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Freya Schlingmann, die Digitalbeauftragte des Frankfurter Städel-Museums, und das gefragteste Werk der Sammlung, Botticellis „Weibliches Idealbildnis“. Foto: Michael Schick.
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Freya Schlingmann, die Digitalbeauftragte des Frankfurter Städel-Museums, und das gefragteste Werk der Sammlung, Botticellis „Weibliches Idealbildnis“.

Kultur

Kunst ohne Kopierschutz

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Seit das Frankfurter Städel die meisten Bilder seiner Sammlung kostenlos im Internet teilt, nutzen das Kreative aus aller Welt.

Vor ziemlich genau 70 Jahren, am 27. Dezember 1950, starb der Maler Max Beckmann in New York. Für das Frankfurter Städel, das eine große Sammlung mit Werken Beckmanns zusammengetragen hat (er war Lehrer an der Städel-Schule), hat die etwas krumme Zahl eine besondere Bedeutung. Mit dem 70. Todestag von Kunstschaffenden, Malern wie Bildhauerinnen, Schriftstellerinnen wie Dichtern, erlischt nämlich das Urheberrecht. Das klingt erst mal nicht besonders aufregend, hat aber doch Konsequenzen.

Seit dem 1. Januar 2021 stellen „wir auch unsere Beckmann-Bilder zur beliebigen Verwendung online“, sagt Freya Schlingmann, die Digitalbeauftragte des Kunstmuseums. Seit diesem Zeitpunkt kann jeder Nutzer, jede Nutzerin Beckmanns reproduzierte Werke in hervorragender Qualität kostenlos herunterladen, wie das bereits seit Sommer 2020 mit älteren Zeichnungen, Gemälden, Fotografien und Skulpturen der Sammlung möglich ist. Die Kreativität schränkt kein Copyright mehr ein und für die Grenzen des guten Geschmacks sind ausschließlich die Nutzer:innen verantwortlich.

Auf dem T-Shirt prangt Jan van Eycks Lucca-Madonna von etwa 1440.

So darf nun ein Meisterwerk selbst auf Toilettenpapier landen, wenn es denn gewünscht wäre. Franz Marcs Besucherliebling, der „Liegende Hund im Schnee“, ließe sich in jeder beliebigen Größe als Poster ausdrucken, eine mittelalterliche Madonna Jan van Eycks kann ohne Zusatzkosten auf dem T-Shirt oder der Kaffeetasse prangen. Städel-Engel können auf bedruckten Kopfkissen landen und üppige Stillleben auf Mousepads. Und schließlich lassen sich alle frei nutzbaren Werke einfärben, beschneiden, verfremden oder sogar auf den Kopf stellen. „Auch die kommerzielle Nutzung ist erlaubt, wenn man das Städel als Bildquelle nennt“, sagt Schlingmann.

Kunst online erleben

Das Frankfurter Städel-Museum und das benachbarte Liebieghaus mit seiner sehenswerten Skulpturensammlung haben während der Pandemiezeit neue Onlineformate für die Kunstvermittlung erarbeitet.

Das soll keine Einbahnstraße für die Nutzer:innen sein, sondern hier bietet sich tatsächlich die Möglichkeit, jeweils mittwochs und donnerstags vom heimischen Computer aus mit Expert:innen auf (virtuelle) Tour zum Austausch über Kunst aufzubrechen. Wie bei „echten“ Führungen ist die Teilnehmerzahl begrenzt, die Teilnahme kostet 5 Euro. Anmelden kann man sich auf der Internetseite des Museums, www.staedelmuseum.de. Hier findet sich auch das genaue Tourenprogramm.

Die meisten Kunstwerke des Städels, die in den vergangenen 200 Jahren hier zusammengetragen wurden, stehen inzwischen mit Beschreibungen, Hintergründen zu den Künstlern und Künstlerinnen oder auch der Sammlungsgeschichte online. Hier lassen sich auch viele Gemälde, Zeichnungen und Fotografien entdecken, die nur sehr selten ausgestellt werden und sonst im Museumsdepot schlummern.

Bilder, deren Urheber:innen vor 1950 starben, dürfen als Reproduktion in sehr guter Auflösung heruntergeladen und gratis verwendet werden. aph

Das mag manchmal als Spielerei daherkommen, doch hinter der Freigabe dieses Bilderschatzes steckt ein grundsätzliches Umdenken, das weit weniger banal ist als die Madonna auf der Kaffeetasse. Und auch wenn die eine oder andere zu befürchtende Geschmacklosigkeit vielleicht weh tun wird, ist das, was das Städel neben etlichen anderen internationalen Museen und Sammlungen (die amerikanischen Museen waren da schon etwas früher dran) nun versucht, nichts weniger als eine Demokratisierung der Kunst. „Damit führen wir den Gedanken unseres 1816 verstorbenen Stifters Johann Friedrich Städel fort“, sagt Schlingmann. Dass Kunst den Alltag verschönt, ist leicht dahingesagt, aber lange waren gemalte, gezeichnete oder gedruckte Bilder so aufwendig herzustellen, dass ihr Besitz einen Luxus darstellte, und auch die öffentlichen Museen und Sammlungen legten stets großen Wert auf ihre Reproduktionsrechte.

Sandro Botticellis Idealbildnis einer jungen Frau von 1480 macht selbst auf einer Kaffeetasse „bella figura“.

Kommt denn noch jemand ins Museum, wenn sich alle Bilder schon online betrachten lassen? Das war die große Angst vieler Museumsleute, und noch heute gibt es viele Sammlungen, die mit ihren Bildrechten geizen. „Nichts ersetzt das Erlebnis, vor Originalen zu stehen“, ist sich Schlingmann sicher. Das Städel zeigt seine Werke bereits seit 2015 im Internet. „Damals standen erst mal etwa 1500 Highlights online“, sagt sie. Inzwischen kamen rund 25 000 Zeichnungen hinzu. Ziel ist es, bald alle vorhandenen Gemälde, Skulpturen, Grafiken und Fotografien online auszustellen. „Viele Häuser zeigen nicht alles, aber für uns gehört es zu unserem Selbstverständnis. Daten können viel besser vernetzt werden und es lassen sich viele neue Bezüge entdecken“, sagt Schlingmann. Die Pläne dafür sind übrigens weit älter als die aktuelle Corona-Pandemie, sie machen es auch in Zeiten geschlossener Museen möglich, wenigstens eine Ahnung von den Schätzen zu bekommen. Immerhin etwa 22 000 Werke sind bisher schon gemeinfrei, darunter viele Stücke, die im Depot lagern und auch zu normalen Zeiten nicht zugänglich sind.

Und Franz Marcs „Weißer Hund im Schnee“ von 1911 gilt als ganz besonderer Publikumsliebling – egal, in welcher Reproduktion. Alle Bilder gehören dem Frankfurter Städel (Gestaltung Ralf Schalkowski).

Dass nicht nur die Geschmäcker der einzelnen Besucherinnen und Besucher, sondern auch die der Nationen verschieden sind, ist sicher nicht verwunderlich: Wollte man Genaueres erfahren, fragte man bisher wohl am besten die Aufsichten, die genauer wussten als jeder Kurator, was das Publikum liebt und was es langweilt.

Heute ist das zumindest online glasklar, Schlingmann schaut sich regelmäßig an, was wo auf der Welt geschätzt (und heruntergeladen) wird. Und das ist erstaunlich unterschiedlich. Alle lieben das geheimnisvolle Porträt einer jungen Frau mit extravaganter Frisur, das Sandro Botticelli um 1480 schuf, und den meisterlich gemalten Geografen des Malers Jan Vermeer, da ist sich die internationale Internetgemeinde weitgehend einig.

Die virtuellen Besucher:innen aus Japan allerdings schätzen abstrakte Lichtkunst und Fotos aus dem Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ ganz besonders und sie mögen den „Goethe in der Campagna“. Brasilianer:innen lieben Van Eycks Lucca-Madonna, sie schätzen Dürers Zeichnung einer Kreuztragung Christi und das mittelalterliche Paradiesgärtlein. Surfer:innen aus Ägypten schließlich sind besonders fasziniert von einer kleinen, ziemlich unbekannten französischen Zeichnung des 18. Jahrhunderts mit einem nackten Orpheus und der toten Eurydike, und sie laden besonders gerne historische Fotografien von Alexandria herunter, auch so einen unbekannten Schatz, auf den man zufällig stoßen kann.

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