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Draußen vor der Stadt: Blick vom Monte Scherbelino, der verwildern darf.

Interview

„Städte wagen Wildnis“: Chancen für die Natur

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Die Köpfe des Projekts „Städte wagen Wildnis“ über die gefährlichsten Frankfurter Tiere und Chancen für die Natur.

Thomas Hartmanshenn, Geograf, ist Koordinator des Drei-Städte-Projekts „Städte wagen Wildnis“ und Leiter der städtischen Umweltvorsorge im Umweltamt.

Frieder Leuthold ist der Frankfurter Wildnis-Projektleiter und Chef der Wildnislotsen.

Herr Hartmanshenn, Herr Leuthold, wissen Sie, wer das Wort „Wildnis“ in die Nidda-Altarm-Brücke im Nordpark geritzt hat?

Frieder Leuthold: Das habe ich mich auch schon gefragt. Nee, weiß ich nicht.

Thomas Hartmanshenn: Von innen? Ins Metall geritzt?

Ja, wenn man über die Brücke geht und Richtung Harheim schaut. Und wer den Blick nach rechts wendet, sieht einen neuen Pavillon. Was haben Sie da vor?

L: Das ist unser grünes Klassenzimmer. Ein wichtiges Anliegen ist ja, das Projekt „Städte wagen Wildnis“ auch erlebbar zu machen. Es muss Orte geben, die sich eignen, um mit einer Schulklasse hinzugehen. Der Pavillon ist unsere größte Baumaßnahme in dem Gebiet, ein Unterstand, möglichst robust, möglichst simpel, damit sich so eine Klasse auch mal unterstellen kann, Pause machen.

H: Natur erfahrbar machen, wenn man mit der Schulklasse draußen ist.

Worum geht es in der Nordpark-Wildnis?

L: Die gesamte Fläche, die der Nidda-Altarm umschließt, ist unser Projektgebiet. Wir haben es unterteilt in die Schwerpunktfläche im Osten bei der Brücke, wo es weiterhin durchwachsen darf, und den Bereich, in dem Nutzung stattfinden darf, im Westen. Da wollen wir aber an einigen Schräubchen drehen, um die Artenvielfalt zu fördern.

Was ist im Gebiet vorgesehen?

L: Wir wollen keine neuen Wege anlegen, sondern vorhandene Trampelpfade nutzen. Auf Empfehlung unseres Projektpartners Senckenberg haben wir Totholz eingebracht, das ist Thema in dem Gebiet, das ist wichtig. Die Baumstämme haben eine Funktion als Leitelement, als Wegweiser und für die Umweltbildung: Das verrottet, man kann dort sogenannte Sukzession beobachten. Es gibt einen kleinen Wildnispfad, auf dem man durchs Gestrüpp an verschiedenen kleinen Punkten vorbeikommt, einem Steinhaufen, einem kleinen Hohlweg, Orte, an denen man einer Schulklasse was erzählen kann: Schaut her, das dient der Artenvielfalt.

Wie weit ist das Projekt – wie viel Wildnis sehen wir, wenn wir jetzt in den Nordpark gehen?

H: Im Nordpark haben wir in die Vegetationsentwicklung bisher nicht eingegriffen. Es geht eher darum, die Nutzung an manchen Stellen zu extensivieren. Wiesen so zu mähen, dass es die Artenvielfalt fördert. Grillplatz, Sportplatz, Grünland und Kleingärten sind gar nicht betroffen. Uns ist es wichtig, die Projektidee zu thematisieren und nach außen zu tragen – sich die Entwicklung von Lebensräumen bewusst zu machen. Seit wir angefangen haben, sehen wir auch eine ganz andere Bedeutung dieses Nidda-Altarms, was daraus werden kann. Senckenberg untersucht das.

Was denn genau?

H: Die Entwicklung von Fauna und Flora. Man schaut auf bestimmte Arten: Heuschrecken, Tagfalter, Vögel spielen eine bedeutende Rolle. Was bietet der Ort an Lebensraum, wie könnte der gefördert werden? Wir hatten ja bereits 2018 solch einen trockenen Sommer. Das hat zu einem enormen Fruchtansatz geführt, zur sogenannten Notfrucht, wenn der Baum merkt: Oh, möglicherweise geht’s mir an den Kragen, mit der Folge, dass sich das positiv auf die Vogelwelt ausgewirkt hat. Aber es hat sich negativ auf die Tagfalter ausgewirkt, die haben nicht den Lebensraum gefunden, den sie in anderen Jahren hatten, und es hat sich wiederum positiv auf Heuschreckenpopulation ausgewirkt. Das sind alles Untersuchungen, die ohne das Wildnisprojekt gar nicht gelaufen wären.

Die Flora muss sich also gar nicht sehr verändern, aber es kann sein, dass sich andere Arten ansiedeln?

L: Unser erstes Projektziel heißt: Wir stellen die Flächen zur Verfügung. Wir wollen einen Beitrag leisten zur Biotop- und Artenvielfalt in unseren Städten. Ganz bestimmt wachsen am Monte Scherbelino, vielleicht auch im Nordpark, wieder Flächen zu und sind nicht mehr so stark besonnt. Dann werden die erwähnten Heuschrecken nicht mehr so zahlreich vorhanden sein.

H: Wir wollen innerhalb von fünf Jahren modellhaft urbaner Wildnis eine Chance geben, um die Erfahrung auf andere Städte zu übertragen. Es geht weniger darum, ob sich in fünf Jahren bedeutende Veränderungen in der Artenzusammensetzung ergeben. Es geht darum, das Thema in Gesellschaft und Politik zu tragen. Es geht um Möglichkeiten, der urbanen Wildnis in Deutschland Raum zu lassen. Klar, dass sich an Orten wie dem Nordpark in fünf Jahren nicht viel tut.

L: Das ist ja ein Wimpernschlag.

H: Am Monte Scherbelino ist es ganz anders. Wären wir dort nicht mit dem Projekt, hätten wir eine Wiederaufforstung. Aber dieses Die-Natur-mal-machen-lassen auf diesem „Ground zero“, wo nix war im September 2016, das hätte es ohne das Projekt nicht gegeben. Deshalb ist der Monte Scherbelino so interessant in der Frage: Was tut sich denn, wenn man nichts tut? Weil sich in den ersten Jahren am meisten tut.

Auch weil auf diese frühere Mülldeponie keine Leute gehen dürfen, während sie ja im Nordpark mitten durch die Wildnis laufen?

H: Das befördert die Ungestörtheit. Wobei wir aus diesem Umstand das Beste machen müssen. Wir haben ja den Monte Scherbelino gewählt, weil wir gehofft haben, dass das Gelände in einigen Jahren geöffnet werden kann. Das ist im Moment nicht absehbar.

L: Weil man zum Monte im Moment tatsächlich allein nicht kommt, sind die Führungen, die wir anbieten, so gut besucht. Was die Natur angeht, ist es sicher positiv, dass da nicht viele Leute herumlaufen. Der Eisvogel hat eine viel geringere Fluchtdistanz. Es gibt eine Beruhigung für Rastvögel, die man andernorts so nicht hat.

Wildnis gilt ja landläufig als etwas, wo an jeder Ecke der Tiger herausbrechen kann. Muss man sich vor der Frankfurter Wildnis fürchten als Mensch, der nur angelegte Gärten gewohnt ist?

H: Ich kann hier zusehen, wie sich die Mauereidechse ansiedelt. Also: Vor der Frankfurter Wildnis muss sich niemand fürchten. Es ist nicht absehbar, dass sich Arten ansiedeln, die irgendeine Bedrohung bedeuten würden. Wir werden auch nicht zu einer enormen Vermehrung des Bibers beitragen. Wenn sich da mal zwei oder Familien ansiedeln, ist das viel. Wir schaffen Nischen.

Wie verhindern Sie, dass ein alter Baum auf Wildnisbesucher kippt?

H: Wir haben Verkehrssicherungspflicht am Standort Bonames. Wir dürfen experimentieren, wir dürfen mal machen lassen, und wir müssen im Notfall eingreifen.

L: Laut Definition ist es eine Chance für die Natur, die wir beobachten, aber es geht nicht darum, die Flächen einfach verwildern zu lassen.

Was beobachten Sie bisher?

L: Erste Untersuchungen zeigen, dass wir am Monte eine enorme Population von Wildbienen haben: mehr als 50 Arten, ein großer Erfolg. Wir interpretieren unsere Version der Wildnis aber so, dass man auch mal punktuell positiv eingreifen kann. Ein bisschen roden, Sand auftragen, um das Habitat-Angebot zu verbessern – für die Eidechse wie für die Wildbiene. Unser Ansatz der urbanen Wildnis verträgt das.

Sie greifen also in die Wildnis durchaus ein.

H: Es gibt drei Ansätze in Frankfurt: das Schaffen von Ökosystemen und Biotopen durch Sandverfüllung; das Freistellen von Ökosystemen, indem wir Wildwuchs herausnehmen, von dem wir wissen, dass es invasive Arten sind, die uns Probleme mit Verschattung machen werden; und das Einbringen von Biotopholz, das sich zersetzt und für bestimmte Arten, etwa Spinnen, wieder ein Lebensraum wird.

Und wie vermitteln Sie das der Bevölkerung?

L: Das Netzwerk Bio-Frankfurt koordiniert für alle drei Teilnehmerstädte die Öffentlichkeitsarbeit.

H: Mit den Wildnislotsen machen wir daraus ein Ehrenamtsprojekt. Wir haben einen Stamm von etwa 20 Lotsen, die sich daraufhin fortbilden, im Nordpark und am Monte kompetent Auskunft geben zu können.

Wenn ich heute in den Nordpark gehe, erfahre ich aber nix.

L: An wichtigen Punkten – am Zickzackweg, an der Brücke aus Harheim, am Zugang von der Homburger Landstraße aus – haben wir Grüngürtel-Stelen aufgestellt, und wir planen ein großes Informationsschild. Es gibt eine Art Leitstruktur aus diesen Robinien, die Blickachsen herstellen, damit man weiß: Wo bin ich, was passiert hier, wie komme ich da hin. Besucherlenkung im kleinen Rahmen – wir wollen keinen Schilderwald, wir wollen die Wildnislotsen als Träger von Informationen da haben.

Wann enden die fünf Projektjahre? Und welches Ziel wollen Sie erreichen?

H: Das Ganze wird fertig sein im Mai 2021, und vieles steuert darauf hin, bis zum März 2021 alles so aufzubereiten, dass wir zur geplanten Fachtagung hier in Frankfurt, eben an jenem 23. und 24. März 2021, alle Informationen weitergeben können: Wie so ein Projekt auch in anderen Städten aufzuziehen wäre.

Könnte es auch Bebauungsdruck von Frankfurt nehmen?

H: Das Projekt ist kein Instrument, um Flächen vor Bebauung zu schützen. Der Nordpark liegt aber im Grüngürtel – das ist ein Schutzstatus, da kann man nicht so schnell ran. Der Monte Scherbelino noch mehr.

L: Wir wollen auch Überzeugungsarbeit leisten: Es ist ja mittlerweile Konsens, dass Naturerlebnisräume in der Stadt sehr wichtig sind, viel sinnvoller als eine Schaukel und eine Rutsche mit einem Zaun drumherum. Dafür wollen wir auch politische Entscheidungsträger gewinnen.

Wo sehen Sie noch Chancen für Wildnis in Frankfurt?

H: Im Sossenheimer Unterfeld oder auch im Ulmenrück zwischen Berkersheim und Frankfurter Berg – das hat einen Wildnischarakter. In unserem Haus, dem Umweltamt, ist längst entschieden: Wenn etwas 2021 ausläuft, dann nur das Förderprojekt des Bundesamts für Naturschutz. Dass wir als Stadt Frankfurt weitermachen werden, steht für uns fest.

Wie sieht es denn am Monte und im Nordpark 2050 aus?

L: Wenn man am Alten Flugplatz Bonames am Ende der Landebahn ist, geht man in einen grünen Tunnel. Man darf ja träumen: Vielleicht gehen wir am Monte eines Tages auch in einen grünen Tunnel. Und im Nordpark: Ein Auwald – das sind die Bilder, die man vor Augen hat.

Interview: Thomas Stillbauer

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