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Fit bleiben mit der TG Bornheim: Trainer Steffen Halbig beim Aufzeichnen eines Videos.

Sport

Vereine in Frankfurt schwenken auf Onlinekurse um

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Viele Frankfurter Vereine bieten wieder Livestreams an, um die Menschen in Bewegung zu halten. Die erneuten Einschränkungen können sie nicht nachvollziehen.

Seit Dienstag ist die Turngemeinschaft (TG) Bornheim wieder live auf Sendung. Da alle Einrichtungen des Freizeit- und Breitensportbetriebs seit Donnerstag nach einem Beschluss des Landes Hessen wegen der Coronavirus-Pandemie geschlossen werden mussten, weicht der Verein wieder auf Onlinekurse aus. Unfreiwillig, aber mit vollem Elan.

„Wir senden täglich zwei Stunden, am Samstag und Sonntag sogar vier Stunden“, berichtet Vorsitzender Peter Völker. Vier bis sechs weitere Sportstunden von Aerobic bis Yoga werden aufgezeichnet und in die Mediathek hochgeladen. Getestet wird auch der Kurs „Babys in Bewegung“.

Wie schon beim ersten Lockdown von März bis Mitte Mai hat die TG Bornheim zwei Kameras und ein Mischpult in einer Halle aufgebaut, in der die Trainer die Übungen vormachen, damit die Mitglieder sich zu Hause vor dem PC, Tablet oder Handy fithalten können. „Wir tun alles, um die Menschen weiter bewegen zu können“, betont Völker. Aktuell ist die Mediathek noch für alle zugänglich. Der Verein arbeitet aber daran, sie demnächst nur noch Mitgliedern exklusiv zur Verfügung zu stellen.

Das komplette Sportverbot für die Vereine hält Völker für „ausgesprochen schwierig“. Was nach dem ersten Lockdown in den vergangenen Monaten mühsam aufgebaut wurde, „wird jetzt alles kaputt gemacht“. Er hätte sich vieles vorstellen können: Eine Sperrstunde für den Sport oder weitere Regeln, um dafür zu sorgen, dass das Coronavirus sich nicht weiter ausbreitet. „Das Einfachste ist aber erst mal, alles zuzumachen“, kritisiert Völker. Dabei seien Sportler diszipliniert, hielten sich an die Regeln und es gebe keine Hinweise darauf, dass sich jemand im Verein angesteckt habe.

Regeln

Alle Einrichtungen des Freizeit- und Breitensportbetriebs sind seit Donnerstag in Hessen wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Das gilt für überdachte Sportanlagen wie Hallen oder Schießstände sowie für Anlagen im Freien.

Sport als Individualsport im öffentlichen Raum wie Joggen, Radfahren oder Wandern ist nach der neuen Regelung weiter möglich. Auch Reiten, Rudern oder etwa Segeln ist erlaubt. Die Entnahme von Sportgeräten aus Sportanlagen ist zu diesem Zweck gestattet.

Der Trainings- und Wettkampfbetrieb des Spitzen- und Profisports sowie der Schulsport bleiben ebenso erlaubt, sofern ein Hygienekonzept vorliegt. Auch Tischtennisplatten und Trimm-dich-Pfade in Parks sind weiter benutzbar. dpa

Holger Wessendorf, Geschäftsführer der FTG Frankfurt, sieht das ähnlich. „Ich will nicht behaupten, dass der Sport kein Risiko darstellt, aber man hätte einen moderateren Weg einschlagen können“, sagt er. Wessendorf und Völker hätten sich gewünscht, dass vor allem Kinder und Senioren vom erneuten Sport-Lockdown ausgenommen werden. „Wir haben gerade für den Kindersport sehr dezidierte Pläne erarbeitet“, berichtet Wessendorf. Unter anderem wurden die Turngeräte mit Kunststofffolie überzogen, um sie einfacher desinfizieren zu können.

Für jedes ihrer drei Sportcenter hat die FTG Frankfurt ein eigenes Hygienekonzept geschrieben und die nötigen Utensilien wie Desinfektionsmittel für Sanitäranlagen und Umkleidekabinen besorgt. „Wir haben uns auch entschieden, alle Besucher zu erfassen, wann sie gekommen sind, wann sie gegangen sind, obwohl das vom Land Hessen nicht vorgegeben war, um im Falle einer Infektion dem Gesundheitsamt die Möglichkeit einer Nachverfolgung zu geben“, erzählt Wessendorf. Neben dem finanziellen bedeute das auch einen sehr hohen organisatorischen Aufwand.

Einen Corona-Fall, der direkt im Verein ausgelöst wurde, gab es nicht. Insgesamt hätten sich vier Personen gemeldet und mitgeteilt, sie seien infiziert. „Das haben wir an das Gesundheitsamt weitergegeben“, sagt Wessendorf.

Die FTG bietet nun wieder Livestreams an, „um den Schaden so gering wie möglich zu halten“. Täglich gibt es Kinder- und Jugendkurse sowie Yoga, Zumba und Pilates für Erwachsene.

Durch die rigorose Schließung aller Sportanlagen gehen der FTG auch Mieteinnahmen verloren. Für Squash, Badminton und Tennis, die im Verein angeboten werden, wäre es schließlich durchaus möglich gewesen, dass zwei Personen oder eine Familie die Halle für ein paar Stunden mieten, ohne die Kontaktbeschränkungen zu verletzen. Das hat das Land Hessen aber untersagt.

Die FTG befürchtet, dass sich jetzt viele Mitglieder vom Verein abwenden. Wessendorf geht bei einem Stand von 9600 Mitgliedern Anfang Januar von einem Rückgang um bis zu 15 Prozent bis Ende des Jahres aus. Dann müssten sich die Vereine überlegen, ob sie ihr Angebot noch aufrechterhalten können oder Einsparungen vornehmen müssen.

Kleines Fernsehstudio in der Turnhalle

Beim Turnverein Sindlingen stellt sich die Situation etwas anders dar: Der Verein hat in den vergangenen Monaten rund 30 neue Mitglieder gewonnen. „Wir haben ein kleines Fernsehstudio in unserer Turnhalle eingerichtet und streamen in der Woche 16 Übungsstunden über Zoom“, berichtet Vorsitzender Michael Sittig. Trotz der Mietausfälle für die Nutzung der Halle durch Schulen und andere Vereine seien die Herausforderungen zu bewältigen.

Ganz extrem leide jedoch das Vereinsleben, der soziale Kontakt und der Austausch untereinander. Die Jahreshauptversammlung des TV Sindlingen samt Vorstandswahlen ist mehrfach verlegt worden. „Wir haben einige im Vorstand, die aufhören wollen und jetzt weitermachen müssen“, sagt Sittig. „Wichtig ist aber zu zeigen, dass wir da sind und uns nicht einigeln.“

Das gilt auch für die TG Bornheim und die FTG Frankfurt. Die Klubs wünschen sich neben einem schnellen Ende des Lockdowns vor allem finanzielle Unterstützung. „Wir haben die Hoffnung, dass die Vereine beim Zuschuss für Soloselbstständige nicht außen vor bleiben“, sagt Wessendorf. Bei der TG Bornheim gibt es 400 Übungsleiter, von denen einige ihren Lebensunterhalt hauptsächlich auf diese Weise bestreiten. „Das waren auch die Leidtragenden beim ersten Lockdown“, sagt Völker.

Der TG-Vorsitzende hält es für zwingend erforderlich, dass die Vereine ihre Stimme erheben und ihre Bedeutung für die Gesellschaft deutlich machen. „Wir tun etwas gegen die Vereinsamung der Menschen und für die Gesundheit der Kinder“, betont Völker. Die physische und psychische Komponente sei beim erneuten Lockdown des Sports nicht bedacht worden.

Viele Vereine bieten Livestreams an oder haben eine Mediathek: www.tgbornheim.de, www.ftg.frankfurt.de, www.sgnied.de oder www.tv-sindlingen.de. Die Mainova hat zudem eine Übersicht erstellt von Vereinen, die auf Youtube oder anderen Videoportalen etwas anbieten: www.mainova-sport.de.

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