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Ortsvorsteherin Susanne Serke.

Ortsbeirat 6

„Die Stadt sollte mehr auf den Ortsbeirat hören“

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Susanne Serke, Vorsteherin des Frankfurter Ortsbeirats 6, spricht im FR-Interview über den Bauboom im Westen und den Wert von Prestigeprojekten für das alltägliche Leben der Menschen.

Frau Serke, Anfang des Jahres haben sich Stadt und Industrie im Westen auf neue Abstandsregeln geeinigt. Viele Bauprojekte, die jahrelang wegen der Seveso-Richtlinie auf Eis lagen, könnten jetzt Gestalt annehmen. Etwa die Parkstadt in Unterliederbach oder Häuser auf den Feldern zwischen Sindlingen und Zeilsheim. Was bewirkt das bei den Menschen im Westen?
Frankfurt wächst, natürlich müssen wir Wohnungen bauen, in der ganzen Stadt, nicht im Ortsbezirk 6 alleine. Aber wo ein neues Baugebiet entstehen, muss die Stadt sich bemühen, die Menschen einzubeziehen, die bereits dort wohnen. Sonst fühlen sich die Leute überrumpelt.

So wie in der Parkstadt.
Da ist die Aufregung groß. Die Unterliederbacher befürchten, dass die Stadt vorrangig Wohnungsbau plant. Oft kommt die Infrastruktur erst verzögert nach, die Verkehrsplanung, die Kindergärten, Schulen. Aber das ist alles ebenso wichtig wie Wohnungen. Der Stadtteil hat jetzt schon zu wenig Schulplätze, zu wenig Betreuungsplätze

Wie lässt sich die Nachbarschaft denn einbinden?
Ich würde mir wünschen, die Stadt würde mehr auf den Ortsbeirat hören. Wir kennen die Probleme vor Ort, auch die Befindlichkeiten. Aber wir merken immer wieder, dass wir lediglich eine Beraterfunktion haben. Die Stadt könnte unsere Anregungen ein bisschen ernster nehmen.

Zum Beispiel?
Ich erinnere mich, wie Sarah Sorge (damals städtische Bildungdezernentin) im Ortsbeirat das Gymnasium für Nied vorgestellt hat. Thomas Schlimme hat da schon gefragt, ob das nicht im Seveso-Gebiet liege, also ob die Stadt da überhaupt eine Schule bauen dürfe. Die Frage wurde brüsk abgewiesen. Später konnte die Schule dann tatsächlich wegen Seveso nicht gebaut werden.

In Nied hat die Stadt angefangen, das sogenannte Nieder Loch zu bebauen. Sendet das ein Signal an den Stadtteil? Dass die Stadt sich kümmert? Die Nieder sind in der Hinsicht ja angespannt?
Wir im Ortsbeirat glauben, das dort durchaus eine passende Bebauung entsteht. Für die Stadt ist das ein richtig gutes Projekt. Aber die Menschen vor Ort finden nicht, dass neue Wohnungen ihr Viertel aufwerten. Sie sind skeptisch. „Ich finde ja jetzt schon keinen Parkplatz, wie soll das werden, wenn noch mehr Leute hier wohnen?“, denken sie.

Wie könnte die Stadt die Nieder denn beeindrucken?
Um das Gefühl der Vernachlässigung zu entkräften, bräuchte es schon eine größere Anstrengung. Wenn die Stadt den Bahnübergang an der Oeserstraße ersetzen würde. Oder eine weiterführende Schule ansiedeln würde. Das wären Signale in den Stadtteil hinein. Von der Schule würde der ganze Westen profitieren. Wir werden da so ein bisschen abgespeist mit dem Gymnasium am Römerhof. Das ist aber für den Frankfurter Westen nicht so interessant, schon gar nicht für die Zeilsheimer oder Sindlinger.

Vereinsringsvorsitzender Hauke Hummel, hat gar einen eigenen Ortsbeirat für Nied gefordert. Um dem Stadtteil mehr Aufmerksamkeit zu bringen.
Ich glaube schon, dass Nied im Ortsbeirat gut repräsentiert ist. Mit Claudius Swietek von der FDP sitzt ein Nieder im Gremium. Auch die anderen Fraktionen haben Leute, die sich besonders um den Stadtteil kümmern. Bei der Protestsaktion der Bürger an der Therese-Herger-Anlage waren eine Reihe von Ortsbeiräten vor Ort, haben einen Beschluss im Gremium erwirkt. Dass die Stadt auf dem Platz ein Urban-Gardening-Projekt ermöglichen soll.

Also muss man den Ortsbezirk nicht neu aufteilen? Auch Thomas Schlimme von den Grünen hat so etwas mal gefordert.
Vielleicht sollte man eher ein paar der kleineren Ortsbeiräte Frankfurts zusammen legen, aus Kostengründen, um das mal ein bisschen provozierend umzudrehen. Der Ortsbeirat 6 zeigt jedenfalls, dass so etwas möglich ist.

Der Stadtteil Höchst genießt viel Aufmerksamkeit. Großprojekte, wie die Sanierung des Bolongaropalasts und der Neubau des Krankenhauses laufen ja.
Es hat sich viel getan in Höchst, das ist richtig. Das Mainufer ist verschönert, der Dalbergkreisel, die Vorplätze des Bahnhofs, der Bolongaropalast wird saniert. Aber das sind Prestigeprojekte für die Stadt. Nicht so sehr für die Menschen, die dort wohnen. Die schauen auch auf die scheinbar kleinen Angelegenheiten. Etwa, dass es ein Problem mit Drogenhandel in der Bruno-Asch-Anlage gibt. Das sieht die Stadt irgendwie nicht. Oder dass die Stadt den Verkehr nicht so überwacht, wie eigentlich nötig. Manch einer denkt, er könne sein Auto hinstellen, wo er will. Es passiert ja nichts. Dann bleibt der Bus stecken und alles staut sich.

Die Beschwerden häufen sich auch über Müll auf den Straßen.
Es wird zu wenig geahndet. Wir müssen aufpassen, dass die Leute darüber nicht ihren Glauben an die Politik und die Verwaltung verlieren. Die Großprojekte sind erfreulich und ein gutes Zeichen, dass sich die Stadt im Westen engagiert. Aber die Bürger nehmen sie im Alltag nicht so wahr wie den Gehweg vor der eigenen Haustür. Dort muss sich die Stadt auch engagieren, damit die Menschen gut leben können. Und nicht dauernd über Müll stolpern.

Was versprechen Sie sich vom Verkehrskonzept für die Höchster Altstadt, das der Ortsbeirat seit Jahren fordert?
Beim Thema Verkehr sind wir ein bisschen ratlos. Wir sind vor Ort und versuchen, praktikable Lösungen zu finden. Aber wir sind keine Experten. Die sitzen in der Stadtverwaltung. Da wünschen wir uns mehr Engagement. Ich glaube schon, dass ein Gesamtkonzept Lösungen für die Verkehrsprobleme aufzeigen könnte.

Zum Beispiel beim Poller in der Storchgasse.
Das ist ein prominentes Beispiel. Wir haben die Stadt gebeten, ein Verkehrskonzept für die Altstadt zu erstellen. Als da nichts kam, haben wir uns Gedanken gemacht, auch in Ortsterminen, wie wir den Verkehr aus der schmalen Storchgasse rausbekommen. Das hat nicht so gut geklappt, zugegeben. Aber jetzt haben wir von der Stadt eine ganz pampige Stellungnahme bekommen, Einzelmaßnahmen seien an der Stelle nicht angebracht, es benötige ein Gesamtverkehrskonzept. Also genau das, was wir eigentlich gefordert haben. Das aber immer noch nicht kommt, das steht auch in der Stellungnahme. Da fühlen wir uns, ehrlich gesagt, veräppelt.

Wie steht es um die Westerbachstraße in Sossenheim? Was tun gegen den Verkehrskollaps?
Das Gewerbegebiet dort benötigt eine direkte Anbindung an die Autobahn. Das Land wird das Nordwestkreuz ohnehin umbauen. Die Stadt muss aktiv werden und darauf dringen, dass die Verkehrsplaner die Probleme der Westerbachstraße beachten. Von alleine werden sie das nicht tun, die Stadt muss sich da engagieren. Und den öffentlichen Nahverkehr stärken.

Verkehrsdezernent Klaus Oesterling hat just gesagt, die Planungen für die Regionaltangente West liefen gut. Im kommenden Jahrzehnt werde sie in Betrieb gehen.
Wir alle hoffen auf die RTW und freuen uns auch darauf. Ich werde dann direkt von Sossenheim aus ins Stadion fahren können. Herr Oesterling darf uns das aber nicht als kurzfristige Lösung präsentieren. Wir brauchen jetzt eine Entlastung auf den Straßen.

Die Stadt plant, an der Griesheimer Ahornstraße schmucke Reihenhäuser errichten zu lassen. Ist das eine begrüßenswerte Aufwertung? Oder sollten dort lieber mehr geförderte Wohnungen für den Mittelstand entstehen, wie die Linke fordert?
Wir haben das im Ortsbeirat kontrovers diskutiert. Ich denke schon, dass die Häuser eine Aufwertung für das Quartier bedeuten. Die verschiedenen Wohnformen sollten eine gute Mischung bilden.

Wie steht es um den Stadtumbau Griesheim-Mitte? Ist der Ortsbeirat froh, dass sich was tut, oder entsetzt, weil es so lange dauert?
Wir alle freuen uns, dass es nun voran geht. Natürlich hätte früher etwas geschehen können. Die KEG war ja bereits dran, das Quartier zu überplanen. Jetzt geht es gefühlt von vorne los. Aber es nutzt nichts zu jammern. Immerhin geht es ja los.

Zur Person: Susanne Serke

Susanne Serke steht seit Mai 2016 dem Ortsbeirat 6 vor. Seit 2011 ist die 39-jährige Sossenheimerin für die CDU im Gremium tätig. 

Der Ortsbezirk 6 ist mit neun Stadtteilen und rund 130 000 Bürgern der bevölkerungsreichste der Stadt. Der Ortsbeirat vertritt die Interessen der Menschen aus Goldstein, Griesheim, Höchst, Nied, Schwanheim, Sindlingen, Sossenheim, Unterliederbach und Zeilsheim.

Die stärkste Fraktion ist die CDU  mit sechs Vertretern, die SPD folgt mit fünf. Grüne, Linke und BFF stellen je zwei Mitglieder. Einen Vertreter entsendet die FDP, dazu gesellt sich noch ein fraktionsloses Ortsbeiratsmitglied.

Die nächste Sitzung ist am Dienstag, 22. Januar, 17 Uhr, in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Höchst, Bolongarostraße 110. sky

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