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Die besten Freunde des Stadtklimas: Bäume.

Waldzustandsbericht 2020

Frankfurter Stadtwald: Mehr als jeder zehnte Baum ist tot - 98 Prozent krank

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Es zeigt sich eine dramatische Entwicklung im Frankfurter Stadtwald. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig fordert radikale Schritte und strengere Vorgaben.

  • Der Stadtwald in Frankfurt ist mehr denn je bedroht.
  • Grünen-Politikerin fordert radikales Handeln.
  • Die Waldschäden sind bedingt durch den Klimawandel.

Frankfurt - Der Zustand des Stadtwalds hat sich im Vergleich zu den desaströsen Vorjahren noch weiter verschlechtert. 98,9 Prozent der Bäume sind krank (Vorjahr: 97 Prozent). „Es ist eine echte Katastrophe“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) und ruft dazu auf, radikal CO2 einzusparen.

Alle Baumarten sind durch die hohen Temperaturen und den Mangel an Niederschlägen stark geschädigt – so steht es im Waldzustandsbericht 2020, den die Forstchefin im Grünflächenamt, Tina Baumann, am Donnerstagabend im Umweltausschuss der Stadtverordnetenversammlung vorstellte. Während der gesamten Vegetationsperiode wiesen die Bäume demnach hohe Blatt- oder Nadelverluste auf. 98,9 Prozent sichtbare Schäden sind der höchste Wert, seit Daten über den Zustand des Stadtwalds erhoben werden. Auf den 166 Probeflächen erklärten die Fachleute 188 Bäume für tot – 113 waren „stehend abgestorben“, 75 wurden gefällt. Hochgerechnet sind 11,3 Prozent der Stadtwaldbäume nicht mehr am Leben.

Frankfurter Stadtwald: Knapp 47.000 Festmeter Holz gefällt

In der Folge kommen die Forstleute kaum noch zu etwas anderem als zum Fällen. 2020 schlugen sie 46.840 Festmeter Holz. In einem normalen Jahr wurden früher etwa 25 000 Festmeter geerntet und verwertet, also verkauft. Der Absatz ist längst eingebrochen, weil der Holzpreis wegen der Massen an toten Bäumen im Keller ist.

Das tödliche Problem der Bäume: Die Dürren im Klimawandel schwächen sie so sehr, dass sie Pilzbefall, Käferfraß und Sturm wehrlos ausgeliefert sind. Die Eiche, Hauptbaumart im Stadtwald, reagierte in diesem Jahr mit enormer Samenbildung. Das hatte sie auch 2018 schon getan. Die verstärkte Reproduktion ist ihre Methode, mit prekären äußeren Bedingungen umzugehen. „Normalerweise beträgt der Abstand zwischen zwei Mastjahren vier bis sechs Jahre“, erklärte Baumann. Das verkürzte Intervall sei besorgniserregend, weil die Bäume für die Mast viel Energie aufwenden müssten.

Waldzustand

Seit 1984 wird (wie auch bundesweit) auf Probeflächen die Entwicklung der Waldschäden beobachtet. Im Frankfurter Stadtwald gibt es dafür 166 Testareale mit zusammen 1660 Bäumen.

Die Anteile entsprechen den Vorkommen im Gesamtwald: Eiche 38 Prozent, Buche (inkl. Edellaubhölzer wie Esche und Ahorn) 28 Prozent und Kiefer 34 Prozent. Fichten sind nicht in den Stichprobenflächen, weil sie nur in den Frankfurter Stadtwaldgebieten des Taunus in nennenswerter Zahl stehen. Die Daten werden von Ende Juli bis Anfang August erhoben.

Die Schadstufen bedeuten: Stufe 0: ohne Kronenverlichtung (Blatt- oder Nadelverlust bis 10 Prozent); Stufe 1: schwache Verlichtung (11 bis 25 Prozent); Stufe 2: mittelstarke Verlichtung (26 bis 60 Prozent); Stufe 3: starke Verlichtung (61 bis 100 Prozent). ill

100 Prozent der über 60-jährigen Eichen haben Kronenverlichtungen, und bei den jüngeren Eichen sind es ebenfalls fast alle. Die Baumart, urteilt Tina Baumann, komme an ihre physiologische Belastungsgrenze.

Aber auch Buchen und Kiefern sind am Ende ihrer Kraft und noch einmal deutlich mehr geschädigt als im ohnehin schon schlimmen Vorjahr. In vielen Kiefernbeständen hätten sich massenhaft Misteln etabliert, heißt es im Bericht. Diese Halbparasiten entzögen den Wirtsbäumen Wasser und Nährsalze – zusätzlicher Stress. Die Fichte, besonders in den Taunusgebieten, die zum Frankfurter Stadtwald zählen, hat es ganz besonders erwischt. Ihr Zustand wird nicht standardmäßig gemessen wie bei Eiche, Buche und Kiefer. Die Fichte verschwinde weder im Taunus noch im Frankfurter Stadtwald ganz, prognostiziert die Forstchefin. Ihr Bestand dürfte aber schrumpfen. Die großen alten Fichtenstandorte sollen mit Laubbaumarten aufgeforstet oder der Naturverjüngung überlassen werden.

Der Frankfurter Stadtwald steht vor dem Exodus

„Man muss es in dieser Härte formulieren: Der Stadtwald steht vor dem Exodus“, sagt Umweltdezernentin Heilig. „Wer es nicht wahrhaben will, soll hinfahren und es sich selbst ansehen.“ Sie stehe vor einem Déjà-vu, sagt die Stadträtin, die einst ihre Biologie-Diplomarbeit über das Waldsterben schrieb. „Damals haben wir gewusst, was wir tun müssen: Wenn wir die Schadstoffe in der Luft reduzieren, können wir dem Wald helfen.“ Obwohl die Industrie sich zunächst gesträubt habe, sei es in den 80er Jahren gelungen, unter anderem mit geeigneten Abgasfiltern die Lage in den Griff zu bekommen.

„Jetzt erleben wir Waldschäden in einer Rasanz, die alles in den Schatten stellt“, vergleicht Heilig. „Und wir kennen auch heute den Verursacher: Es ist das CO2, es ist der Klimawandel.“ Novemberregen, der sonst Regenschirme auf die Straße gezaubert habe, er fehle: „Dieser November ist ein Oktober.“ Und der Wald habe ein Gedächtnis. Die allzu spürbaren Auswirkungen der Dürrejahre kämen erst noch.

Was also tun? Umsteuern, sagt Rosemarie Heilig, Kohlendioxidausstoß dramatisch verringern. „Es ist viel zu langsam, wie wir reagiert haben und immer noch reagieren. Die Automobilindustrie hat die Lage bis heute nicht ernstgenommen.“ Die Bundesregierung müsse Elektromobilität noch viel mehr fördern als bisher. „Wir müssen den Schalter umlegen, CO2 nach unten drücken, sonst hinterlassen wir den folgenden Generationen einen zerstörten Stadtwald und auch tote Bäume in der Stadt.“

Das ist bekannt. Müsste der Staat die Konzerne, aber auch Bürger:innen zum Klimaschutz zwingen, wenn’s freiwillig nicht klappt? „Ich bin durch und durch Demokratin“, sagt Heilig, „aber in dieser Hinsicht bin ich dafür, strengere Vorgaben zu machen.“ Es sei an der Zeit, radikaler zu handeln. „Das fordern auch die Fridays for Future.“ (Thomas Stillbauer)

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