Der Hölderlinweg verläuft von Frankfurt nach Bad Homburg.
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Der Hölderlinweg verläuft von Frankfurt nach Bad Homburg.

Hölderlin-Pfad

Auf den Spuren Hölderlins

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Eine neu aufgelegte Broschüre hilft auf der Suche nach dem Dichter, der zwei Jahre in Frankfurt gelebt und zwei weitere Jahre eine Liebschaft in Frankfurt gepflegt hat.

Friedrich Hölderlin war Frankfurts erster Einpendler. Zwischen 1798 und 1800 kam der Dichter jeden ersten Donnerstag zu Fuß aus Bad Homburg nach Frankfurt, um sich dort heimlich mit seiner Geliebten Susette Gontard zu treffen. 208 Jahre später kam der Regionalpark Rhein-Main auf die Idee, die Reiselust des damaligen Hauslehrers für die Ausschilderung eines Hölderlinpfads zu nutzen. Die schöne Broschüre dazu war zuletzt vergriffen, wurde jetzt in Zusammenarbeit mit dem Umweltamt Frankfurt aber wieder neu aufgelegt.

Wie so viele heutzutage war seinerzeit auch Hölderlin zum Arbeiten nach Frankfurt gekommen. Eine kirchliche Laufbahn hatte er nach seinem Theologiestudium trotz intensiven Bittens seiner Mutter abgelehnt. Um finanziell über die Runden zu kommen, verdingte sich der Lyriker als Hauslehrer für Kinder aus reichem Elternhaus. So gelangte er 1796 in das Haus des betuchten Frankfurter Kaufmanns Jakob Friedrich Gontard. Dessen Anwesen war der „Weiße Hirsch“, ein großzügiger Gebäudekomplex, dessen Haupthaus im Großen Hirschgraben 3 stand, eine Adresse, die es heute nicht mehr gibt.

Mit Gontards Sohn Friedrich Heinrich freundete sich Hölderlin an, noch besser aber verstand er sich mit Gontards Gattin Susette. Als die Liaison 1798 ruchbar wurde und der Hausherr davon erfuhr, flüchtete Hölderlin zu seinem ehemaligen Studienfreund Isaac von Sinclair nach Bad Homburg. Doch von seiner geliebten Susette wollte er nicht lassen. Er traf sie einmal im Monat am Sommersitz der Gontards, dem Adlerflychthof im Nordend. Jeden ersten Donnerstag Schlag zehn Uhr am Morgen trafen sie sich dort heimlich, um durch die Hecke des Anwesens Briefe austauschen zu können. Dann lief der passionierte Wanderer wieder nach Bad Homburg zurück.

Hölderlin hat in Frankfurt nicht viele Spuren hinterlassen. Den Weißen Hirschen gibt es lange nicht mehr, der Hölderlinpfad beginnt daher dort, wo sich die meisten Touristen für einen ganz anderen interessieren: unmittelbar vor dem Goethe-Haus. Hölderlin und der 21 Jahre ältere Johann Wolfgang von Goethe hatten nicht gerade ein inniges Verhältnis. Ihr erstes Treffen, im Hause Friedrich Schillers in Jena, hatte etwas Tragikomisches. Der junge Hölderlin erkannte Goethe nicht und als Schiller ihn vorstellte, verstand er Goethes Namen nicht. Goethe hingegen blätterte durch Hölderlins Frühwerk „Hyperion“ und legte es dann kommentarlos zur Seite, was Hölderlin die Schamesröte ins Gesicht trieb. „Hätte ich gewusst, wer er war, wäre ich stattdessen leichenblass geworden“, schrieb Hölderlin Jahre später.

An der Ecke Großer Hirschgraben/Weißadlergasse sind heute beide auf einem Verkehrsschild vereint, denn dort beginnt sowohl der Hölderlinpfad als auch der Goethe-Rundweg. Bezeichnenderweise trennen sich ihre Wege gleich, Goethes Wegweiser zweigt nach rechts ab, Hölderlins nach links. Dem von Hans Traxler gezeichneten Signet Hölderlins durch Frankfurt zu folgen, ist nicht leicht. Wer nicht weiß, wo der Pfad langführt, wird ihm kaum folgen können. Vor allem in der Innenstadt gibt es kaum Hinweisschilder. Noch schwerer gerät die Spurensuche nach dem 1866 abgerissenen Adlerflychthof. Die Broschüre des Umweltamts verortet ihn an der Adlerflychtstraße. Das Institut für Stadtgeschichte bemüht auf Nachfrage eine alte Karte und sieht das historische Anwesen eher auf der heutigen Hermannstraße.

Auch weitere Anknüpfpunkte sind auf dem 22 Kilometer langen Pfad schwer zu finden. „Nicht alle Wegabschnitte, die Hölderlin zurücklegte, sind noch nachvollziehbar“, gesteht Rainer Zimmermann vom Umweltamt, womit er noch ein bisschen untertreibt. Denn welche Route Hölderlin genommen hat, ist nicht überliefert. Einen Anknüpfpunkt gibt es am Frankfurter Berg. Die alte Homburger Allee, heute Homburger Landstraße, dürfte auch Hölderlin zu Fuß gelaufen sein. „Er musste ja irgendwo über die Nidda“, gibt Zimmermann zu Bedenken und allzu viele Querungen gab es damals noch nicht. Südlich der S-Bahn-Station Frankfurter Berg gibt es Linden, die so alt sind, dass Hölderlin sie fast schon gesehen haben könnte.

Ansonsten verläuft der Hölderlinpfad meist auf Wegabschnitten, die vor allem schön zu laufen sind. Die Route verläuft hinter Bonames und Kalbach sowie entlang der idyllischen Kätcheslach, vorbei am kaum bekannten Kätcheslachweiher. Wer am Ende des Parks aufmerksam schaut, stutzt vielleicht über ein Metallschild, das über dem Bachlauf angebracht ist: „herzergoßn Friedrich Hölderlin: Schwärmerei“, prangt auf einem kleinen Metallschild, das ein Überbleibsel eines früheren Projekts zu Ehren des Lyrikers ist.

Am Rande des Riedbergs, wo die Route auf die Straße „Am Weißkirchener Berg“ trifft, wird sich manch Naturliebhaber denken: So viele Straßen musste Hölderlin gewiss nicht überqueren. Denn kurz darauf muss auch die A5 überquert werden. Direkt dahinter klärt eine große Tafel zur Regionalparkroute erstmals über die Hintergründe des Hölderlinpfads auf. Eine weitere Tafel folgt wenig später am Kronenhof. Wer von dem Hofgut zurückschaut, hat einen wunderbaren Blick auf die Frankfurter Skyline. Eine Orientierungshilfe, die Hölderlin bei seinen Fußmärschen zwischen der Kur- und der Messestadt in dieser Form noch nicht hatte.

In Bad Homburg selbst ist über Hölderlin mehr zu finden. Der Weg zum Geburtshaus seines Studienfreunds Sinclair ist sogar ausgeschildert. Der schöne Barockbau aus dem Jahr 1700 steht unweit des Schlossgartens, in der Löwengasse 15. So ganz groß scheint aber auch in Bad Homburg das Interesse an Hölderlin nicht zu sein. Die Dauerausstellung im Schloss „ Hölderlin – eine Zeitreise“, die in der neu aufgelegten Broschüre noch beworben wird, sei auf „null Interesse“ gestoßen und wurde daher abgebaut, wie eine Mitarbeiterin der Stadt verrät. Eine weitere, sehr kleine, Ausstellung zu Hölderlin gibt es noch im Gotischen Haus im Stadtteil Dornholzhausen.

Bad Homburg kann auch ein Wohnhaus Hölderlins vorweisen. Am Haus Dorotheenstraße 34 weist eine kleine Tafel darauf hin, dass der Dichter hier von 1804 bis 1805 gewohnt habe. Dies war allerdings schon während Hölderlins zweitem Aufenthalt in Bad Homburg. Da war Susette Gontard schon tot, sie starb 1802 mit nur 33 Jahren. Für Hölderlin war ein Fußmarsch von Bad Homburg nach Frankfurt daher nicht mehr lohnenswert. Über die Wanderungen ist in seinen Werken wenig zu finden. In seinem zentralen Werk Diotima ist Susette Gontard aber wohl sein Vorbild für die dortige Frauengestalt. Hölderlin soll den einfachen Weg zwischen Bad Homburg und Frankfurt übrigens in rund drei Stunden zurückgelegt haben. Für viel Muße hatte er da keine Zeit, aber es war für ihn ja auch eine Pendelstrecke.

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