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Die Äpfel vom Berger Hang.

Serie „Frankfurt wächst“

Stadtnatur für alle

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Der Frankfurter Grüngürtel hat viele Väter, noch mehr Freundinnen und Freunde. Aber wird er dem immensen Siedlungsdruck standhalten? Unsere Serie „Frankfurt wächst“ geht der Frage nach.

Der Grüngürtel. Unendliche Weiden. Die einen nutzen und schätzen ihn für die tägliche Radfahrt zur Arbeit, an Flussufern entlang, durch Auen und Wälder. Die anderen brauchen ihn am Wochenende dringend zur Erholung. Und ganz viele leben darin: Tiere, Pflanzen. Noch ehe Frankfurt mit seinem aktuell ausufernden Wachstum begann, legte es sich den grünen Gürtel rund um die Stadt zu, auf Beschluss der Politik von 1991. Ein weiser Beschluss von enormer Tragweite, wie sich jetzt, bald 30 Jahre später, herausstellt. Ein früher Fall von Klimavernunft. Aber vernünftig genug?

Schwanheim.Hallo? Wo ist die Großstadt hin? Wiesen, Wiesen, Wiesen und Wald im Blick. Da! Ein Baum mit weit aufgerissenen Augen! F. K. Waechters Struwwelpeterbaum, der „Anti-Struwwelpeter“, 2006 auferstanden aus einer Zeichnung des im Jahr zuvor verstorbenen Granden der Neuen Frankfurter Schule. Wahr geworden in einer Kopfweide mit wilder Frisur, Vertreter der Reihe „Komische Kunst im Grüngürtel“. Und gleich dahinter: Frankfurt mediterran – die Schwanheimer Düne aus Sand und Magerrasen. Ein urbanes Unikum. Wie der ganze Grüngürtel.

Es gab Zeiten, da wurde auf Teufel komm raus gebaut in Frankfurt. Nein, auf Teufel bleib drin: Durch die dicke Auflage aus U-Bahn-Schächten, Tiefgaragen und Straßenpflaster drang von unten beim schlechtesten Willen kein Teufel mehr durch. Von oben aber auch keine Baumwurzel. Dem Ur-Grünen Tom Koenigs schwebte etwas anderes vor: „Ein Gebiet, das unter absolutem Schutz steht“, blickte er zum 25-jährigen Bestehen 2016 im Gespräch mit der FR zurück, „aber dieser Schutz musste sich in den folgenden Jahren erst beweisen.“

In rot-grünen hessischen Zeiten, schon Mitte der 1980er Jahre, arbeitete Koenigs am Plan eines Grüngürtels in seiner Heimat Frankfurt. Als dann SPD und Grüne ’89 in der Metropole ans Regieren kamen, ließ Umweltdezernent Koenigs Flächen sammeln und zusammenfügen. Im November 1991 fassten die Stadtverordneten einen förmlichen Beschluss: die Grüngürtel-Charta. „Im Bewusstsein ihrer Verantwortung für die nachkommenden Generationen erklärt die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Frankfurt am Main hiermit ihren Entschluss, rings um die Kernstadt freie Flächen als ,GrünGürtel Frankfurt‘ langfristig zu sichern und zu entwickeln.“So beginnt die Charta, mit dem großen Binnen-G, Markenzeichen der Originalschreibweise. Längst kann man im Gürtel um die Stadt rundherumradeln, auch wenn im Osten eine Lücke klafft, und herumwandern. 2014 kürte das Fachblatt „Wandermagazin“ den Kurs zu Deutschlands schönstem Etappen-Wanderweg.

Bergen.Helmknabenkraut und Riesenschachtelhalm, Steinkauz, Neuntöter und Nachtigall – und Obstbäume, weit, weit. Der Berger Hang, sein Zauber und seine streng geschützten Arten. Sein Rücken, genannt: der Berger Rücken, zieht sich hinüber bis Bischofsheim und auf der anderen Seite über Seckbach bis Berkersheim. Und wenn einem dann jemand erzählt, dass der Main diese Höhen einst ausgewaschen und aufgeworfen hat – der Main? Hier? Aber ja, vor einer Million Jahren –, dann ist sie wieder da, diese unbändige Kraft der Natur.

Seit 1994 ist der Grüngürtel Landschaftsschutzgebiet. Man konnte da etwas ahnen von der Gefahr, die unserem Klima drohte. Es gab Leute, die schon in den 70er Jahren davon gesprochen hatten. Die meisten wollten nicht hören. Zu weit weg, der Gedanke, dass einmal nicht mehr funktionieren könnte, was ohne Menschen seit dem Urknall funktionierte, dass es ernsthaft aus dem Gleichgewicht geraten könnte.

Komisch: der Struwwelpeterbaum nach F. K. Waechter.

Aber dass man da rund um die Stadt etwas festzurren sollte, eine geschützte Zone, die nicht bebaut wird, die Platz lässt für Tier und Pflanze, das leuchtete allen ein. Das wurde auch einstimmig beschlossen. Aber nicht ganz ohne Widerstände, „Wir haben gestritten!“, erinnerte sich Rosemarie Heilig, seit 2012 Koenigs Nach-Nach-Nachfolgerin an der Spitze des Umweltdezernats, im FR-Interview an die Verhandlungen mit der SPD und deren Oberplaner Martin Wentz. „Harte Auseinandersetzungen waren das, die wir letztlich erfolgreich zum Wohle der Menschen geführt haben.“ Auch Wentz freue sich heute über das grüne Band rund um die Stadt. Wenn auch nicht alles grün ist. „Der Grüngürtel ist zerschnitten, das ist die Wahrheit“, sagt Thomas Hartmanshenn, Projektgruppenleiter im Umweltamt. Siedlungsflächen, Verkehrswege. „Das macht 1000 Hektar aus.“ Die müssen wir leider abziehen.

ZAHLEN

Größe: 8035 Hektar nach den jüngsten Berechnungen des Umweltamts aus dem Jahr 2017. Er besteht aber nicht komplett aus Grün. 212 Hektar sind demnach siedlungsartig bebaut, 253 ha weitgehend nicht zugängliche Sportanlagen, 137 ha mit Schienenverkehrsanlagen belegt und 365 ha für den Straßenverkehr versiegelt. Damit bleibt eine weitgehend unversiegelte, zugängliche Freifläche von 7068 ha einschließlich der nicht frei zugänglichen Kleingartenanlagen.

Ausgezeichnet ist der Grüngürtel unter anderem als schöner Wanderweg und von der Unesco als Lernort.

Freizeitwert: Rundwege für Radfahrer und Wanderer führen auf mehr als 60 Kilometern Länge um den Grüngürtel. Etwa 250 Stelen mit Informationen und 14 Exponate der „Komischen Kunst im Grüngürtel“ geben Gelegenheit zum Stehenbleiben. Info: grüngürtel.de.

Bonames. Kalbach.Die Grenze zwischen den beiden Stadtteilen verläuft mitten durch die Keimzelle des Frankfurter Grüngürtelgedankens: den Alten Flugplatz, bis vor 30 Jahren „Maurice Rose Airfield“, Hubschrauberbasis der US-Army, erklärter Sargnagel der Anwohner, die das Geknatter der Helikopter bei Tag und Nacht ertragen mussten. Als die Atmosphäre zwischen den Kalten Kriegern kurz aufheiterte und die Amerikaner den Flugplatz räumten, entstand ein Paradies rund um die Landebahn. Aus aufgebrochenen Betonböden wuchs jubelnd Grünzeug empor, mehr als 120 Vogelarten siedelten sich an – und die Menschen kamen in Scharen, zu staunen, zu genießen. „Bis heute ist der Alte Flugplatz das Aushängeschild“, sagte Rosemarie Heilig, ebenfalls zum 25-Jährigen. „Da lässt sich vorführen, wie grün Frankfurt ist.“

Wenn auch Tom Koenigs als Vater des Grüngürtels in der heutigen Form gilt: Er selbst streitet das ab. Ernst May habe schon in den 1920er Jahren entsprechende Pläne gehabt. Und dann ist da auch Till Behrens, Architekt und Stadtplaner, der sich vor rund 50 Jahren explizit mit einem Grüngürtel beschäftigte. „Frankfurt am Main vom Chaos zur Idealstadt“, titelte er damals: „Übergeordnete Konzeption zum Wieder-Bewohnbar-Machen von Frankfurt auf klimatischer Grundlage“.

Behrens’ Ideen handelten von einer klimatisierten Stadt, einem Plan, der Bebauung im Grüngürtel zulässt, nach den Luftströmen gerichtet. „Alte Leute wissen: In den 30er Jahren reichte die Kaltluft bis zur Hauptwache“, sagte er einmal. „Wir müssen fragen: Wo kommen die Luftströme her?“ Sein Konzept, als eine Basis des realisierten Grüngürtels anerkannt, hätte man „nicht so weit reduzieren dürfen“, beklagte Behrens. Es hätte bis in die Stadt hineingereicht. Aber so: „Man sieht nur noch die Hochhäuser. Und die größte Untat war, dass man den ganzen südlichen Teil der Stadt an den Flughafen ausgeliefert hat.“

Behrens selbst wollte Lärm bündeln, indem er die Flugrouten über die Autobahnen gelegt hätte, die Airport-Nordbahn geschlossen, den Hahn ausgebaut und mit dem Transrapid angebunden. Die Menschen hätten mehr von der Stadt gehabt, vom Grün. Der Grüngürtel, wie er heute ist? Aus seiner Sicht: „Kindisch.“

Sachsenhausen.Oberschweinstiege mit Jacobiweiher, drüben das Stadtwaldhaus mit der Fasanerie. Im Süden ist der Grüngürtel am dichtesten, da wächst der Wald, da lässt sich viel lernen über Stadtnatur, aber da ist es auch am lautesten. Keine Minute, wenn es noch hell ist, in der die Kette der Flugzeuge abrisse. „Der Grüngürtel ist die Vision eines freien und offenen Raumes, in dem sich die städtische Gesellschaft mit ihren vielfältigen Lebensformen und ihrem historisch gewachsenen Umweltbewusstsein verwirklicht“, heißt es in der Charta von 1991 weiter. „Er ist für die Stadt Symbol und Verpflichtung, für die Beanspruchung – Nutzung und Belastung – des Naturhaushaltes Verantwortung zu übernehmen.“

Inwiefern er dem Siedlungsdruck auch künftig standhalten kann, den Ansprüchen von Wohnraum, Gewerbe, Verkehr; inwiefern er den Lebensraum für bedrohte Tiere und Pflanzen verteidigen kann, wenn dieser Druck zunimmt: Damit wird sich die Serie „Frankfurt wächst“ in dieser Runde beschäftigen.

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