Jan Kleinert (li.), Viola Blum und Sophie Richter (re.) proben am Tag der offenen Tür.
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Jan Kleinert (li.), Viola Blum und Sophie Richter (re.) proben am Tag der offenen Tür.

Stage & Music Academy

Stage & Music Academy Frankfurt: Spaß, Schweiß und Konzentration

Am Tag der offenen Tür dürfen Schüler der „Stage & Music Academy“ in Frankfurt endlich wieder auftreten. Und bieten Einblicke, wie sie Schauspiel und Musical auf Abstand lernen.

Eigentlich wären sie in den zurückliegenden Monaten ganz oft aufgetreten: auf Messen, in Workshops und in ihrem Stadtteil. Dann kam Corona, und alles wurde abgesagt. Beim Tag der offenen Tür der „Stage & Music Academy“ durften Interessierte zuschauen, wie Tanz, Ballett, Schauspiel und Gesang derzeit auf Abstand gelehrt werden.

„Wie bist Du denn drauf? Geh weg, du bist so creepy (gruselig, d. Red.), du Rassist“, ruft Sophie Richter entsetzt. „Ich werde euch vernichten. Ich puste euch alle weg“, kontert Jan Kleinert aggressiv mit stechendem Blick auf Sophie und Viola. Das, was wie eine Eskalation wirkt, ist Improvisationstheater: Jan und Viola sollen die unwissende Sophie ohne Vorbereitung dazu bringen, gemeinsam das Thema „Black Lives Matter“ und die Demonstrationen gegen Rassismus darzustellen. Dabei soll sie außerdem Sackhüpfen und Arnold Schwarzenegger als Terminator mit dem Satz „Hasta la Vista, Baby“ einbauen.

Viola und Jan kennen die Stichworte, die aus dem Publikum gekommen sind. Ohne Probe, ohne Absprache lassen sich die drei darauf ein – ebenso wie später auf die Zurufe „Ballerina“, „Staubsaugen“, „Cocktail mixen“ und den Fastfood-Dudelwerbesong „Ich liebe es“. Innerhalb von fünf Minuten erfüllen die Musical-Schüler alle Aufgaben spontan, ohne sie mit einem Wort zu erwähnen. Dozent Andreas Walther-Schroth lächelt: „Es ist kein Zuckerschlecken. Disziplin, Zuhören und konstruktiv zu reagieren, ist nicht jedem in die Wiege gelegt.“

Im Erdgeschoss der „Stage & Musical Academy“ in einem Hinterhaus an der Höchster Fußgängerzone wird derweil Ballett an Stangen geprobt. Das läuft ebenso diszipliniert wie bei den Improvisationsschauspielern auf der kleinen Bühne im Untergeschoss. Beine kreuzen sich, Blicke richten sich stolz in die Ferne, Finger werden synchron abgespreizt. Auf Zehenspitzen drehen sechs junge Frauen Pirouetten, gleiten vor der Spiegelwand locker in Spagat.

Vom ersten Stock aus klingen derweil mehrstimmige Tonleitern in den Hof, immer wieder und in Abwandlungen aus verschiedenen Konsonanten – Alltag in der Stage & Musical Academy. Die Schüler sind mit Spaß, Schweiß und Konzentration dabei. Die Vorsitzenden des Vereins sind angespannt an diesem Tag der Offenen Tür: „Wir waren im Februar endlich so weit, dass es richtig weitergehen konnte“, sagt Vorsitzende Ingke von Kiesling. „Dann kam Corona. Alles, was wir geplant und vorbereitet hatten, fiel aus.“ Ein harter Schlag für den Verein. 40 Jahre lang gab es die Stage und Musical School in Frankfurt, 2018 machte sie nach einem Besitzerwechsel dicht. Die damals zwölf Schüler standen auf der Straße. Das wollten sich die zukünftigen Darsteller, ihre Eltern und Dozenten nicht gefallen lassen: Sie gründeten einen Trägerverein und fanden das dreistöckige Gebäude mit begrüntem Dach in einem Hinterhof an der Königsteiner Straße. Die vier Vorstände und Eltern haben Tag und Nacht renoviert, geweißt und spezielle Böden zum Tanzen legen lassen. Parallel wurden die Schüler an einer Tanzschule weiter ausgebildet. Vergangenes Jahr wurde der neue Standort in Höchst dann eröffnet.

Drei Jahre lang dauert die harte Ausbildung zum staatlich geprüften Musicaldarsteller oder Schauspieler. „Mehr als 40 bis 50 Schüler wollen wir nicht“, sagt Walter-Schroth. „Wir wollen jeden Einzelnen persönlich fördern und keine Massenabfertigung“, ist der Schulleiter überzeugt. Er kommt aus dem Frankfurter Volkstheater, das sein Vater zusammen mit Liesl Christ gegründet hatte. Bei der Ausbildung ist er streng, aber herzlich. Die Schüler, die Bafög-berechtigt sind, wissen das zu schätzen. Sie halten sich penibel an die Anweisungen. Und sie lachen viel. „Es ist erstaunlich, wie sie sich in nur drei Monaten verändern“, stellt von Kiesling fest. „Die meisten kommen schüchtern hierher. Es geht schnell, dass sie Selbstbewusstsein und Haltung gewinnen. Im wahrsten Sinne des Wortes.“ In der Lockdown-Phase haben die Schüler Videos auf Youtube und Instagram veröffentlicht. Sie wollen weiterkommen. „Und wir wollen den Stadtteil bereichern.“ Für die Zukunft plant der Verein noch mehr Tage der Offenen Tür. Und er träumt von einer Erweiterung. Von Kiesling hofft auf ein Nachbargebäude. „Da könnten wir zusätzlich Vorstellungen geben und auch anderen Vereinen und Künstlern in Höchst eine Plattform geben.“

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