in dieser Stadt mit 65 Prozent der Zuschauer bestreitet die freie Szene. Wir gehören zur tragenden Infrastruktur dieser Stadt. Man spricht nur über die maroden Städtischen Bühnen. Aber auch in den freien Theatern ist in zwanzig Jahren viel verschlissen worden. Deshalb bedanken wir uns besonders bei der Kulturdezernentin, die vor zwei Jahren eine notwendige Infrastrukturförderung eingerichtet hat, aus der wir die neuen Stühle anschaffen konnten. Eine Notwendigkeit nach 27 Jahren. Das ist wirtschaftliches Verständnis.

Da wir jetzt hier auf den neuen Stühlen des Gallus-Theaters sitzen, was haben sie gekostet?
50 000 Euro. Wir haben uns auch eine neue digitale Tonanlage anschaffen können und ein Techniknetzwerk installiert. Uns freut der astreine, klare Sound.

Sie schreiben im Aufruf der Theaterallianz, dass die Theater eine Million Euro mehr im Jahr von der Stadt benötigten. Und was ich ganz wichtig finde: Sie fordern längerfristige Planungssicherheit, also Förderungen über drei und sechs Jahre statt zwei und vier Jahren.
Das war der Wunsch vieler Kollegen, die mehrjährige Mietverträge haben. Personalverpflichtungen, Verbindlichkeiten, laufende Kosten jeden Monat. Immobilien mit ihren vielen Investitionen brauchen eine längerfristige Planungssicherheit. Die Theaterallianz ist die Vereinigung der Spielstätten in Frankfurt.

Müssten sich nicht jetzt die Vertreter der freien Theater an den berühmten Runden Tisch mit Kulturdezernentin Ina Hartwig setzen?
Ja. Das ist unser Vorschlag. Wir wollen das bisherige Fördermodell überprüfen und nachbessern. Die freie Szene ist in den 80er Jahren aus Laien und aus Profis der Stadttheater entstanden, die die künstlerische Selbstbestimmung, die Autonomie der Kunst einte. Die künstlerische Freiheit ist für uns ein hohes Gut und wie die Pressefreiheit Grundbaustein unserer Demokratie. Für Frankfurt war dieser Ansatz enorm produktiv. Zahlreiche freie Künstlergruppen prägen seit langem das Gesicht der Stadt, sind internationale Botschafter, überregional beachtete Festivals entstanden, die Breite des Kulturangebots im interkulturellen Bereich ist enorm. Diese Freiheit ist der Traum vieler verfolgter Künstler, die zu uns geflohen sind. Wir haben dieses Frankfurt, so offen wie es heute ist, mitgeprägt.

Sie warnen in Ihrem Aufruf auch davor, die Freiheit der freien Theater durch Bürokratie zu ersticken.
Ja, da gibt es Sorgen. Natürlich muss die Verwendung von Steuergeld sorgfältig geprüft werden, die Kulturförderung ist mit hoher Verantwortung verbunden. Aber die Bedenken vieler Kollegen beziehen sich auf die Anträge, die immer mehr Papier verschlingen und die langjährig profilierte Künstler zwingen, sich ständig in den Formulierungen zu wiederholen. Entscheidend ist doch, was auf der Bühne für das Publikum herauskommt. Ein bekannter Künstler, der bei uns im Gallus anfragt, darf von uns respektvollen Umgang, Kenntnis und Wertschätzung seiner Arbeit erwarten. Nach einer Zusage beginnt für uns die gemeinsame Arbeit. Wir sitzen im gleichen Boot. Die Bedenken gehen dahin, dass Bühnenpräsenz, Publikumsfaszination hinter literarischer Dichtkunst verschwindet.

Sie haben von persönlichen Verletzungen, von Verbitterungen bei einigen Theaterleuten gesprochen. Ich weiß etwa, dass sich Rainer Pudenz, der Direktor der Kammeroper, durch seine Behandlung durch die Stadt sehr getroffen fühlt. Glauben Sie, dass man das heilen kann?
Da sind sehr, sehr starke Verletzungen eingetreten. Rainer Pudenz hat seit Jahrzehnten künstlerische Meilensteine hier in Frankfurt gesetzt. Wo gibt es sonst im freien Bereich eine Oper? Rainer Pudenz leistet hervorragende Arbeit und ist in Frankfurt anerkannt. Frankfurt sollte solche Persönlichkeiten ehren und Respekt vor ihrer Lebensleistung haben. Auch ich empfinde die Kürzung als einen Affront, der durch nichts gerechtfertigt ist. Ich war selbstverständlich bei seiner Jubiläumsproduktion im Palmengarten, einem zu Recht selten gespielten Rossini, der aber das Genie des 19-Jährigen offenbart. Ich habe das sehr genossen. Das muss unbedingt korrigiert werden.

Sie selbst bringen im Gallus-Theater immer wieder Ausnahmekomponisten auf die Bühne, wie zum Beispiel Michael Sell, den großen Trompeter und Komponisten.
Ja, wir sind seit jeher ein offenes Haus, die älteste freie Bühne, und übernehmen Verantwortung für die Breite der Szene. Michael Sell hat jährlich eine Produktion im Gallus-Theater. Auch hier geht es um Hochachtung und Respekt, um die Anerkennung künstlerischer Arbeit. Und zwar abseits von Quoten.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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