Sie brauchen unseren Schutz, sonst sind sie bald weg aus Frankfurt: Rebhühner.
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Sie brauchen unseren Schutz, sonst sind sie bald weg aus Frankfurt: Rebhühner.

Stadtnatur

Was sprießt und piept denn da in Frankfurt?

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Neues aus der Stadtnatur: Blühende Kräuter haben es zurzeit gut, die Vögel eher nicht. Für den Agrarraum möchte der Nabu ein Vogelschutzkonzept durchsetzen.

Kürzlich hatten wir es von der üppigen Pracht der kleinen Blümelein in diesem Jahr: Löwenzahn und Gänseblümchen, wie sie praktisch jeden Quadratzentimeter Boden bewachsen, als gäbe es kein Morgen. Oder als sei Corona der beste Dünger. Weil sich die Fachleute nicht 100-prozentig einig waren, ob es tatsächlich mehr oder anders blüht als in früheren Jahren, hat die Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) noch einmal im Botanischen Garten nachgehorcht.

Und? Dort lässt sich auf jeden Fall die Frage nach bunteren Wiesen bejahen – weil es trockener war. Klingt paradox, ist aber so. „Zumindest in unserer Schachblumen-Feuchtwiese war der Gräseraufwuchs 2019 und 2020 geringer“, erklärt der stellvertretende Technische Leiter Andreas König, was zum Beispiel zu einer Zunahme blühender Knabenkräuter (Dactylorhiza majalis) geführt habe. Davon gab es 15 Exemplare im Jahr 2016, 28 im Jahr 2019 und in diesem Jahr 36.

„Schöne Entwicklung“, sagt König. Und erklärt: „Es ist eine alte landwirtschaftliche Weisheit, dass Wasser (Regen) den Stickstoff im Grünland in gewissem Umfang ersetzen kann. Also ist der Gräseraufwuchs in nassen Jahren stärker als in trockenen.“ Das bringe Vorteile für lichtbedürftige, bunt blühende Rosettenpflanzen.

Im Botanischen Garten werden laut König auch die Glatthaferwiesen schon seit Jahrzehnten ganz ohne Düngung bewirtschaftet – das mache sie so besonders bunt und artenreich. Eben deshalb plante König für kommende Woche eine Wiesenführung, doch auch diese Veranstaltung fiel Corona zum Opfer.

„Die vielen Gänseblümchen, Bellis perennis, in städtischen Grünanlagen sind mir in diesem Jahr auch aufgefallen, ohne dass ich sagen könnte, ob da eine Zunahme vorliegt“, schildert der Botaniker. Er vermutet: Bei Rasen in Wassernähe, etwa am Frankfurter Messekreisel, könnten auch weidende Gänse den kleinen Rosettenpflanzen Vorteile bringen.

Apropos Gänse: Über die Vögel in der Stadt hat sich die Dezernentin ebenfalls erkundigt, aber eher über die singenden, und zwar beim Frankfurter Nabu-Vorsitzenden Volker Bannert. Er sagt allerdings, ob da viel oder wenig zwitschere in diesem Jahr, sei noch schwer zu beurteilen. Vogelbestände schwankten teils stark, weil ihr Nahrungsangebot ebenfalls schwanke. Deshalb hätten die Tiere nicht in jedem Jahr gleich viel Nachwuchs.

Wie groß die Schar der Mauersegler etwa ist, wird sich zeigen, wenn die Jungen Mitte oder Ende Juni ausfliegen und lautstark rufen. Zu Schwalben hat der Nabu in diesem Frühjahr eine Umfrage gestartet (www.nabu-frankfurt.de/formulare/schwalben). Dort können Bürgerinnen und Bürger Nistplätze melden. Auf die Ergebnisse ist Bannert gespannt, auch wenn selbst danach eine große Dunkelziffer bleiben dürfte.

„Ich würde auch sagen, dass es in absoluter Zahl weniger Vögel werden“, sagt Bannert. „Wenn ich im Enkheimer Ried Vögel beobachten gehe, dann meine ich behaupten zu können, dass ich dort vor 20 Jahren morgens um die gleiche Zeit erheblich mehr gehört habe.“ In überregionalen Studien bestätigt die Wissenschaft diesen Trend.

Sorgen macht sich der Nabu-Vorsitzende vor allem um die Vogelarten im Agrarraum: „Wir haben vielleicht noch zehn Rebhühnerpaare in Frankfurt, und deren Aussterben ist greifbar.“ Gemeinsam mit den Landwirten müsse ein Notprogramm her, das sich am Konzept der Vogelschutzwarte orientiere: „Andernfalls sehe ich für die Art keine Zukunft mehr.“

Zum Schluss etwas Positives: Grünfinken und Amseln haben sich von grassierenden Krankheiten wohl erholt – ihre Gesänge sind laut Bannert wieder verstärkt zu hören.

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