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Das Stalburg-Theater und dessen Leiter Michi Herl geben Lebenszeichen von sich - mit einer Neuinszenierung am 23. Oktober.

Interview

„Wir zahlen alles zurück - in Form von gutem Theater“

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Theatermann Michi Herl spricht im Interview über das neue Stück, das im Stalburg-Theater läuft, und die Situation im Allgemeinen.

Das Interview am Telefon beginnt ein paar Minuten später. Michi Herl sagt, er sei mit dem Rad ins Büro gefahren, und dann hätten ihn Leute auf der Straße erkannt und angesprochen, da habe er natürlich nicht weiterfahren können. Dann holt er sich noch einen Kaffee.

Herr Herl, wenn man ins Programm des Stalburg-Theaters schaut, steht da für Oktober, November, Dezember, Januar, Februar keine Veranstaltung.

Was soll da auch stehen.

Können Sie die Situation erklären?

Wir haben fast alle fest angestellten Kolleginnen und Kollegen in Kurzarbeit geschickt. Stand jetzt könnten wir 16 Zuschauerinnen und Zuschauer in den Saal lassen. Wenn wir Trennwände aus Plexiglas aufbauten, wären es 28. Das wäre das Maximum. Ein wirtschaftlicher Betrieb ist mit 28 Gästen pro Abend aber nicht möglich. Dennoch werden wir das tun.

Wie viele müssten denn überhaupt kommen, damit es sich rechnet?

Mindestens 40 bis 45. Dann kämen wir bei null raus.

Wie blicken Sie auf die letzten Monate, mit Lockdown, digitalem Stoffel, der schrittweisen Öffnung der Spielbetriebe?

Für die zehn fest angestellten Kolleginnen und Kollegen sieht es so aus: In den Monaten bis September konnten wir die Differenz des Kurzarbeitergelds zum vollen Gehalt auf hundert Prozent aufstocken. Und die zwölf Minijobber konnten wir halten. Seit Oktober geht das nicht mehr, weil die Spenden nachließen. Das ist auch nachvollziehbar – die Leute spenden ja nicht ewig. Es war gigantisch, was am Anfang an Spenden eingegangen ist. Allerdings sind wir nicht die Einzigen, die darauf angewiesen sind. Der Stoffel lief null auf null raus – was an den Spenden lag und der Förderung der Stadt.

In den Jahren zuvor hat der Stoffel den Spielbetrieb im Stalburg-Theater finanziert.

Der Stoffel trägt bei uns 60 Prozent des Jahresetats.

Wie läuft es in diesem Jahr?

Das weiß ich noch nicht. Wenn ich an Gott glauben würde, würde ich ihn fragen.

Haben die Fördermittel geholfen?

Ein Problem war, dass wir von der Landeshilfe für Open-Air-Veranstalter nicht profitieren konnten. Es gab vom Land bis zu einer halben Million Euro für ausgefallenen Open Airs. Bei uns hieß es, ihr verlangt ja keinen Eintritt. Wir haben dann argumentiert, wir verlangen schon Eintritt, allerdings auf freiwilliger Basis. Das Kulturamt hat uns das bestätigt. Wenn wir die verlorenen Einnahmen auf Heller und Pfennig bekommen hätten, dann wäre alles Paletti.

Aber Sie konnten schon auch andere Fördermitteln einwerben?

Die üblichen halt. Viele Sachmittel auch, aber wenn man nicht spielt, hat man auch von Sachmitteln nichts. Was fehlt, und ich bin nicht der Einzige, der das sagt, war ein Ausgleich für die entgangenen Umsätze.

In der freien Theaterszene geht die Angst vor einer Insolvenz um, weil die hohe Miete drückt. Wie sieht das im Stalburg-Theater aus?

Das ist bei uns nicht der Fall. Die Miete ist sehr moderat. Wir haben seit dem Anfang im Jahr 1998 mit Fritz Reuter, dem Inhaber der Gaststätte zur Stalburg und unserem Vermieter, ein gegenseitig befruchtendes System. Wir zahlen 1200 Euro im Monat.

Das ist mehr als fair.

Für so ein Riesenobjekt ist das ganz kleines Geld. Dafür bringen wir ihm Gäste ins Haus. Eine Win-win-Situation, würde man heute sagen. Jetzt bringen wir natürlich keine Gäste, aber er wird den Teufel tun und die Miete erhöhen; er ist froh, dass er überhaupt Miete von uns kriegt. Im Moment haben wir eine Deckungslücke von 2000 bis 3000 Euro im Monat – aber daran zerbricht kein Hals.

Das Theater lebt von Rücklagen?

Nein. Wir müssen die Lücken mit Spenden decken. Ein Lottogewinn wäre auch ganz nett.

Wie geht es in dieser Spielzeit weiter?

Wir haben eine Produktion vorbereitet, die liegt seit sechs Wochen da und wartet: Am 23. Oktober zeigen wir „Bin nebenan. Monologe für zu Hause“ – ein Zweipersonenstück, inszeniert von Sarah Kortmann, mit Ilja Kamphues und Isabel Berghout – von Ingrid Lausund. Der Name ist ein Begriff, oder?

Wikipedia weiß: Ingrid Lausund wurde für die Drehbücher zum „Tatortreiniger“ zweimal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Schlaumeier. Aber mal schauen, ob überhaupt Leute kommen. Den anderen Theatern haben die Gäste auch nicht gerade die Türen eingerannt. Den Auftritt von Lisa Eckhart in der Alten Oper haben wir von diesem November auf September nächsten Jahres verschoben.

Was sagen Sie zur Antisemitismus-Debatte um Lisa Eckhart – hier noch mal das Zitat über Juden zur Erinnerung: „Denen geht’s wirklich nicht um Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.“

Die Lisa ist eine Kunstfigur, die ist einfach gut. Ich habe sie damals, 2017, aus Österreich nach Frankfurt geholt, wo sie vor zwölf Zuschauern „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“ gezeigt hat. Ich kenn keinen antiantisemitischeren Menschen als die Lisa. Wer ihren Auftritt falsch versteht, ist von Berufs wegen ein Falschversteher, der ist berufen, das falsch verstehen zu müssen. Die Hamburger haben sich mit ihrer Absage auch lächerlich gemacht.

Wie schauen Sie auf die nächsten Monate?

Ich will ja nicht betteln, aber hoffe schon, dass die Schar der uns Zugeneigten wieder ein paar Euro lockermacht für uns. Wir werden es auf jeden Fall zurückzahlen – in Form von gutem Theater. Denn Ideen haben wir genug.

Interview: Florian Leclerc

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