Das Urlaubsresort liegt direkt am Ostufer des Sees Genezareth.
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Das Urlaubsresort liegt direkt am Ostufer des Sees Genezareth.

Israel

Starker Wandel im Kibbuz

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Felix Goldsmidt emigrierte 1936 aus Frankfurt nach Israel und gründete einen Kibbuz. Sein Sohn hält das Erbe wach.

Nun, da alle Gründer tot sind und der Kapitalismus in den zionistischen Kibbuz En Gev einzog, hat sich die Gemeinschaft verändert. Es gibt nur noch ein gemeinsames Mittagessen, morgens und abends bleibt der Speisesaal leer. Die Leute ziehen zu, obwohl sie gar nicht Mitglieder der Gemeinde werden möchten. Und die Zeiten, in denen die Gemeinde vom Fischfang und von der Landwirtschaft lebte und niemand Geld bekam, dafür aber Kleidung, Essen, Klimaanlage, Fernseher und Spielsachen, die sind auch vorbei.

„Ich mochte die Situation früher lieber“, sagt Yoel Ben-Yosef, „natürlich ist das Leben jetzt viel angenehmer, aber die Gesellschaft wird gespalten“. Yoel Ben-Yosef ist vor 67 Jahren im Kibbuz En Gev geboren. Er kennt das Leben außerhalb nicht. Und: Er entstammt auch einer Familie, die den Gemeinschaftsgedanken des Kibbuz wirklich lebte. Keiner besitzt etwas, alle haben gleiche Rechte und Pflichten. Sein Vater Felix Goldsmidt war es, der den Kibbuz 1936 zusammen mit anderen Auswanderern aus Deutschland, Tschechien und den baltischen Staaten gründete.

Felix Goldsmidt stammt aus dem Mittelrheintal, 1914 zog er mit seinen Eltern nach Frankfurt. Seine Schulzeit verbrachte der 1905 geborene, aber nicht gläubige Jude am Goethe-Gymnasium. Nach der Schule zog er nach Berlin, dort traf er in einem jüdischen Club Freunde, die ihn zum Zionismus brachten. Mit 20 Jahren emigrierte er schließlich nach Palästina. Zunächst schloss er sich Freunden in Tel Aviv an. Er änderte seinen Namen in Benjamin Goldsmidt. „Er arbeitete mit Deutschen Pionieren zusammen, die sich in einem ländlichen Gebiet ansiedeln wollten, um als Farmer zu arbeiten, die Hebräisch sprechen und einen jüdischen Staat aufbauen wollten“, erzählt Yoel Ben-Yosef.

Anfangs nur über Seeweg erreichbar

Drei Jahre nach seiner Auswanderung baute Goldsmidt zusammen mit seinen Freunden die erste Siedlung am Ostufer des Sees Genezareth, über den Jesu einst gegangen sein soll. „Der Kibbuz war anfangs nur über den Seeweg erreichbar“, erzählt sein Sohn, der das Erbe wachhalten möchte. Der Vater änderte mit dem Umzug in den Kibbuz seinen Nachnamen, Benjamin Ben-Yosef hieß er nun.

Er heiratete die Österreicherin Leah Bauer, die er im Kibbuz kennenlernte, sie bekamen drei Kinder: Zeev, Yoel und Eldad. Mit dem Umzug änderte sich Goldsmidts Verhältnis zu seiner Heimat: Deutsch war passé. „Er hat sich der deutschen Sprache verweigert“, erzählt der 67-jährige Sohn, „er sagte immer: Hebräisch ist unsere gemeinsame Sprache im Kibbuz.“

Ohnehin ging es streng zu: „Kein Business mit Gott“ sei die Leitlinie gewesen. Eine Synagoge gab und gibt es zwar auf dem Gelände, sie wurde aber nur privat genutzt und unterlag keinen gemeinschaftlichen Zwängen. Die Kindererziehung oblag der Gemeinschaft. „Ich war drei Stunden am Tag mit meinen Eltern zusammen, nach der Schule; die restliche Zeit habe ich im Kinderhaus verbracht“, erzählt Yoel Ben-Yosef.

Der Kibbuz nahm sich allem an, was gebraucht wurde und, jeder brachte dafür ein, was er am besten konnte. „Geld hat man hier nicht gebraucht“, sagt er. Und doch: Irgendwann wurde eine Art Gehalt eingeführt, ein Grundeinkommen, das jeder in gleicher Höhe erhielt, unabhängig von der Aufgabe, die er verrichtete.

Die digitale Wende sei eine Art Revolution für En Gev gewesen. „Vorher saßen wir alle im Speisesaal zusammen“, sagt er, „und mit der Zeit kauften sich Leute plötzlich eigene Kleidung“. Etwa zehn Jahre sei es her, dass man das Prinzip der Gleichheit aufgegeben habe. Zunächst war zum Grundeinkommen ein richtiges Gehalt möglich – für diejenigen, die außerhalb des Kibbuz arbeiteten. Sie durften ihr Geld behalten – bis auf eine Abgabe. „Meine Frau ist Physiotherapeutin“, erzählt Yoel Ben-Yosef, „sie arbeitete immer draußen.“

Yoel Ben-Yosef arbeitete hingegen immer im Kibbuz. Seit Jahrzehnten fährt er Touristen in einem kleinen Zug durch den Kibbuz, zudem leitet er das kibbuzeigene Fischereimuseum. Früher fuhr er mit raus, auf den See, um den berühmten St. Petersfisch zu fangen, der heute Grundlage für ein Edel-Restaurant im Kibbuz ist. 2009 erhielt er sein erstes Gehalt. Noch immer zahlen alle die Steuern an den Staat und Abgaben an den Kibbuz, für die Gesundheitsversorgung und die Schule etwa. Aber die Leistungen gingen zurück: Früher wurden drei Mahlzeiten am Tag angeboten, heute im Speisesaal nur noch Mittagessen. „Manche kommen gar nicht mehr in den Speisesaal“, sagt Yoel Ben-Yosef, und seine Stimme zeigt, dass er sich nach den alten Zeiten sehnt.

„Vor vier Jahren hat uns der Kibbuz sogar dazu aufgefordert, dass wir Bankkonten einrichten“, sagt der 67-Jährige. Für ihn ist das alles eine neue Welt, er wirkt ein wenig, als würde ihn dieser für ihn schnelle Wandel überfordern. Ist all das, wofür sein Vater einstand, wofür er kämpfte, was er ihm mitgab, nun hinfällig? „Die Schere zwischen Arm und Reich ist hier zwar immer noch sehr gering, aber die Ungleichheit wächst.“ Auch Menschen, die zuzogen, brachten Ungleichheit in die Gemeinschaft: Sie wohnten im Kibbuz, waren aber keine stimmberechtigten Mitglieder. Sie hatten weniger Rechte, dafür aber Privilegien. „Der Zusammenhalt wird geringer.“

Yoel Ben-Yosef denkt viel an früher. „Es gibt immer weniger Kinder“, sagt er, „früher gab es hier so viele Kinder, und alle haben gemeinsam gegessen.“ An diesem Vormittag sind nur Menschen zwischen 60 und 99 zu sehen. Weil es weniger Kinder gibt und die Kinder nun bei ihren Eltern übernachten, ist das Kinderhaus geschlossen worden. „Es gab eine Bewegung, die anstieß, dass die Familie einen wichtigeren Stellenwert einnimmt“, sagt Yoel Ben-Yosef. Das ehemalige Kinderhaus dient nun als Jugendherberge.

Ohnehin wurde aus dem einstigen Landwirtschaftsprojekt – Olivenbäume, eine Bananenplantage und 300 Milchkühe hat En Gev – ein Tourismusprojekt, was auch in der zunehmenden Sicherheit rund um den Kibbuz begründet ist, der am Fuße der Golanhöhen liegt. Zwischen dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 und dem Sechstagekrieg 1967 beschossen militante Syrer En Gev immer wieder von den Bergen aus, Farmer waren bei der Arbeit bedroht. Ein Wachturm erinnert daran.

Heute ist die Situation ruhig, obwohl nur rund 30 Kilometer entfernt der Bürgerkrieg in Syrien tobt und Assad und der Islamische Staat morden. Die Golanhöhen dienen als Puffer. Seit Jahren führen Syrien und Israel Friedensgespräche, im Fokus steht dabei auch die teilweise Rückgabe der Golanhöhen. Streitpunkt ist die Trinkwasserversorgung. Während der See Genezareth die größte Trinkwasserquelle Israels ist, leitet Syrien die Quellflüsse des Jordan, der durch den See fließt, im Libanon und auf den Golanhöhen um, um selbst Trinkwasser zu schöpfen. Der Jordan ist inzwischen weitgehend ausgetrocknet.

Ferienanlage am Ufer des Sees

Im Jahr 1964 errichtete En Gev eine Ferienanlage am Ufer des Sees. Zunächst war es ein Zeltlager mit Privatstrand, heute gibt es 166 Zimmer in Bungalows. Alle paar Jahre entstehen neue Bauten, alte werden saniert. Der Tourismus ernährt die Kommune. So etablierte sich En Gev als größtes Resort in Galiläa. Gastfreundschaft hat in En Gev Tradition: 1953 wurde eine 2500 Menschen fassende Konzerthalle gebaut. „Alle Gründer kamen aus Europa, waren gut ausgebildet und interessiert an Literatur und Musik“, sagt Yoel Ben-Yosef. Jedes Jahr zum Pessachfest gibt es seither das En-Gev-Festival, einst war es nur für klassische Musik, 1962 trat sogar Frank Sinatra hier auf.

Inzwischen sind alle Gründer tot, Benjamin Ben-Yosef verstarb im Jahr 1987, beerdigt ist er in seiner Heimat im Mittelrheintal, in Ehrenbreitstein (Koblenz). „Er hat sich fast alle seine Träume erfüllt“, sagt der Sohn. 500 Mitglieder hat der Kibbuz derzeit, in der Hochphase waren es 650. Zwischenzeitlich gab es einen Aufnahmestopp, einige Mitglieder fordern nun aber wieder einen Zuzug. „Wir bräuchten da wieder eine Entscheidung“, sagt Yoel Ben-Yosef, „aber wir haben es noch nicht ausdiskutiert“.

Auch wenn es immer Abstimmungen über Neuaufnahmen gab: Es ist schwieriger als früher, denn die Häuser werden nun nicht mehr gestellt, sie müssen gekauft werden. Zusammen mit der besseren finanziellen Situation im Kibbuz sind nun einige der Gebäude hübsch saniert worden. „Die Häuser bleiben aber Eigentum des Kibbuz und müssen bei Wegzug wieder verkauft werden“, sagt Yoel.

Yoel Ben-Yosefs hat drei Kinder; zwei davon haben den Kibbuz verlassen. „Meine Enkel sehe ich nur selten.“ Nur die Kinder seiner ältesten Tochter Saleet trifft er täglich, sie leben zusammen in En Gev, zusammen mit seiner Frau Liorah ist er Babysitter. Nur an den Feiertagen, da kommen sie alle zusammen in die Kommune zurück.

Und während sein Vater ihm noch eine Ideologie vererbte, wird er seinen Kindern einmal ein Haus und Geld vermachen.

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