1. Startseite
  2. Frankfurt

Sprachforscher: „Das Frankfurterische hat mich seit jeher interessiert“

Erstellt:

Von: Steven Micksch

Kommentare

Carsten Keil ist Frankfurter und forscht zum Frankfurter Stadtdialekt. Foto: Privat
Carsten Keil ist Frankfurter und forscht zum Frankfurter Stadtdialekt. Foto: Privat © privat

Carsten Keil hat untersucht, wie sich die Frankfurter Mundart im Laufe der Zeit verändert hat.

Ihre CH-Koronalisierung und Ihre Spirantisierung von B und G ist wirklich ausgeprägt. Und Ihre A-Schwa Tilgung ist wirklich meisterlich. Was? Das klingt für Sie alles Chinesisch? Nun keineswegs, denn es ist Frankfurterisch. Besser gesagt Neu-Frankfurterisch oder wie es Carsten Keil bezeichnet: „RMV-Hessisch“.

Keil ist hauptberuflich in der Vermögensverwaltung tätig, doch in seiner Freizeit auch Sprachforscher. Er ist Kooptierter des Deutschen Sprachatlas. „Früher hätte man Privatgelehrter gesagt.“ Vor gut fünf Jahren promovierte der 52-Jährige in Germanistik am Deutschen Sprachatlas, seine Dissertation beschäftigte sich mit einem selbstentwickelten „Vokaljäger“, einem Machine-Learning-Algorithmus, der den Frankfurter Dialekt phonetisch messen soll. „Das Frankfurterische hat mich seit jeher interessiert“, sagt der gebürtige Frankfurter, der fast ohne Unterbrechung sein ganzes Leben in der Mainmetropole verbracht hat.

Keil versucht den „untergegangenen Frankfurter Stadtdialekt“ zu dokumentieren, publiziert das Frankfurter Aussprachewörterbuch in analoger und digitaler Form. Und damit sind wir direkt im Thema drin. Der 52-Jährige unterteilt die Frankfurter Sprache in drei Zeitabschnitte. Das heute gesprochene Neu-Frankfurterisch, das klassische Frankfurterisch aus der Zeit um 1920 und das bereits erwähnte (untergegangene) alte Frankfurterisch um 1850 und genaugenommen noch ältere Sprachteile aus der Zeit um 1800 herum. „Das alte Frankfurterisch spricht heute niemand mehr“, sagt er. Dazu zählen Begriffe wie Fraind, Daiwwl, Flesch oder Pert. Auch der I-Diminutiv vor dem S ist nicht mehr präsent. So sagen Frankfurter:innen heute eben Hoisschä statt Hoisi.

„Es gibt so 50 Kriterien, was man als Frankfurterisch definieren kann“, sagt Keil. Beispielsweise das abfallende E oder N, etwa beim Wort essen. „Isch ess“ heißt das. Oder die andere Aussprache von „nicht“, „das“ oder „wir“. Däs saache mäa nätt. Bei der Erforschung des Dialekts von 1800 bis 1920 half Keil natürlich die Literatur. Menschen wie Hans Ludwig Rauh oder Johann Joseph Oppel forschten zu ihren Lebzeiten zur Frankfurter Mundart und schrieben die Erkenntnisse nieder.

Den aktuellen Stand des Neu-Frankfurterischen hat der Dialektforscher aus Sprachaufnahmen der letzten Jahrzehnte gewonnen. Daran erkannte er, dass manche dieser 50 Kriterien noch heute gesprochen werden. „Aber bei weitem nicht mehr alle.“ Manche seien jedoch nicht einfach verschwunden, sondern haben sich umgewandelt. So wurde früher „fliegen“ als flieje oder „morgen“ als mooaje ausgesprochen. Mittlerweile sind es eher fliesche und moasche. Und es seien auch ganz neue entstanden: Was früher khald und ald war ist heute kaal und aal.

Mitmachen

Carsten Keil würde gern eine Erhebung zum Stand des Frankfurterischen in der Stadt machen. Dazu hat er einen Testsatz erstellt.

„Das alte graue Mäuschen hat neben den blauen Vögelchen auf dem schönen Weg gesessen und gesagt: Ich freue mich besonders, dass ihr morgen fliegen könnt.“

Wer beim Experiment mitmachen möchte, sollte den Satz in das persönlich gesprochene Frankfurterisch übertragen und aufschreiben oder eine Sprachdatei davon erstellen. Antworten Sie ganz spontan, schauen Sie nicht heimlich vorher im Frankfurter Aussprachewörterbuch nach und drücken Sie Ihr Frankfurterisch lautstark aus, die deutsche Rechtschreibung gilt dabei nicht.

Schicken Sie Ihre Antwort an dialektfrage@frankfurterisch.org als E-Mail. Dort wird sie ausgewertet und eine Analyse aller Einsendungen in ein paar Wochen auf frankfurterisch.org publiziert.

Hilfreich wäre es folgende Informationen zu nennen: Wie bezeichnen Sie Ihren Dialekt? Wann sprechen Sie diesen? Wie alt sind Sie? Haben Sie Frankfurter Wurzeln? In welchem Stadtteil wohnen Sie?

Die Einsendung wird nur für die oben genannte Analyse verwendet und danach gelöscht. mic

Nach all den Beispielen stellt sich noch die Frage, wo denn die Grenze zum Hessischen liegt? Da spricht Keil vom archaischen Ur-Hessisch, das es in Reinform nur noch in Dörfern gibt, vielleicht etwa im Wetterauer-Hinterland. Im Ur-Hessischen sind fast alle Vokale verdreht. Statt „lieb“ würde man leib sagen oder statt „schlafen“ schlofe. Der zweite große Unterschied ist ein Rhotazismus. Dabei wird ein zwischen Vokalen stehendes T zu R. Also statt Wetterau dann Werrera. „Im Vergleich zum Frankfurterischen ist das für andere eher unverständlich.“

Menschen, die nur noch reinen archaisch hessischen Dialekt sprechen, seien mit der Einführung des Rundfunks quasi ausgestorben. In der Regel „switchen“ die Menschen zwischen dem regionalen Frankfurterisch und Hessisch. Interessant ist noch, wenn man ganz Hessen betrachtet. Bei Kassel verläuft die sogenannte Benrather Linie. Diese trennt das Hochdeutsche vom Niederdeutschen. Ganz im Norden Hessens herrsche also das Niederdeutsche oder Norddeutsche vor. Um Marburg rum, gibt es das Zentralhessische (Ur-Hessisch), so Keil. Im Darmstädter Bereich ist das Südhessische oder Rheinfränkische verbreitet. Und Frankfurt liegt direkt zwischen dem Zentralhessischen und Rheinfränkischen.

Angst, dass das Frankfurterische von anderen Dialekten vertrieben wird, brauche man aber nicht haben. „Das ist stabil“, sagt Keil. Es ist fast eher das Gegenteil. Um 1920 sprach man in Berkersheim noch Zentralhessisch. Ebenso, wenn auch mit abgemilderter Archaik, in Sachsenhausen und Oberrad. Mittlerweile ist dort auch Neu-Frankfurterisch vorherrschend. „Dieser Dialekt ist das, was uns hier ausmacht.“

Das Frankfurter Aussprachewörterbuch gibt es unter frankfurterisch.org im Internet.

Auch interessant

Kommentare