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Daniel Cohn-Bendit ist ein überzeugter Europäer.

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Sponti und Genussmensch - Daniel Cohn-Bendit wird 75

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Im Profil: De Gaulle verwies den Studentenführer einst des Landes, später wurde er ein Vorreiter des europäischen Gedankens. Am Samstag wird Daniel Cohn-Bendit 75 Jahre alt.

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen seit diesem großen Auftritt im Studierendenhaus der Universität Frankfurt am Main. Am 21. März 1970 versammelten sich dort zum letzten Mal Funktionäre des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Und Daniel Cohn-Bendit versuchte das Auditorium mit einer Brandrede aufzurütteln. Was es jetzt dringend brauche, sei eine deutschlandweite, einheitliche, revolutionäre Organisation in der Nachfolge des SDS. Doch es half nichts. Der SDS löste sich auf, zerfiel in rivalisierende politische (Klein-)Gruppen.

Heute lebt der ehemalige Studentenführer, der als „Dany Le Rouge“ schon 1968 in Frankreich Weltruhm erlangt hatte, mit seiner Ehefrau in einer Senioren-WG in Frankfurt. Am heutigen Samstag, 4. April, feiert er seinen 75. Geburtstag.

Frankfurt als Heimat blieb seit 1968 die Konstante in einem sehr bewegten Leben. Dass er den Mythos der Revolte von 68 verkörpert, bedeutet für Cohn-Bendit Last und Lust zugleich. Wie kaum ein anderer Politiker hat der Grüne aber auch den europäischen Gedanken gelebt. Geboren als Sohn deutscher Migranten im französischen Montauban, arbeitete er an der Versöhnung von Deutschland und Frankreich. Sein Vater Erich hatte als Rechtsanwalt am Ende der Weimarer Republik gegen die erstarkenden Nazis gekämpft. Nach deren Machtergreifung 1933 floh das Ehepaar Cohn-Bendit nach Frankreich und überlebte im Süden des Landes in immer neuen Verstecken die deutsche Besatzung.

De Gaulle wies ihn aus

Sohn Dany wuchs in Paris auf, die Eltern trennten sich, der Vater ging nach Frankfurt und stritt dort als Anwalt für die Entschädigung von Nazi-Opfern. Mit 13 Jahren zog auch Dany mit seiner Mutter nach Frankfurt um, weil sein Vater an Krebs erkrankt war. Ein Jahr später starb der Vater, der stets Zigaretten und Alkohol geliebt hatte. Dany hatte mit ihm noch viele gute Restaurants besucht, das prägte ihn: „Ich bin ein Sponti und Genussmensch.“

1963 starb auch die Mutter. Mit 18 Jahren Vollwaise, kehrte Cohn-Bendit nach Paris zurück, wo er 1968 zu einem Anführer der Studentenrevolte aufstieg. Als der französische Präsident Charles de Gaulle ihn im Mai des Jahres auswies, musste der junge Mann binnen Stunden eine neue Heimat finden. Er wählte Frankfurt.

Auch hier war er bald ein Star der 68er Bewegung. Die politische Theorie und umfangreiche Konzepte interessierten ihn nie, er liebte die Aktion. „Meine Doktorarbeit habe ich auf der Straße gemacht“, sagt er. Immer wieder bevorzugte er die großen Auftritte, die fetzigen Reden vor Auditorien, die er begeisterte. Als sich 1978 in Frankfurt und anderswo die Vorläufer der Grünen sammelten, war er dabei.

In der grünen Partei wurde er gemeinsam mit Joschka Fischer, dem späteren Bundesaußenminister, Wortführer des realpolitischen Flügels. Doch Cohn-Bendit und Fischer sind unterschiedliche Charaktere. Während „Joschka“ in den Jahren vor den Grünen seine Macho-Allüren auch mit dem Verprügeln von Polizisten auslebte, schwört „Dany“ bis heute, er habe eher Angst vor Gewalt.

1989 schrieb er in Frankfurt politische Geschichte, als er das erste Dezernat für multikulturelle Angelegenheiten übernahm und bis 1997 führte. Sein bleibendes Verdienst: Er machte gegen den heftigen Widerstand konservativer Kräfte in CDU wie SPD deutlich, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Von 1994 bis 2014 arbeitete er im Europäischen Parlament an seiner Vision vom geeinten Europa, allen Rückschlägen zum Trotz.

Auch den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron unterstützt er, weil er ihn für einen Vorkämpfer für Europa hält. Heute ist „Dany“ ruhiger geworden. Zu Wort aber meldet er sich noch immer.

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