Max Schubert, Leiter Gebäudemanagement und Michael Guntersdorf, Leiter Stabsstelle Städtische Bühnen vor der Theaterdoppelanlage.
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Max Schubert, Leiter Gebäudemanagement und Michael Guntersdorf, Leiter Stabsstelle Städtische Bühnen vor der Theaterdoppelanlage.

Schauspiel und Oper

Städtische Bühnen Frankfurt: Verfall erreicht neue Qualität

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Ein Besuch bei den Technikern der Städtischen Bühnen Frankfurt, die verzweifelt um das knapp 60 Jahre alte Gebäude kämpfen.

  • Die Städtischen Bühnen Frankfurt sind bald 60 Jahre alt.
  • Der Technische Leiter beklagt deren Verfall.
  • Dennoch ist die Oper „Haus des Jahres“

Die jüngsten Wochen waren schwierig. Und Max Schubert ist keiner, der die Wirklichkeit schönredet. Der Technische Leiter der Städtischen Bühnen in Frankfurt berichtet offen von seinem verzweifelten Kampf, das bald 60 Jahre alte Gebäude am Willy-Brandt-Platz in Betrieb zu halten. Ein Besuch bei ihm und seinem Team ist eine Reise in eine Welt des Mangels und Verfalls. Zum Beispiel vor kurzem der große Bruch eines zentralen Abwasserrohrs. „Da ist die Scheiße aus der Decke gelaufen“, sagt der Ingenieur ganz sachlich. Es gibt noch Rohre aus den Jahren 1902/1903, sie waren Teil des alten Schauspielhauses, auf dessen Fundament die Theaterdoppelanlage Anfang der 60er Jahre errichtet wurde.

Der Kampf des Technikteams um das riesige Haus mit seinen 1560 Räumen, unzähligen verwinkelten Gängen und düsteren Kellern spielt sich buchstäblich hinter den Kulissen ab. Die Öffentlichkeit soll möglichst wenig davon erfahren. Dabei wünschen sich die 1200 Beschäftigten der Bühnen nichts sehnlicher, als dass die Kommunalpolitiker in Frankfurt sich endlich über einen Neubau verständigen. Doch es herrscht politischer Stillstand. Deshalb macht Michael Guntersdorf, der Leiter der Stabsstelle Städtische Bühnen, öffentlich Druck. Er kann offener sprechen als Schubert. Und er sagt: „Es muss Bewegung geben in der Politik, wir können nicht länger warten.“

Städtische Bühnen Frankfurt: Marode und überaltert

Dass viele technische Anlagen marode und überaltert sind, dass die Arbeitsbedingungen der Menschen im Haus allen Vorschriften Hohn sprechen, ist grundsätzlich bekannt. Die FR hat in den zurückliegenden Jahren immer wieder darüber berichtet. Doch jetzt erreicht der Verfall eine neue Qualität: Die Sandsteinplatten der Fassade von 1963 drohen einfach herunterzufallen. „Es wird prekär“, sagt Schubert knapp. Und gesteht: „Es ist schon einmal eine heruntergekommen.“ Was er nicht ausspricht: Wenn ein Passant getroffen worden wäre, hätte er tot sein können. Schubert erklärt statt dessen betont sachlich, was der Grund ist: „Die Metallanker, von denen die Platten gehalten werden, korrodieren und brechen aus.“ Gutachter haben der Stadt deshalb gerade zur Auflage gemacht, die ersten Teile der Fassade durch Netze zu sichern.

Wir gehen rund um das Haus und sehen die Netze, die über dem Eingang der Kammerspiele gespannt sind. In dem nun vorliegenden Gutachten heißt es, dass in fünf Jahren das gesamte riesige Gebäude, das eine Bruttogeschossfläche von 108 000 Quadratmetern umfasst, in Netze eingespannt sein müsse. Alles andere wäre zu gefährlich.

Die Frage ist, wie das alles finanziert werden soll. Michael Guntersdorf beklagt die Unterfinanzierung. „Es stehen nur 3,2 Millionen Euro im Jahr für die Bauunterhaltung zur Verfügung, aber eigentlich werden neun Millionen Euro gebraucht“, sagt der Leiter der Stabsstelle. Ein Beispiel ist die Brandmeldeanlage. Schubert erzählt mit bemerkenswertem Understatement, dass sie am vergangenen Sonntag „komplett ausgefallen ist“. Das betrifft den Spielbetrieb von Oper und Schauspiel unmittelbar. Wenn die elektronische Überwachung nicht mehr funktioniert, müssen wieder wie früher Feuerwehrleute bei Vorstellungen als Brandwachen aufziehen. Das Problem bei der Reparatur ist, dass es für die Anlage aus den frühen 60er Jahren keine Ersatzteile mehr gibt. „Wir haben aber erfahren, dass es am Flughafen noch eine ähnliche Anlage gibt, da versuchen wir, uns Ersatzteile zu besorgen.“

Offene Stellen in der Fassade der Städtischen Bühnen Frankfurt

Improvisation dieser Art ist Alltag für die Techniker der Bühnen. Wir laufen rund um das riesige Haus. Überall klaffen Löcher und offene Stellen in der Fassade. „Wir gehen ständig mit dem Hammer rum und klopfen die losen Teile ab, damit sie nicht runterfallen“, berichtet die Leiterin der Bauabteilung, Doris Andörfer. „Wir müssen ja schließlich die Versicherungspflicht beachten.“

Wir erreichen die Vorderfront am Willy-Brandt-Platz mit den riesigen Glasscheiben des Wolkenfoyers. „Die Glasfassade ist hinüber“, fasst Schubert die Situation hier zusammen. Bei Starkregen dringe Wasser durch die Fugen ins Foyer ein. Und Starkregen wird wegen des Klimawandels immer häufiger. Durch die Einfachverglasung wird im Winter buchstäblich nach draußen geheizt. „Es gibt Beschwerden von Zuschauern, dass es einfach zu kalt ist.“ Jeden Winter geht eine Heizleistung im Wert von etwa 100 000 Euro verloren.

Wir tauchen ins Innere des Bauwerks ab. Der Technische Leiter bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch Niedergänge, über Treppen, durch schmalste Passagen. Wir sprechen über eine Schwachstelle, die jetzt nicht zu sehen ist: die Dächer von Oper und Schauspiel. „Wir haben etwa 30 bis 40 Stellen, an denen bei Regen Wasser durch das Dach ins Gebäude eindringt.“ Das Technikteam behilft sich immer wieder auf dieselbe Weise: „Wir nageln eine neue Dachpappe drauf.“ Schubert lacht. „Ich schätze mal, dass wir jetzt zehn Schichten Pappe angebracht haben.“ Das Wasser dringt aber dennoch ein.

Wir erreichen einen Raum unter der Erde, den es so nicht mehr geben dürfte. Hier stehen riesige alte Schaltschränke. Viele Zeiger bewegen sich nicht mehr, sie verharren auf null. „Wir wissen nicht genau, was da los ist“, sagt Schubert. Das ist die Hochspannungszentrale, das Herz der Stromversorgung. Hier arbeiten Menschen, wie einige verwitterte Schreibtische zeigen. Aktenordner in uralten Regalen. „Arbeitsplätze in fensterlosen Räumen sind eigentlich nicht mehr zulässig“, sagt Schubert trocken.

Oper ist teil der Städtischen Bühnen - und „Haus des Jahres“

Draußen im Gang klaffen breite Risse in den Decken. „Durch die Hochhausbaustellen in der Umgebung ist das gesamte Gebäude noch mehr in Bewegung als sonst.“ So erweitern sich die Dehnungsfugen zwischen den einzelnen Hausteilen immer weiter. Wir bewegen uns jetzt in den Fundamenten aus dem Jahr 1902. Uralte Brandschutztüren mit geheimnisvollen Aufschriften, die selbst die Techniker nicht deuten können.

Insgesamt gibt es für die Technik des Hauses nicht weniger als 360 Wartungsverträge, ein Wirrwarr, das niemand mehr durchschaut. Der Technische Leiter spricht längst schon über ein anderes Sorgenkind, die Lüftungsanlage. Auch hierfür gebe es keine Ersatzteile mehr.

Langsam geht es über enge Treppen wieder dem Tageslicht entgegen. Im Jahr 2017, als die Stadt das große Gutachten zur Zukunft der Städtischen Bühnen vorstellte, hieß es, bis 2020 könne man den technischen Betrieb noch am Laufen halten. Für die Zeit danach könne niemand eine Garantie abgeben.

Draußen auf dem Willy-Brandt-Platz verkünden Plakate in den Schaukästen stolz: Die Oper ist wieder Haus des Jahres in Deutschland geworden, zum fünften Mal.

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