Die Frankfurter Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst (FDP) teilt sich ihr Büro im Römer mit Sibirian Husky-Hündin Alaya.
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Die Frankfurter Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst (FDP) teilt sich ihr Büro im Römer mit Sibirian Husky-Hündin Alaya.

Energiemangel

Stadträtin zur Krise: „Die Wirtschaft in Frankfurt ist vielleicht widerstandsfähiger“

  • Christoph Manus
    VonChristoph Manus
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Die Frankfurter Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst hofft im FR-Interview, dass die Stadt wegen des breiten Branchenmixes besser als andere durch die Energiekrise kommen kann.

Frau Wüst, wie gefährlich ist die Energiekrise für die Wirtschaft in Frankfurt?

Dazu belastbare Aussagen zu treffen, ist schwierig, weil sich die Situation ständig verändert. Kommt Gas aus der Nordstream-1-Pipeline? Wie viel? Niemand kann zurzeit verlässliche Prognosen erstellen. Klar ist: Das führt auch zu einer großen Unsicherheit unter den Unternehmen in Frankfurt. Deutschland und Europa stehen jetzt vor der ernsten Herausforderung, eine bezahlbare Energieversorgung sicherzustellen.

Die Wirtschaftskammern in der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main haben ihre Konjunkturprognose für das laufende Jahr kürzlich deutlich nach unten korrigiert. Statt mit 5,2 Prozent rechnen sie nun mit 2,5 Prozent Wachstum. Ist das nicht fast noch optimistisch?

Das wird sich erst im Nachhinein zeigen. Fast alle Wirtschaftsinstitute senken ihre Prognosen derzeit ständig. Auch die Bundesregierung rechnet mit einem schwächeren Wachstum. Wir sind in Frankfurt und der Region aber sehr breit aufgestellt. Das hat die Auswirkungen von exogenen Schocks auf die Wirtschaft schon in der Vergangenheit etwas begrenzt. Durch den breiten Branchenmix ist die Wirtschaft in Frankfurt vielleicht widerstandsfähiger als in anderen Regionen. Das hat gerade die Corona-Pandemie gezeigt.

In der Breite ist die Wirtschaft in Frankfurt und Umgebung in der Tat vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. In Frankfurt ist im vergangenen Jahr so viel Gewerbesteuer geflossen wie nie, die Arbeitslosigkeit ist inzwischen wieder relativ gering. Viele Unternehmen wollen einstellen. Doch droht das nun nicht alles zu kippen?

Der Überfall Russlands auf die Ukraine passierte in einer weitestgehend wirtschaftlichen Erholungsphase. Man muss allerdings sehr differenzieren. Ich kenne viele Unternehmen, denen es gut geht, die sogar gestärkt aus der Krise kamen. Andere haben es nicht geschafft, oder haben zwar überlebt, aber noch immer riesige Probleme. Nun stehen wir vielleicht vor einer noch schwierigeren Situation als in der Corona-Krise. Zumal ja die Pandemie noch nicht beendet ist und es nachgelagerte Effekte gibt.

Wie schwierig ist die Situation für die Industrie? Der Industriepark-Betreiber Infraserv hat bereits im Mai vor gravierenden Folgen einer Gasknappheit für den Industriepark Höchst gewarnt.

Zur Person

Stephanie Wüst (FDP) ist seit knapp einem Jahr Frankfurter Dezernentin für Wirtschaft, Recht und Reformen.

Die 33-Jährige arbeitete zuvor bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände . Davor war sie für den Wirtschaftsrat der CDU tätig gewesen. An der Goethe-Universität hat Wüst 2010 ein Studium der Soziologie und Politikwissenschaft begonnen, das sie noch abschließen will.

Politisch hat sich Wüst zunächst bei den Jungen Liberalen engagiert, deren Kreisvorsitzende sie war. Als Stadtverordnete war sie von 2016 bis 2021 wirtschafts- und frauenpolitische Sprecherin der FDP im Römer. cm

Die Lage ist sehr angespannt und herausfordernd. Zumal sich viele Unternehmen und die Industrieparks in der Klimakrise hohe Ziele für die Verringerung von Kohlendioxid-Emissionen gesetzt und in den energetischen Umbau investiert haben. Dabei spielte Gas eine große Rolle, auch als Technologie für den Übergang von fossiler zu erneuerbarer Energie. Doch nun ist Gas knapp und teuer. Die Industriebetriebe, etwa im Industriepark Höchst, haben derzeit zudem immense Probleme mit den Lieferketten. Sie bekommen Vorprodukte, die sie für ihre Produktion brauchen, nicht zuverlässig. Die Sorge wächst, deshalb vorübergehend nicht mehr produzieren zu können.

In der Gaskrise spielt Kohle als vorübergehende Alternative wieder eine größere Rolle. Die hessischen Unternehmerverbände appellieren zudem, angesichts eines möglichen Strommangels die verbliebenen Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen. Was halten Sie davon?

Ich habe großes Vertrauen, dass unsere Bundesregierung die politisch notwendigen Entscheidungen treffen wird, um sicherzustellen, dass es genügend bezahlbare Energie gibt.

Was kann die Stadt tun, um die Wirtschaft in dieser Situation zu unterstützen?

Wir prüfen etwa, die großzügigen Ausnahmeregelungen für die Außengastronomie zu verlängern. Wir werben für die duale Ausbildung, um etwas gegen den Fachkräftemangel zu unternehmen. Wir bereiten eine Imagekampagne für die Industrie vor. Wir wollen es Unternehmen durch die Ausweisung neuer Gewerbeflächen erleichtern, sich in Frankfurt anzusiedeln oder hier zu expandieren.

Gerade kleine Handwerksbetriebe, Lokale und Geschäfte, die oft schon stark unter der Corona-Krise litten, haben nun mit der Inflation zu kämpfen und Furcht vor stark steigenden Heiz- und Stromkosten. Kann die Stadt Geschäftsleuten und Gastronomen in dieser Situation helfen?

Kommunal haben wir in diesem Bereich wenig konkrete Einflussmöglichkeiten. Die Stadt unterstützt aber etwa über das Energiereferat Energieberatungen für Betriebe. Als meine Aufgabe sehe ich es nicht zuletzt, eine starke Stimme zu sein für die Probleme und Anliegen der Wirtschaft in der Stadt. Mir ist deshalb wichtig, dass die Stadt Frankfurt auch im Gaskrisenstab, den Wirtschaftsminister Al-Wazir (Grüne) einberufen will, mit am Tisch sitzt oder zumindest eine große Rolle spielt. Wir sind die Wirtschaftsmetropole in Hessen. Wenn es uns schlecht geht, geht es Hessen schlecht.

Interview: Christoph Manus

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