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Starke Worte gegen die Kirche

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Von: Peter Hanack

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Frankfurter Gläubige „kotzen sich aus“ bei einer virtuellen Veranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung

Einfach mal loslegen, das dachte sich Markus Breuer, als er die Einladungen für sein außergewöhnliches Treffen verschickte. Mit der Situation in der Katholischen Kirche war der Mitarbeiter des Bistums Limburg zu diesem Zeitpunkt schon lange unzufrieden gewesen - wie viele andere Gläubige auch. Warum also nicht in den Austausch treten und dem Frust über die Institution Kirche gemeinsam freien Lauf lassen?

Am Dienstagabend wurde diese spontane Idee Realität. Mehr als 100 Menschen folgten dem Aufruf der Katholischen Erwachsenenbildung Frankfurt (KEB) und versammelten sich auf der Videoplattform Zoom, um über ihre Wut, ihre Sorgen und Wünsche zu sprechen. Sie stammen aus allen Teilen Deutschlands: Fehmarn, München, Köln. Einige sind auch aus dem Ausland zugeschaltet. Die Veranstaltung trägt einen unkonventionellen Namen: „Mir reicht es jetzt! Wir kotzen uns aus.“

„Wir sind heute Abend die Halter des Kotzeimers“, verkündet Lisa Kötter zu Beginn des Abends. Neben ihr und Breuer führen Bischofsvikar Christof May, Priester Wolfgang Rothe sowie die Beauftragte für Betroffene im Bistum Limburg, Dagmar Gerhards, durch die anderthalbstündige Veranstaltung. Es sei Zeit, die Wut über das Geschehen „nicht mehr runterzuschlucken, sondern endlich auszukotzen“, begründet Rothe seine Teilnahme. Markus Breuer schließt sich ihm an. Das Verhalten der Kirche würde das „wertvolle Engagement“ vieler Menschen immer wieder „in den Dreck ziehen“: „Jedes Mal, wenn ich denke, ‚schlimmer geht nimmer‘, wird es schlimmer.“

Trauer und Ratlosigkeit

Diesen Gedanken scheinen auch die anwesenden Katholik:innen zu teilen. Nach einer kurzen Ansprache der Organisator:innen tauschen sie sich in Kleingruppen über das aktuelle Geschehen aus - angefangen beim Missbrauchskomplex, über den Zölibat und die Rolle der Frau bis hin zur Aktion „Out in Church“. Die Gespräche sind persönlich, gar intim, vielen ist ein Gefühl der Einsamkeit, Enttäuschung und Unsicherheit anzumerken.

„Ich fühle mich von der Kirche verlassen“, berichtet eine Teilnehmerin, in deren Leben der Glauben eine wichtige Rolle gespielt hat. Nach Jahren der Frustration und Diskriminierung als Frau habe sie nun viele Kontakte zur Kirche abgebrochen. Seitdem plage zu ein Gefühl der Hoffnungs- und Trostlosigkeit: „Mir fehlt die Gemeinschaft.“ Andere Personen fragen sich: Bin ich überhaupt noch Mitglied dieser Kirche, wenn ich mit vielen Menschen in ihr nichts gemeinsam habe?

Der Zwiespalt zwischen gehen und bleiben, Hoffnung und Resignation ist den gesamten Abend über präsent. „Wäre ich im Hasenzüchterverein, hätte ich schon längst hingeschmissen“, meint eine Teilnehmerin. Eine andere ergänzt, der Zustand der Institution mache sie „wahsinnig“ Schon häufig habe sie überlegt, aus der Kirche auszutreten - und sei dann letzten Endes doch geblieben.

Gründe für einen Austritt gebe es den Anwesenden zufolge aber genug. Dagmar Gerhards, die die Perspektive der von Missbrauch betroffenen Personen vertritt, zeigt sich „erschüttert“ über die fehlende Empathie in der Führungsebene. Es gebe eine konstante Täter-Opfer-Umkehr, meint auch Lisa Kötter, die regelmäßig Situationen erlebe, in denen ihr „kotzübel“ werde. Das Statement des emeritierten Papstes Joseph Ratzinger, welches Wolfgang Rothe als „Ich-Tirade“ und „verbalen Müll“ bezeichnet, hat bei vielen für einen solchen Moment gesorgt. „Es wird sich nichts ändern“, befürchtet eine Teilnehmerin, „dafür ist zu viel Politik in der Sache“.

Der Glaube bleibt bestehen

Doch da ist auch ein Funken Hoffnung, der sich durch den gesamten Abend zieht. Mit anderen ins Gespräch zu kommen, erleichtert und ermutigt die Gläubigen. „Wenn der Apfel fault, schmeiß’ ich auch nicht den ganzen Apfel weg, sondern nur die faule Stelle“, meint eine Teilnehmerin. Immer wieder werden Rufe nach „Revolution“ und „Ungehorsam“ laut. Ein Katholik aus dem Bistum Köln fordert die Anwesenden auf, „bis hier hin und nicht weiter“ zu gehen.

Dass Kardinal Woelki bald in sein Bistum zurückkehren soll, beunruhigt den Mann zwar, doch er sieht darin auch eine Chance für die kirchliche Basis, präsent zu sein und ihre Meinung zu vertreten. Das Ganze könne also auch etwas Gutes mit sich bringen, denkt er. Die Hoffnung stirbt wieder einmal zuletzt.

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