Birgit Kasper (53) leitet seit dem Jahr 2009 die Koordinations- und Beratungsstelle des Netzwerkes Gemeinschaftliches Wohnen in Frankfurt, Adickesallee 67–69.
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Birgit Kasper (53) leitet seit dem Jahr 2009 die Koordinations- und Beratungsstelle des Netzwerkes Gemeinschaftliches Wohnen in Frankfurt, Adickesallee 67–69.

Bauen

Stadtplanerin in Frankfurt: „Die Pacht für Grundstücke muss gesenkt werden“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Stadtplanerin Birgit Kasper über Spekulanten und daraus resultierende Probleme gemeinschaftlicher Wohnmodelle.

Frau Kasper, in Ihrem Offenen Brief an Liegenschaftsdezernent Jan Schneider (CDU) kritisieren Sie die Spekulation um das Bauland für Wohnungen in Frankfurt. Wie ist die Situation?

Es ist in Frankfurt leider so, dass das Bauland für Wohnungen mittlerweile sehr knapp geworden ist. Das treibt die Preise in immer neue Höhen. Es geht immer stärker um die Frage: Wem gehört der umkämpfte Grund und Boden? Die Stadt selbst verfügt auch nur noch über wenige Grundstücke. Wir begrüßen in jedem Fall den Beschluss der Stadt, keine Flächen mehr zu verkaufen und hoffen auf mehr Bodenbevorratung.

Was lässt sich tun gegen die Spekulation mit Grund und Boden?

Planungsdezernent Mike Josef hat den Baulandbeschluss auf den Weg gebracht. Er sieht vor, dass Investoren einen großen Teil des Gewinns, den sie mit Grund und Boden erzielen, wieder abgeben müssen an die Stadt. Das Geld wird investiert in Infrastruktur wie etwa Kitas oder Schulen. Das finden wir sehr richtig. Wir unterstützen auch die Bemühung der Stadt, in Neubaugebieten einen immer größeren Anteil an öffentlich gefördertem Wohnungsbau festzusetzen und auch Grundstücke per Konzeptverfahren für gemeinschaftliche und genossenschaftliche Wohnmodelle vorzusehen.

Woran liegt es, dass gerade die Bodenpreise beim Wohnungsbau immer weiter steigen?

Das hat verschiedene Ursachen. Für private Investoren ist der Wohnungsbau eine lukrative Geldanlage geworden, seit die Zinsen auf dem Kapitalmarkt so niedrig sind. Deshalb wird in Großstädten wie Frankfurt stark in teure Eigentumswohnungen investiert. Gleichzeitig nimmt der Zuzug in Großstädte wie Frankfurt immer mehr zu. Haushalte mit kleinen Kindern bleiben durchaus in der Stadt. Wir beobachten aber auch, dass immer mehr Ältere das Stadtleben attraktiv finden. Das heißt: Die Nachfrage nach Wohnraum steigt stark, das Angebot wird gleichzeitig immer teurer. Es wird spekuliert mit dem Bodenpreis. Investoren bauen natürlich das, was den meisten Profit bringt. Das sind Eigentumswohnungen, aber auch sehr teure kleine Wohnungen, die sogenannten Mikro-Appartements.

Sie vertreten auf diesem umkämpften Markt die gemeinschaftlichen und genossenschaftlichen Wohnmodelle.

Ja, es gibt auch andere Akteure auf dem Wohnungsmarkt. Unser Netzwerk Gemeinschaftliches Wohnen wächst immer weiter. Wir haben mittlerweile 90 Mitglieder, davon 70 in Frankfurt. Dazu gehören Genossenschaften, Vereine, Mietshäuser Syndikat- Projekte, Stiftungen, Eigentümergemeinschaften. Unser Problem sind dabei die steigenden Erbpachtzinsen in Frankfurt. Das heißt: Weil der Erbbauzins ein Produkt ist aus Bodenwert und Erbbauzinssatz, zieht der exponenziell wachsende Bodenwert die zu zahlenden Erbpachtzinsen rasant in die Höhe. Das muss aufhören. Viele gemeinschaftlichen Baugruppen können da nicht mithalten, wenn sie Bauland für den Wohnungsbau pachten wollen.

Was fordern Sie?

Wir möchten mit den bei der Stadt Zuständigen ins Gespräch kommen, damit der Erbbauzinssatz für gemeinschaftliche Wohnprojekte in Frankfurt deutlich gesenkt oder gedeckelt wird. Andere Großstädte in Deutschland haben das bereits getan. Die Stadt Stuttgart zum Beispiel hat für geförderten Wohnungsbau nur 0,7 Prozent des Bodenwertes als Erbpachtzins festgesetzt. Hamburg verlangt von gemeinschaftlichen Wohnmodellen 1,5 Prozent, München unter zwei Prozent, Leipzig diskutiert 1,7 Prozent. Frankfurt am Main aber verlangt nach wie vor 2,5 Prozent, städtische Stiftungen sogar drei Prozent. Wir wollen, dass der Erbbauzinssatz auf deutlich unter zwei Prozent gesenkt wird für gemeinschaftliche Wohnprojekte, die gemeinwohlorientierte Rechtsformen und langfristig bezahlbare Mieten schaffen. Bei etwas höheren Mieten, die im Bereich des Mietspiegels sind, also zwischen zehn oder vierzehn Euro pro Quadratmeter, muss der Erbpachtzins gedeckelt werden, damit für diese Mieten gebaut werden kann. Der Zinssatz müsste im Einzelfall dann auch auf unter ein Prozent begrenzt werden.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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